Konflikt zwischen Russland und Ukraine Lage auf der Krim spitzt sich dramatisch zu
Tataren in Simferopol: Rund hundert Männer versammelten sich in der Nacht vor einer TV-Station, um sie vor möglichen Angriffen russischer Extremisten zu schützen
Foto: Sean Gallup/ Getty ImagesKiew/Moskau - Am Freitagabend ist die Situation in der Ukraine weiter eskaliert. Auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim wurde der Luftraum über der Hauptstadt Simferopol gesperrt. Dies gelte zunächst bis Samstagabend, teilte eine Flughafenmitarbeiterin der russischen Staatsagentur Ria Nowosti mit.
Zuvor hatten ukrainische Behörden berichtet, in dem Autonomen Gebiet seien russische Militärflugzeuge vom Typ Iljuschin Il-76 mit insgesamt rund 2000 Soldaten gelandet. Über die Anzahl der Maschinen liegen widersprüchliche Berichte vor. Ein Sprecher der ukrainischen Grenzsicherung sprach AP zufolge von acht Transportflugzeugen. Diese seien am Freitag überraschend in der Ukraine angekommen und erhielten - eine nach der anderen - eine Landeerlaubnis für die Luftwaffenbasis Gwardeiskoje im Norden von Simferopol. Die Insassen der Flugzeuge hätten es abgelehnt, sich zu identifizieren, sagte der Sprecher. Die russische Nachrichtenagentur Interfax hatte hingegen gemeldet, dass 13 russische Flugzeuge mit jeweils 150 Einsatzkräften auf der Militärbasis gelandet seien.
Nach Angaben eines Pentagon-Mitarbeiters habe Russland "mehrere hundert" Soldaten auf die Krim geschickt, berichtet AFP. Russland habe die Vereinigten Staaten nicht im Vorfeld über den Schritt informiert.
Interimspräsident Alexander Turtschinow sprach von einer "militärischen Invasion" der Russen unter dem Deckmantel einer Übung. Medien zufolge brachen Internet- und Telefonverbindungen des Anbieters Ukrtelecom zusammen. Turtschinow zog einen Vergleich zur russischen Intervention in Georgien im Jahr 2008 - die Moskau auch unter Berufung auf die russische Volksgruppe in der Region Abchasien gerechtfertigt hatte.
"Erst provoziert man einen Konflikt, dann annektiert man das Gebiet", sagte Turtschinow. Russland habe "Truppen auf die Krim geschickt und nicht nur das Parlament und den Regierungssitz der Krim besetzt". Es versuche auch, "die Kommunikationsmittel unter Kontrolle zu bringen".
"Ich wende mich persönlich an Präsident Wladimir Putin, unverzüglich die Provokationen einzustellen und die Militärs aus der Autonomen Republik Krim zurückzurufen", sagte Turtschinow. "Jegliche Versuche der Annexion oder des Eindringens werden sehr ernsthafte Folgen nach sich ziehen."
Von russischer Seite gab es zunächst keine Reaktion. Moskau hatte beteuert, sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Ukraine einzumischen.
"Ich wende mich an unsere Militärs, die sich jetzt auf der Halbinsel befinden. Ich danke ihnen, dass sie ihre Pflichten würdig erfüllen", sagte Turtschninow weiter. "Ich möchte die zivile Bevölkerung der Autonomen Republik beruhigen, welche die separatistischen Schlachtrufe der Provokateure und angeworbenen Agenten nicht unterstützt. Die Situation auf der Halbinsel muss in nächster Zeit normalisiert werden."
Kurzes Treffen des Uno-Sicherheitsrats
In New York kam am Abend der Uno-Sicherheitsrat zusammen; die Ukraine hatte wegen der explosiven Lage auf der Krim eine Sondersitzung beantragt. Der ukrainische Uno-Gesandte Jurij Sergejew sagte im Anschluss an die Gespräche, Russlands wachsende Militärpräsenz auf der Krim sei "eine Herausforderung für Sicherheit und Frieden in der Region" und betonte: "Wir sind stark genug, um uns zu verteidigen." Sergejew warf Russland vor, illegal Militäreinheiten in die Ukraine zu schicken, und rief die Vereinten Nationen auf, jegliche Grenzverletzung zu verurteilen. Die Entsendung russischer Soldaten auf die Halbinsel werde zu "Auseinandersetzungen" führen und "Separatismus" befördern.
Der russische Uno-Botschafter Witalij Tschurkin antwortete vor dem Treffen auf die Frage, was er von der Sitzung erwarte: "Ich habe keine Ahnung."
Am späten Freitagabend richtete US-Präsident Barack Obama eine ernste Warnung an Russland. Die Vereinigten Staaten seien "zutiefst besorgt" über die Berichte einer Entsendung russischer Truppen auf die Halbinsel Krim. "Jede Verletzung der ukrainischen Souveränität hätte große Verunsicherungen zur Folge", betonte Obama. Eine militärische Intervention in der Ukraine hätte einen "Preis", sagte er weiter. Obama kündigte an, dass er und europäische Staatschefs es in Erwägung zögen, den geplanten G-8-Gipfel in Sotschi zu boykottieren, falls Russland militärisch in der Ukraine eingreife.
Laut einer Mitteilung der US-Vertretung bei den Vereinten Nationen rief die Regierung in Washington Russland dazu auf, das Militär zurückzuziehen und der Ukraine zu ermöglichen, "ihre eigene Regierung zu bilden und ihr eigenes Schicksal zu bestimmen".
Bereits am Freitagmittag waren mehr als zehn russische Militärhubschrauber über der Krim in den ukrainischen Luftraum eingedrungen. Das Außenministerium in Kiew protestierte offiziell gegen die "Verletzung des Luftraums".
Russland und die neue Regierung in Kiew bleiben damit weiter auf Konfrontationskurs in der Krim-Frage. Das ukrainische Parlament forderte den Nachbarn am Freitag in einem scharfen Appell auf, alle Handlungen zu unterlassen, die die territoriale Einheit des Landes gefährdeten. Bereits in der Nacht von Donnerstag zu Freitag waren etwa 50 bewaffnete und uniformierte Männer in Geländewagen ohne Kennzeichen sowie mit russischen Fahnen auf dem Krim-Flughafen Simferopol aufmarschiert.