Kriegskritische US-Soldaten Heimkehr im Sarg
New York - Omar Mora wollte seinem neuen Heimatland zeigen, wie stolz er war. Also schrieb sich der gebürtige Ecuadorianer, der als Zweijähriger mit seiner Mutter Olga nach Texas gekommen war, in der US-Armee ein und zog in den Irak. "Er liebte sein Land und wollte helfen", sagte sein Stiefvater Robert Capetillo dem "Houston Chronicle".
Yance Gray war der geborene Krieger. "Mein Sohn war im Herzen Soldat, seit er fünf war", erinnerte sich seine Mutter Karen Gray. "Er liebte, was er tat." Aufgewachsen auf einer Farm im tiefsten Montana, ging Gray gemeinsam mit vier Freunden direkt von der High School zur Armee. Er diente in Afghanistan, dann im Irak.
Doch Mora, 28, und Gray, 26, waren bald desillusioniert. Mitte August, wenige Wochen vor ihrer Heimkehr, verfassten sie mit einer Handvoll Kameraden einen kriegskritischen, aufsehenerregenden Essay für die "New York Times". "Vom Irak aus gesehen scheint die politische Debatte in Washington geradezu surreal", berichteten die sieben Soldaten. "Die ganz banalen Dinge des Lebens sind hier zu einem todesverachtenden Akt geworden."
Worte, die zum Omen wurden. Am Montag - demselben Tag, da ihr Oberkommandierender, General David Petraeus, vor dem Kongress seine mäßigen Erfolgsszenarien präsentierte - kamen Mora und Gray in Bagdad ums Leben.
Lebenstraum Fallschirmjäger
Keine Geschichte bringt einem die Komplexität der Irak-Debatte dieser Tage wohl näher als die von Sergeant Mora und Staff Sergeant Gray - eine Geschichte, die einen bitteren Gegenpol bildet zu dem Optimismus, den Präsident George W. Bush gestern Abend in seiner Rede an die Nation verbreitete.
Beide Soldaten waren mit wehenden Fahnen in den Krieg marschiert - Musterbeispiele der Mission, wie sie Bush gestern neu definierte: "Dem Irak helfen, die zu besiegen, die seine Zukunft bedrohen und unsere." Mora - ein Hobbyfußballer mit rundem Kindergesicht, der es liebte, an Autos zu basteln - war seit 2004 bei der Armee und wollte später zu den Special Forces. Doch um dorthin zu kommen, musste der Latino warten, bis sein Antrag auf Einbürgerung durchkam. Auf die Bearbeitung dieses Antrags wartete er seit langem.
Als Mora sich zu seiner zweiten Irak-Tour verabschiedete, blieben seine Frau Christa und seine fünfjährige Tochter Jordan im Militärstützpunkt Fort Bragg zurück. Wie immer hängten sie eine gelbe Schleife ans Haus, ein Symbol dafür, dass man an denjenigen denkt, der von zu Hause fort muss.
Auch im Dorf Ismay in Montana hingen gelbe Schleifen. Yance Gray - fröhlich, schlaksig, rotblondes Haar - liebte die Wildnis Montanas. Doch noch mehr liebte er das Militär. Als er als Fallschirmjäger zur 82nd Airborne Division durfte, erfüllte sich sein Lebenstraum.
Düstere E-Mails aus Bagdad
In seinem MySpace-Profil beschrieb Gray, den sie nur "Tell" nannten, warum er Soldat geworden war: "Um ein guter Mensch zu sein, an den sich andere in Zeiten der Not wenden können. Um ein großartiger Vater zu werden." Seine Tochter Ava Madison wurde im April dieses Jahres geboren.
Mora und Gray landeten mit derselben Einheit im Irak: 1st Squadron, 73rd Cavalry Regiment, 2nd Brigade Combat Team, 82nd Airborne Division. Ein brandneuer Hightech-Spähtrupp, der berühmten Fallschirmjägerdivision angebunden. "Ein Zug hat mehr Feuerkraft als eine ganze Panzerabwehrkompanie", prahlte ihr Kommandeur, Oberstleutnant Ross Davidson, noch letztes Jahr.
Doch die Dinge liefen nicht gut. Die E-Mails, die Mora nach Hause schickte, klangen immer düsterer. Seine Kameraden und er fühlten sich wie "eine Besatzungstruppe, die eine ohnehin widerwillige Gastfreundschaft seit langem überstrapaziert". Im April wurde Mora bei einer Bombenexplosion verletzt und musste für zwei Wochen zur Behandlung in die USA. Kaum in den Irak zurückgekehrt, starb einer seiner Freunde in seinen Armen.
Das Pentagon distanziert sich vom kritischen Bericht der Soldaten
Im Sommer setzten sich Mora und Gray mit fünf Kameraden zusammen: Buddhika Jayamaha, Jeremy Murphy, Jeremy Roebuck, Edward Sandmeier und Wesley Smith. Gemeinsam schrieben die Soldaten ihre Gedanken auf, um der Heimatfront mal zu erklären, was wirklich im Irak los war.
