Libanon: Durchmarsch der Hisbollah - DER SPIEGEL
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Libanon Durchmarsch der Hisbollah

Die Regierung ist gelähmt, der wortgewaltige Drusenführer Dschumblatt gibt klein bei, und die Christen im Libanon gehen in Deckung: Die waffenstarrende schiitische Hisbollah-Miliz übernimmt Stück für Stück die Macht im Libanon - und bereitet den Boden für die Rückkehr des ehemaligen Besatzers Syrien.
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Beirut - Es war Viertel nach sechs, und das, was über Beirut hinwegschallte, war ein ganz schlechtes Zeichen. Dumpfes Wummern von Mörsergeschützen wehte wie schon den ganzen Nachmittag von den Bergen hinunter an die Mittelmeerküste – und das, obwohl seit fünfzehn Minuten ein Waffenstillstand eingehalten werden sollte. Dass sich die mit Granatwerfern ausgerüsteten Kämpfer der Hisbollah über lange Stunden nicht an die von ihren Führern ausgehandelte Waffenruhe hielten, ist ein weiteres Indiz für die wachsende Macht der Schiiten-Miliz. Die in die Enge getriebenen Drusen hatten die Segel schon gestrichen und die Bedingungen für ein Stillhalteabkommen geschluckt. Trotzdem konnte es sich die Miliz leisten, ihre Muskeln weiter spielen zu lassen.

Die schweren Kämpfe, die sich Anhänger der libanesischen Regierung und der Opposition seit Mittwoch vergangener Woche liefern, hatten sich am Sonntag in die Berge oberhalb von Beirut verlagert. Viele Dörfer und Städtchen an den Hängen des Mount Libanon sind traditionelle Heimat der Volksgruppe der Drusen, doch auch Schiiten leben in der Region. Die Kämpfe waren ausgebrochen, nachdem während der Unruhen der vergangenen Tage regierungstreue Drusen dort schiitische Hisbollah-Unterstützer aus einer Nachbarstadt entführt, gefoltert und getötet hatten – ein willkommener Anlass für die Schiiten-Miliz, einen als Vergeltung getarnten Feldzug gegen ihre Feinde zu unternehmen.

Als nach sieben Uhr abends dann doch endlich die Waffen schwiegen, hatte die Hisbollah einen weiteren Sieg um die Vorherrschaft im Libanon errungen. Drusenführer Walid Dschumblatt, bekannt als wortgewaltiger Heißsporn, hatte angesichts der Übermacht seiner Gegner klein beigeben müssen - wie schon am Samstag die Regierung in Beirut. Seine Kämpfer übergaben einer der Hisbollah nahestehenden Drusen-Splittergruppe ihre Waffen und räumten die meisten ihrer Stellungen in den Bergen: Bedingungen für den Waffenstillstand, die die besser bewaffnete und zahlenmäßig weit überlegene Hisbollah diktiert hatte. Nachdem die Schiiten-Miliz in den vergangenen Tagen den Widerstand der Sunniten im Westen Beiruts gebrochen hatte, sind nun auch die strategisch wichtigen Stellungen oberhalb der Hauptstadt in den Händen der Hisbollah.

Fast wirkt es so, als habe es sich die aus zwei großen Schiiten-Organisationen, der Christen-Partei von General Michel Aoun und diversen Kleingruppen geformte Opposition zum Ziel gesetzt, ihre Gegner einen nach dem anderen auszuschalten. Begünstigt wird diese Taktik durch die Tatsache, dass die Front der Regierungskoalition nicht geschlossen steht.

Szenen bei einer Fahrt durch den Libanon von Beirut in den Norden zeigen, wie zerrissen das kleine Land an der Levante nach nunmehr achtzehn Monaten politischen Stillstands ist: In West-Beirut sind die Straßen menschenleer, dafür stehen Hunderte Soldaten an den Straßenecken. Hisbollah-Kämpfer sind nicht mehr zu sehen, doch ihr Geheimdienst ist überall. Junge Männer mit Walkie-Talkies haben die Lage im Blick, an den Hauswänden zeigt sich, dass die Schiiten-Partei zwar ihre Kämpfer abgezogen, jedoch keinesfalls die Kontrolle über die Sunnitengebiete aufgegeben hat. Wo noch vor fünf Tagen Poster von Saad Hariri zeigten, dass die Einwohner West-Beiruts hinter der Regierung stehen, sind diese Plakate jetzt mit den Größen der Opposition überklebt. Fotos des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah auf der Hamra-Straße – vor einer Woche war das noch undenkbar.

