Libanon Bomben zum Valentinstag
Beirut - Dringende Appelle, Blut zu spenden, liefen direkt nach dem Anschlag über die libanesischen Fernsehsender und Radiostationen. Ein mittlerweile bekanntes Ritual in dem Land, das nun schon seit über zwei Jahren von Bombenanschlägen erschüttert wird. Diesmal schlugen die bislang unbekannten Täter in Ain al-Alaq, nördlich von Beirut, zu.
Erste Bilanz des Doppelanschlags auf zwei Busse gegen neun Uhr Ortszeit: 3 Tote und 18 Verletzte. Unmittelbar nachdem die erste Bombe in einem Kleinbus explodiert war und Passanten zum Helfen heraneilten, ging die zweite Bombe auf der dicht befahrenen Hauptstraße Richtung Hauptstadt hoch, berichtete ein Angehöriger der Internen Sicherheitskräfte (ISF) im Fernsehen. Die Verletzten wurden in nahe gelegene Krankenhäuser gefahren.
Der Zeitpunkt des Anschlags dürfte kein Zufall sein: Er ereignete sich keine 24 Stunden vor dem zweiten Jahrestag des Mordes an Ex-Premierminister Rafik Hariri. Schon seit dem Wochenende rufen die seit dem Attentat auf Hariri im sogenannten 14. März-Bündnis vereinten Regierungskräfte ihre Anhänger zu einer Großdemonstration am Grab des Multimilliardärs auf. Die Bomben in der christlich dominierten Metn-Gegend nördlich von Beirut dürften darauf abgezielt haben, mögliche Teilnehmer an der Großdemonstration am Valentinstag einzuschüchtern. Vor einem Jahr waren mehrere Hunderttausend Demonstranten auf dem Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts zusammen gekommen.
"Der Libanon ist eine Zielscheibe"
Sozialministerin Naila Muawwad warf den Tätern vor, Terror im Libanon zu verbreiten. "Es handelt sich um den erneuten Versuch, mit Blut und Unterdrückung den Libanon kontrollieren zu wollen", sagte die Frau des 1989 ermordeten Präsidenten René Muawwad. Aber auch ein Mitglied des seit November gegen die Regierung von Premierminister Fuad Siniora demonstrierenden Oppositionsbündnisses verurteilte den Anschlag. "Der ganze Libanon ist eine Zielscheibe, dagegen können wir uns nur mit nationaler Einheit wehren", sagte der Parlamentsabgeordnete Ibrahim Kanaan, der der Freien Patriotischen Bewegung (FPM) von Exgeneral Michel Aun angehört. Gemeinsam mit der von Generalsekretär Hassan Nasrallah geführten Hisbollah unterhalten seine Anhänger vor dem Regierungssitz Sinioras seit Anfang Dezember ein Protestcamp.
Erst im November vergangenen Jahres war mit Industrieminister Pierre Gemayel ein prominentes Mitglied der 14. März-Bewegung ermordet worden. Die Gemayels sind eine der mächtigsten christlichen Familien in dem in vielen Bereichen immer noch feudal geprägten Mittelmeeranrainer. Ihr Familiensitz in Bikfaja liegt nur wenige Kilometer von dem Anschlagsort entfernt. In der Kleinstadt unterhält zudem die Syrische Nationale Sozialistische Partei (SNSP) ein großes Büro bereits nach dem Mord an Pierre Gemayel kam es hier zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Rivalen.
Hellblaue Streifen am Stacheldraht
Der bis Anfang 2006 mit der Aufklärung des Mordes an Hariri und mehr als einem Dutzend weiterer Anschläge betraute Sonderermittler der Vereinten Nationen, Detlev Mehlis, hatte nach dem Attentat auf Gemayel Syrien-treue Gruppierungen wie die SNSP für den Mord verantwortlich gemacht. "Ich gehe davon aus, dass das Ziel des Gemayel-Attentats darin bestand, das geplante Uno-Tribunal zur Aufklärung des Hariri-Mordes zu verhindern. Und diese Leute werden sicher nicht auf halbem Wege halt machen", sagte der Berliner Oberstaatsanwalt im November SPIEGEL ONLINE.
Die Einrichtung eines internationalen Tribunals zur Aufklärung der Morde an sechs antisyrischen Politikern und Publizisten steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition, der das politische Leben nun schon seit drei Monaten lahm legt. Während Premierminister Siniora und seine Verbündeten neben Saad Hariri, dem Sohn des ermordeten Expremiers, sind das der Chef der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP), Walid Dschumblat, und der Vorsitzende der Forces Libanaises (FL), Samir Geagea auf die schnelle Schaffung des Uno-Gerichts drängen, lehnen Nasrallah und seine Allianz das vom Sicherheitsrat der Weltorganisation bereits beschlossene Statut ab. Damit werde die staatliche Souveränität des Landes untergraben, lautet die Kritik.
Die Hariri- und Siniora-Anhänger dürfte der Doppelanschlag in den Bergen über Beirut jedoch nicht davon abhalten, morgen auf den Märtyrerplatz zu strömen. Mit hellblauen Schleifen ist der von Stacheldraht umzäunte Platz bereits seit dem Wochenende geschmückt. "Die Wahrheit" steht auf Plakaten, die die Organisatoren an der Statue im Zentrum des weitläufigen Platzes drapiert haben. Doch auf "die Wahrheit" wird man im Libanon noch lange warten müssen: Von den anderthalb Dutzend Anschlägen, die dem Attentat auf Hariri folgten, konnte bislang keiner aufgeklärt werden. Auch der belgische Nachfolger von Mehlis an der Spitze der Uno-Sonderkommission, Serge Brammertz, hat in seinen Berichten bislang nur darauf hingewiesen, dass alle Anschläge in einem Zusammenhang zueinander stehen. Täter nannte er nicht.