Labour Blairs letzter Parteitag
Alles ist diesmal ziemlich ungewohnt. Seit Jahrzehnten hat sich die britische Labour-Partei alljährlich in einem englischen Seebad versammelt. Das gab den Delegierten Orientierungshilfe sowie willkommene Anlässe zu Strandspaziergängen; einfallslose Reporter konnten ihre Berichte mit Wellen, Wind und Wogen verzieren.
An diesem Wochenende nun tritt der Parteitag der britischen Sozialdemokraten in Manchester zusammen, weitab von der Küste. Anders als die meisten großen Städte Englands wird die nordenglische Metropole wenigstens von einer Labour-Kommunalregierung verwaltet. Nach einem verheerenden Bombenangriff der IRA vor zehn Jahren nahmen sich die Mancunians Zeit zu einem integrierten Aufbauplan für ihre verschandelte Innenstadt. Heute gilt Manchester auf der Insel als Vorbild für kluge Stadtplanung und dynamische Wirtschaftsentwicklung, kurz: für eine gelungene Erneuerung.
Genau diese Symbolik können die tief verunsicherten Parteimitglieder gut gebrauchen. Erst im Mai 2005 gewann die alte Arbeiterpartei zum dritten Mal in Folge die Unterhauswahl. Doch spätestens seit Jahresbeginn geht es mit der Regierung des ungeliebten Premiers Tony Blair immer weiter bergab. Zu Monatsbeginn zwang eine Revolte der Unterhausfraktion dem Regierungschef einen Zeitplan auf: Dieser Parteitag werde "mein letzter sein", musste der gedemütigte Blair ("Ich hätte es gern anders gemacht") öffentlich bekennen. Spätestens im Juni 2007, womöglich schon viel früher, verliert die Partei den erfolgreichsten Vorsitzenden, den sie je hatte. Und dann?
Brown: "Von der Psyche her ungeeignet zur Teamarbeit"
"Die Zukunft Großbritanniens" lautet diesmal das Parteitagsmotto, aber in Wirklichkeit geht es in Manchester vor allem um die Zukunft Gordon Browns. Der langjährige Schatzkanzler und Neben-Premier hat anders als Blair die Sozialdemokratie mit der Muttermilch eingesogen, hat geduldig seine Anhänger gefördert und stets die Parteiseele gestreichelt. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird er als Blair-Nachfolger gehandelt, jetzt hat der Schotte das Ziel vor Augen.
Die unangefochtene Krönung aber, von der der 55-Jährige geträumt hatte, wird es kaum geben. Für die Partei-Linke ist Brown synonym mit den verhassten New-Labour-Reformen der Ära Blair. Dessen Getreue schnauben vor Zorn über die Illoyalität des Schatzkanzlers, der während des Putschversuchs keinen Finger für den Premier rührte. Selbst unter Bewunderern gilt Brown als spröder, gelegentlich paranoider Charakter; der frühere Innenminister Charles Clarke beschrieb Brown sogar als "unkollegial" und "von seiner Psyche her ungeeignet zur Teamarbeit".
Um diesen Eindruck auszuräumen, absolviert der oft mürrisch wirkende Schotte jetzt eine Tour durch TV-Stationen und Zeitungsredaktionen, lächelt breit in die Kameras. Zum Vorschein kommt eine erkennbar von langer Hand vorbereitete PR-Strategie. Ob diese aber aufgeht?
Die Umfragewerte sprechen bisher nicht dafür. Im Vergleich mit dem jungen Chef der wiedererstarkten konservativen Opposition, David Cameron, schneidet der Schatzkanzler verheerend ab. Welcher der beiden sympathischer, ehrlicher, besser zur Teamarbeit fähig sei, fragten die ICM-Meinungsforscher, schließlich auch: Wer das Land in den nächsten Jahren voranbringen werde? Auf alle Fragen die gleiche Antwort: Cameron.
Brown muss weniger zur Partei als zum Land sprechen
Auch bei der Donnerstagsfrage (auf der Insel wird traditionell donnerstags gewählt) liegt Labour seit Monaten "um durchschnittlich sechs Punkte hinter den Tories", hat Patrick Dunleavy, Professor an der London School of Economics, analysiert. Und als wollte er Salz in die Wunden der Genossen streuen, verweist der Gelehrte auf eine Langfristbeobachtung der britischen Politikwissenschaft: "Jede Regierungspartei, gleich welcher Couleur, verliert im Durchschnitt jeden Monat 0,1 Prozent ihrer Anhängerschaft."
International versierte Sozialdemokraten wie Schulminister Andrew Adonis verweisen zudem auf die Abwahl Göran Perssons in Schweden. Hier wie dort gesunde Wirtschaftsdaten, wachsender Wohlstand, aber eine zunehmend von Skandalen geplagte Regierung und eine attraktive, wenig Veränderung versprechende Opposition.
Anders als auf früheren Parteitagen muss Brown in seiner Rede am Montag weniger zur Partei als vielmehr zum Land sprechen und verdeutlichen, wie er die derzeit laut einer Spitzenbematin "weitgehend paralysierte" Regierung voranbringen will. Auf ihn richten sich alle Scheinwerfer. Freilich werden auch jene eine gute Figur machen müssen, die sich als mögliche Konkurrenten handeln lassen: Innenminister John Reid gehört ebenso dazu wie Bildungsminister Alan Johnson und Arbeitsminister John Hutton. Ob der Kandidat der äußersten Linken, John McDonnell, die notwendigen 44 Unterschriften von Unterhaus-Abgeordneten einsammeln kann, ist fraglich.
Und Tony Blair? Zwölf Jahre lang hat der Parteichef bei seiner stets am Dienstagnachmittag gehaltenen Ansprache die Delegierten von den Stühlen gerissen, seine Partei mit griffigen Parolen versorgt. Zuletzt wollten ihn viele Parteifreunde nur noch loswerden. Doch seit die Revolte aus der lahmen Ente einen sterbenden Schwan gemacht hat, fliegen dem Partei- und Regierungschef auf Abruf schon wieder viele Sympathien zu. Es sei ja lustig mitanzusehen, beobachtet ein früherer enger Mitarbeiter des Premiers, "wie sich sein Bild in der Presse schon in den letzten Tagen gewandelt hat".