"Wir haben keine adäquaten Waffen"

In Harissa hoch auf dem Berg über dem Mittelmeer feiern die libanesischen Christen derweil Pfingsten. Zu Tausenden pilgern sie im besten Sonntagsstaat zum Schrein "Unserer Frau des Libanon". Die meisten nehmen die Gondel und dann die Zahnradbahn, der Weg aus der Christenhochburg Jounieh an der Küste hoch zum Heiligtum führt über allzu viele Serpentinen. Von den Mörsersalven ist hier, keine dreißig Kilometer Luftlinie von den schweren Kämpfen entfernt, nichts zu hören. Statt dessen schallen Kirchenlieder aus der Basilika, dann hebt die Gemeinde zum Vaterunser an – auf arabisch. Die prowestlichen Christen haben sich bislang aus den Kämpfen herausgehalten und ihre Koalitionspartner ihrem Schicksal überlassen. Sie scheinen Konflikte innerhalb der christlichen Minderheit zu fürchten – und geben an, der Opposition genau wie ihre bereits besiegten Verbündeten unterlegen zu sein.

"Wir kämpfen nicht, weil wir keine adäquaten Waffen haben", sagte ein hochrangiges Mitglied der christlichen Miliz "Lebanese Forces". Die in den vergangenen Monaten dargestellte Version, wonach Regierungsanhänger bewaffnete Milizen gebildet hätten, habe sich "als Propaganda der Hisbollah entpuppt".

Heißt das, dass die regierungstreuen Christen einem möglichen Angriff durch feindliche Milizen tatsächlich völlig ungeschützt gegenüberstünden? "Das werden wir sehen, wenn es soweit ist." Es wirkt, als hätten die schnellen Niederlagen der Sunniten und Drusen den mit ihnen verbündeten Christen den Schneid abgekauft. Sollten sie tatsächlich aus Angst vor einer Niederlage stillhalten, dann hätte die Opposition hier gewonnen, ohne einen Schuss abgefeuert zu haben.

Wertloser Sieg der Sunniten in Tripoli

In Tripoli eine gute Autostunde nördlich von Beirut ist Ruhe eingekehrt an diesem Sonntagnachmittag. Keine vierundzwanzig Stunden zuvor hatte sich hier der Zorn der Sunniten über die Niederlage von Beirut Luft gemacht. 17 Menschen starben, als Anhänger des Koalitionsführers Saad Hariri Büros der mit Hisbollah verbündeten "Syrischen Sozialnationalistischen Partei" stürmten. Die Männer von der SSNP waren leichte Beute: Tripoli ist die libanesische Sunniten- Hochburg, Oppositionsanhänger sind hier in der absoluten Minderheit.

Am Tag danach sitzen die Anführer der Hariri-Anhänger beim Kaffee zusammen und können sich deshalb über ihren blutigen Schlag gegen den Gegner nicht recht freuen – er war zu einfach. Die Männer sind bedrückt. Sie wissen, dass ihre Seite mit der Niederlage von Beirut einen herben Schlag eingesteckt hat. "In Tripoli wird das nicht passieren, hier bekommen sie nie einen Fuß auf den Boden", sagt einer. Das mag stimmen, nur ist das nichts, worauf Tripolis Kämpfer besonders stolz sein können: In der eigenen Hochburg nicht geschlagen zu werden, ist kein großer Verdienst. Das schlechte Abschneiden der Hariri-Anhänger erklären sie mit Pazifismus. "Hariri hat seinen Leuten Uni-Stipendien gegeben, keine Waffen", sagt einer. Eine landesweite Konfrontation würden die Regierungsanhänger vermutlich verlieren. Die Männer hoffen deshalb auf Verhandlungen und die Rückendeckung der internationalen Gemeinschaft. Der Konflikt sei in einer "Übergangsphase", die Lösung müsse auf politischer Ebene gefunden werden, sagen sie.

Dass das schnell gelingt, scheint angesichts der Vorgeschichte der Kämpfe fragwürdig. Ende 2006 begann die Opposition eine Prostestkampagne, deren Motive so vielfältig wie undurchsichtig sind: Zum einen fordern die Schiiten mehr politisches Mitspracherecht in der Regierung, in der die Macht nach Religionszugehörigkeit verteilt ist. Zum anderen wollen sie ihren Unterstützer Syrien, der seine Besatzertruppen 2005 abziehen musste, wieder mehr Einfluss im Libanon sichern. Zentraler Streitpunkt sind die Waffen der Hisbollah. Nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs gaben die verschiedenen Milizen die meisten ihrer Waffen ab – bis auf die "Partei Gottes". Sie brauche ihr Arsenal weiterhin, für den Kampf gegen Israel, argumentiert sie seither. Indem Hisbollah-Kämpfer diese Waffen nun gegen ihre Volksgenossen eingesetzt haben, haben sich die Befürchtungen der Regierung bestätigt, dass die Hisbollah ihre militärische Überlegenheit früher oder später dazu nutzen würde, ihre politischen Forderungen durchzusetzen. Der eigentliche Showdown, sei er politisch oder militärisch, steht erst noch bevor.

Geschichte des Libanon