Zurechtweisung vom Pentagon
Das Ergebnis - 1416 Worte zwischen Mut und Wut, Patriotismus und Ernüchterung - erschien am 19. August auf der Kommentarseite der "New York Times". Unter der Überschrift "Der Krieg, wie wir ihn sahen" nahmen die Soldaten kein Blatt vor den Mund: "Wir sind skeptisch hinsichtlich der jüngsten Presseberichte, die den Konflikt als zunehmend überschaubar darstellen, und wir fühlen, dass sie die wachsende zivile, politische und gesellschaftliche Unruhe außer Acht lassen, die wir jeden Tag sehen."
Der Essay beschrieb einen frustrierenden Soldatenalltag. "Wir operieren in einem verwirrenden Kontext aus entschlossenen Feinden und fragwürdigen Alliierten", berichteten die Sieben. Sie schlossen mit einer Klarstellung: "Über unsere Moral müssen wir nicht reden. Als verpflichtete Soldaten werden wir diese Mission bis zum Ende durchziehen."
Die Soldatenkritik, die mitten in die jüngste Irak-Debatte in Washington platzte, war sofort eine Sensation. Sie wurde von Dutzenden Zeitungen nachgedruckt, nicht nur in den USA. "Dies ist der zutreffendste und couragierteste Bericht über den Krieg, den ich je gesehen habe", schrieb "Time"-Kolumnist Joe Klein.
Das Pentagon sah das anders. Spitz distanzierte es sich von den Sieben, eine seltene Zurechtweisung von Soldaten im aktiven Kriegsdienst. "Wenn Individuen ihre Meinung äußern, dann stellen diese Ansichten ihre persönliche Perspektive dar", erklärte es indigniert. "Wir verweisen Sie an die Muttereinheiten, um ihr jeweiliges Ansehen innerhalb ihrer Einheiten zu bestimmen."
"Die Armee des Himmels ist gut dran"
"Wir haben gehört, dass sie von ihren Bossen etwas Ärger bekommen haben wegen dem, was sie geschrieben haben", sagte Andrew Rosenthal, der Leiter des "NYT"-Meinungsressorts, dem Medienmagazin "E&P". Nach Erscheinen des Essays wurde Mora noch deprimierter - obwohl seine Staatsbürgerschaft inzwischen genehmigt worden war. Am Freitag voriger Woche sprach er zum letzten Mal mit seiner Mutter. "Er war so leise, als wollte er nicht, dass ihn jemand hört", sagte sie der Nachrichtenagentur AP. "Ich sagte ihm, dass ich die Tage zählte, bis er heimkehren würde."
Am Montag und Dienstag tingelten General Petraeus und Irak-Botschafter Ryan Crocker durch den US-Kongress, den Krieg verkaufend. Die Senatorin Barbara Boxer und ihr Kollege Chuck Hagel lasen ihnen aus dem Essay vor. "Sollen wir diese sieben Unteroffiziere einfach nicht ernst nehmen?", bebte Hagel. "Sind sie etwa dumm? Sie stellen ein ziemlich anderes Szenario dar als Sie, General, Botschafter."
Irak: Strategien und Abzugspläne
Es war in der Nacht zu jenem Montag, als die Soldaten des 2nd Brigade Combat Teams der 82nd Airborne mit einem Fünf-Tonnen-Truck auf dem Rückweg von einer Razzia waren. In West-Bagdad stürzte der vollbesetzte Lkw von einer Brücke kopfüber zehn Meter in die Tiefe. Sieben Soldaten starben, darunter Mora und Gray. Die anderen waren Specialist Ari Brown-Weeks, 23, Specialist Steven Elrod, 20, Sergeant Michael Hardegree, 21, Sergeant Nicholas Patterson, 24, und Staff Sergeant Gregory Rivera-Santiago, 26. Alle hätten nur noch sechs Wochen bis zur Heimreise zu absolvieren gehabt.
Die Angehörigen wurden benachrichtigt, gerade als Petraeus die erste Anhörungsrunde beendete. Moras Mutter, tränenüberströmt, forderte tags darauf vor Reportern, die sich in ihrem Haus versammelt hatten, eine Untersuchung: "Ich will alle Details wissen! Ich will die Wahrheit wissen!" Die Grays gaben sich bedeckter. "Ich kann mir keinen besseren Mann vorstellen", schrieb ein anonymes Familienmitglied auf Grays MySpace-Seite. "Die Armee des Himmels ist gut dran."
"Unsere Nation ist dankbar"
Auf den Blogs wurde der Tod Moras und Grays unterdessen sofort politisiert. "Wieder so ein 'bequemer Vorfall' der Bush-Regierung?", fragte ein anonymer Leser auf Salon.com.
Bush erwähnte Mora und Gray in seiner Rede an die Nation gestern nicht. Stattdessen wandte er sich an alle Truppen: "Ihr habt alles getan, was Amerika von euch verlangt hat", sagte er. "Unsere Nation ist dankbar für eure Opfer und die Opfer eurer Familien."
Staff Sergeant Yance "Tell" Gray soll auf dem US-Ehrenfriedhof Arlington beigesetzt werden. Über die Bestattung von Sergeant Omar L. Mora wurde nichts bekannt.