Labour-Parteitag Brown wildert bei den Tories
Bournemouth - Die Zeitungen sind sich am Morgen danach einig: Mit seiner ersten Rede als Parteivorsitzender habe sich Gordon Brown über die Labour-Delegierten hinweg "an die britische Mittelschicht" gewandt, urteilt die "Times". Der Premierminister "wirbt um unentschiedene Tory-Wähler", die normalerweise die Konservative Partei bevorzugten, schreibt die "Financial Times". Der "Telegraph" weiß es noch genauer: "Die Kernlande der Tories" seien in Browns Visier. Ein patriotisches Versprechen hebt der "Guardian" hervor: "Ich werde Britannien nicht enttäuschen."
Enttäuscht zeigte sich kaum jemand unter den Delegierten im südenglischen Badeort Bournemouth, aber auch nicht hingerissen, nicht einmal begeistert. Respektvoll erhob sich der Parteitag am Ende der gut einstündigen Ansprache des neuen Chefs zur "Standing ovation". Der Schotte vollzog, was der frühere enge Vertraute von Browns Vorgänger Tony Blair und derzeitige EU-Handelskommissar, Peter Mandelson, als "Übergang von einer Version von New Labour zur nächsten" beschreibt.
Tatsächlich appellierte Brown wie Vorgänger Tony Blair weniger an die sozialdemokratischen Parteifreunde im Saal als vielmehr an die tendenziell eher konservativ denkenden Wähler und Wählerinnen im Land. 75 Mal verwendete der Sozialdemokrat die Worte "(Groß)-Britannien" oder "britisch", in einer 63 Minuten langen Rede also durchschnittlich mehr als einmal pro Minute.
Gezielt adressierte er Aufreger-Themen wie Schulen, Gesundheitswesen und Jugend-Alkoholismus. Er strebe ein "starkes und faireres Britannien" an, sagte Brown: "Ich will allen Familien die besten Chancen dazu geben, im Leben voranzukommen."
Die Farbe der Konservativen
"Mut zur Veränderung Großbritanniens" lautete das Motto der Rede, aber die inhaltliche Veränderung der Labour-Party hält sich unter ihrem neuen Vorsitzenden in engen Grenzen. New Labour hält am Grundsatz fest, wonach Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Sogar mit einem farblichen Akzent betonte Brown seine Konzentration auf die politische Mitte: Für seine Rede verwandelte sich der Bühnen-Hintergrund vom Rot der Arbeiterbewegung zu Tiefblau - traditionell die Farbe der Konservativen Partei.
Stilistisch hingegen setzte sich Brown deutlich von seinem Vorgänger Blair ab. Dessen rhetorische Feuerwerke brannten oft herrlich, verloschen aber auch rasch wieder. Brown hingegen tat alles dafür, dem neuen Slogan der Werbeagentur Saatchi&Saatchi gerecht zu werden: "Not flash, just Gordon" (sinngemäß: nicht aufregend, einfach nur Gordon), ein Wortspiel mit der Science-Fiction-Figur Flash Gordon. Er werde manchmal als "zu ernst" bezeichnet und vielleicht stimme das auch, räumte der Premierminister ein.
Stur ist Brown auf jeden Fall. Alle inständigen Bitten seiner Berater, die für britische Verhältnisse lang geratene Ansprache zu kürzen und zu entschlacken, hatte der Parteichef abgelehnt. Kein Witz kam über Browns Lippen, keine spöttische Bemerkung über seinen konservativen Herausforderer David Cameron.
Kein Wort zu Neuwahlen
Stattdessen ohrfeigte der Polit-Junkie seine Zuhörer minutenlang mit Zahlen und Fakten, die Labours Fortschritte der vergangenen zehn Jahre beweisen sollen. Dabei wandelt Brown auf schmalem Grat. Allzu selbstbewusst darf er sich die positiven Neuerungen der Ära Blair nicht ans Revers heften, sonst machen ihn die Wähler auch für alle Versäumnisse haftbar. Deshalb sprach er auch viel von der notwendigen Erneuerung, von neuen Programmideen für das kommende Jahrzehnt.
Mit einer Mischung aus Eigenlob und Zukunftsvision glückte Brown nahtlos der Anschluss an die Hauptthemen der Ära Blair an. Im Kampf gegen die Kriminalität werde sich die Polizei auf die Metropolen des Landes konzentrieren, kündigte der Premier an, denn: "Zwei Drittel aller Straftaten mit Schusswaffen werden in vier Städten begangen."
Die Krankenhäuser des Nationalen Gesundheitssystems NHS sollen einer Intensivreinigung unterzogen werden, um der Epidemie sogenannter Super-Viren Herr zu werden. Im Bildungssektor, den Blair einst als seine erste Priorität gekennzeichnet hatte, will sich Brown "mit den besten Standards der Welt messen". Jeder Jugendliche solle bis zum 18. Lebensjahr in Schule oder Ausbildung bleiben.
Immer wieder sprach Brown, 56, von "Aufgaben für die nächste Dekade" - Teil einer Verunsicherungsstrategie, die der Opposition von Konservativen und Liberaldemokraten den Schneid abkaufen soll.
Dazu gehören auch die anhaltenden Spekulationen um vorgezogene Neuwahlen. Er wünsche sich eine baldige Abstimmung, sagt der Abgeordnete Nick Palmer aus dem heiß umkämpften Wahlkreis Broxtowe bei Nottingham im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber ich glaube nicht, dass Gordon den Sprung wagt, ehe wir nicht um zehn Punkte vor den Konservativen liegen." Zu Beginn dieser Woche betrug der Vorsprung acht Prozent.