Labour-Parteitag: Browns One-Man-Show - DER SPIEGEL
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Labour-Parteitag Browns One-Man-Show

Die Labour-Partei tagt im Küstenort Bournemouth. Drei Monate nach der Amtsübernahme Browns liegt sie in Umfragen weit vor den oppositionellen Konservativen. Die hat Spekulationen angeheizt, Brown könnte Neuwahlen ausrufen. Der spielt das Thema runter und besinnt sich auf eine One-Man-Show.
Von Sebastian Borger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von den englischen Badeorten, in denen die britischen Parteien ihre Jahrestagungen feiern, ist Bournemouth der lieblichste. In Blackpool pfeifen nördliche Winde, der Strand von Brighton besteht aus spitzen Kieselsteinen. Bournemouth hingegen rühmt sich seines milden Klimas und herrlichen Sandstrandes. Also nichts wie hin? Aktivisten, Journalisten und ausländische Diplomaten strömen an diesem Wochenende an die Südküste, wo heute der Labour-Parteitag eröffnet wurde.

Doch viele Abgeordnete der Regierungspartei verspüren wenig Lust auf einen erfrischenden Aufenthalt an der See. "Man sitzt herum, trinkt zuviel und tauscht Gerüchte aus", sagt einer. "Und am Montag sehnt man sich nach Hause." Es ist wohl kein Zufall, dass der Bedenkenträger zu den treuen Anhängern von Ex-Premier Tony Blair zählt.

13 Mal hat der brillante Rhetoriker den Parteitag geprägt, zuletzt im vergangenen Jahr - ausnahmsweise im küstenfernen Manchester - das Parteivolk noch einmal zu stehenden Ovationen hingerissen. Diesmal fehlt Blair. Mit ihm fehlt jedes Gegengewicht zum übermächtigen neuen Vorsitzenden und Premierminister Gordon Brown. Diesmal ist die Heeresschau der Labour Party eine One-Man-Show "zur Anbetung der Herrlichkeit von Herrn Brown”, wie das konservative Magazin "Spectator" spottet.

Aus Sicht eines Parteifreundes gibt es reichlich Grund zur Begeisterung über den 56-jährigen Schotten. Noch vor Jahresfrist billigten die Wähler den oppositionellen Konservativen höhere Kompetenz zu; deren Vorsitzender David Cameron stach den damaligen Premier im Wartestand in acht von neun Fragen aus: Er sei ehrlicher als Gordon Brown, enthusiastischer, angenehmer, kurzum: Er würde den besseren Regierungschef abgeben.

Doch in Number 10 Downing Street wohnt seit Ende Juni Brown. In einer einzigen Hinsicht lag er in Umfragen stets vor seinem Konkurrenten Cameron: Die Wähler billigten ihm die Fähigkeit zu, in einer Krise die richtige Entscheidung zu treffen. Der erfahrene Politiker hat sie nicht enttäuscht. Terror-Alarm, großflächige Überschwemmungen, Maul- und Klauenseuche, zuletzt die schlimmste Bankenkrise seit mehr als 100 Jahren - nach anfänglichen Schrecksekunden hat sich Brown entweder als Krisenmanager bewährt oder, wie im Fall der schlingernden Northern-Rock-Bank, das Schlamassel geschickt auf andere abgewälzt. Auch die ersten außenpolitischen Gehversuche gelangen. Der schrittweise Abzug britischer Truppen aus dem Irak ist eingeleitet, ohne dass die Bush-Administration öffentlich Verärgerung zeigt. Innerhalb der Partei verlief der Übergang von Blair zu Brown "besser als erwartet”, analysiert Tim Horton vom Labour-nahen Thinktank Fabian Society.

Warum keine vorgezogenen Wahlen riskieren?

Die Umfragewerte könnten kaum besser sein. Bei der Sonntagsfrage entscheiden sich 40 Prozent für Labour, 32 Prozent für die Konservativen, 20 Prozent wollen die Liberal Democrats wählen. Durch das britische Mehrheitswahlrecht wäre Brown eine komfortable Mehrheit der Mandate sicher.

Warum also nicht jetzt Wahlen ausrufen? Es gehört zu den wichtigsten Privilegien des Regierungschefs, dass er in einem Zeitraum von gut fünf Jahren nach der letzten Wahl (Mai 2005) den Termin des nächsten Urnengangs bestimmen kann. Und so spekulieren die Londoner Medien, angefeuert aus Browns Umfeld, der Premier werde womöglich schon im Oktober eine Entscheidung herbeiführen.

Skeptiker verweisen auf einen wichtigen Charakterzug des Politik-Junkies Brown: Der Schotte macht seit 40 Jahren nichts anderes als Politik, nach mehr als zehnjährigem Warten ist er endlich Hausherr in der Downing Street. Sollte er das alles aufs Spiel setzen, obwohl die Legislaturperiode noch nicht einmal zur Hälfte vorbei ist? Zumal ein möglicher Wahlkampf im Oktober überschattet würde von dem EU-Gipfel, auf dem der geplante Verfassungsvertrag verabschiedet werden soll.

Das Thema Europa, seit langem ein Problem der politischen Rechten auf der Insel, birgt neuerdings auch Zündstoff für die alte Arbeiterbewegung. Ausgerechnet die sozialdemokratische Regierung ließ sich im Juni eine Ausnahme vom Grundrechtskatalog der EU garantieren, Begründung: Das Schriftstück gebe Arbeitnehmern zusätzliche Streikrechte. "Unsere Regierung befürwortet ein Europa, in dem britische Arbeitnehmer zweiter Klasse sind”, empörte sich der Boss der größten Einzelgewerkschaft Unite, Tony Woodley. Nun fordert der Dachverband TUC ein Referendum über den EU-Vertrag. Das kommt einer Ohrfeige für Premier Brown gleich, der sich mit Händen und Füßen gegen das Referendum wehrt, obwohl die Labour Party es im letzten Wahlkampf 2005 versprochen hatte.

Die Regie wird alles unternehmen, damit das leidvolle Thema in Bournemouth keine Rolle spielen wird. Schon vorab wurden kritische Leitanträge zuhauf unter den Tisch gekehrt. Kabinettsmitglieder sind dazu verdonnert, ihre Reden auf sieben Minuten zu begrenzen. Dieser Parteitag soll dem neuen Chef ganz allein gehören.