Libanon: Hisbollah-Chef glättet die Wogen - DER SPIEGEL
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Libanon Hisbollah-Chef glättet die Wogen

Die Stimmung in Beirut ist explosiv - nicht nur wegen des Karikatur-Streits. Kurz vor dem Jahrestag des Hariri-Mords suchen die rivalisierenden Parteien Verbündete. Hisbollah-Chef Nasrallah, der Hardliner, umwirbt sogar die Christen.
Von Markus Bickel
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Sie kamen zu Hunderttausenden, viele von ihnen sogar barfuß - in Gedenken an den im Jahr 680 bei der Schlacht von Kerbala getöteten Imam Hussein. Haret Hreik, in der südlichen Vorstadt der libanesischen Hauptstadt Beirut am Donnerstagmittag: Die Rede von Hisbollah-Chef Nasrallah zum höchsten Fest der Schiiten, Aschura, hat Anhänger aus dem ganzen Land mobilisiert. Und, vielleicht mehr noch als die Ansprache des bärtigen Religionsführers: die Karikaturen des Propheten Mohammed, die Gläubige von Karatschi bis Casablanca seit Wochen im Zorn vereint.

"In Treue zu dir, oh Mohammed", steht auf Stirnbändern, die sich viele Kinder um den Kopf gebunden haben. "In Treue zu dir, oh Mohammed", heißt es gleich dreifach über dem Redepult des charismatischen Chefs der Partei Gottes. "Es wird keinen Kompromiss geben, bevor wir nicht eine Entschuldigung erhalten!", donnert Nasrallah zu Beginn seiner Rede und schickt eine Drohung hinterher. "Heute protestieren wir gegen Beleidigungen mit Worten und Demonstrationen, aber wir sind auch bereit, unser Blut zu vergießen, wenn diese anhalten."

Wie so oft spricht er seiner Gefolgschaft aus dem Herzen, die Schilder mit Aufschriften wie "Die Nation des Propheten duldet keine Beleidigung" und "Was kommt nach der Verletzung heiliger Werte?" trägt. Hinter Panzerglas, zwei schwarz gekleidete Security-Männer an seinen Seiten, fordert er US-Präsident George W. Bush und dessen Außenministerin Condoleezza Rice auf, sie sollten wie "alle anderen Tyrannen das Maul halten". Der Libanon sei eine Nation, "die nicht vergeben, stillhalten oder sich beruhigen kann, wenn sie unseren Propheten und seine geheiligten Werte beleidigen".

Doch so wortgewaltig die Rede Nasrallahs auch ausfällt, dient sie letztlich dazu, die Wogen zu glätten. Zumindest innenpolitisch. Denn nur vier Tage nachdem militante Muslime das dänische Konsulat in Beirut in Brand setzten, ist die Stimmung in der libanesischen Hauptstadt angespannt. Angst vor einem Wiederaufflammen der religiösen Konflikte, die den Weg in den von 1975 bis 1990 dauernden Krieg ebneten, macht die Runde.

Das Diplomaten-Viertel ist abgeriegelt

In den Straßen rund um das Hochhaus, in dem neben der dänischen Vertretung auch eine Bank, mehrere Geschäfte sowie die österreichische Botschaft untergebracht sind, patrouillieren seit dem Wochenende Soldaten. Die französische Botschaft bleibt bis zum Valentinstag gleich ganz geschlossen - aus Angst vor Angriffen, die Diplomaten nach der Veröffentlichung weiterer Mohammed-Karikaturen durch die Wochenzeitung "Charlie Hebdo" fürchten. Panzer sind schon seit Mittwoch vor dem im christlich dominierten Ostteil der Stadt gelegenen Komplex positioniert.

Nasrallah spielt im komplizierten politischen Proporzsystem des Viermillioneneinwohnerlandes deshalb eine Schlüsselrolle, weil die im vergangenen Sommer neu gewählte Regierung ohne die Stimmen der Partei Gottes im Parlament über keine Mehrheit verfügt. Ausserdem ist die Hisbollah die einzige libanesische Partei, die nach Kriegsende ihre Waffen behalten durfte. Daher wagen weder christliche noch sunnitische Fraktionen, die immer wieder mit Angriffen aus israelischen Stellungen jenseits der Grenze in Erscheinung tretende, konfessionsübergreifend als "nationaler Widerstand" bezeichnete Kraft, herauszufordern.

Saad Hariri, Mehrheitsführer im Parlament und Sohn des vor einem Jahr ermordeten Expremiers Rafik Hariri, gelang es im Januar nur mit Mühe und Not, Nasrallahs Gefolgsleute zur Aufgabe ihres Kabinettboykotts zu bewegen. Aus Protest gegen die von Premierminister Fuad Siniora unterstützte Uno-Resolution 1559, die die Entwaffnung der Schiitenmiliz verlangt, waren sie den Sitzungen der Regierung seit Dezember ferngeblieben. Heute nun ein Zeichen der Versöhnung: Kurz vor dem Jahrestag des Attentats auf den sunnitischen Multimilliardär am kommenden Dienstag fordert der Schiitenchef "die Wahrheit" über den Mord und "dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen" werden.

Die Rivalitäten zwischen dem Hariri-Block und Nasrallah, der als Parteigänger des syrischen Präsidenten Baschar Assad gilt, können solche Formeln freilich nicht überdecken. Zwar hält er während seiner Rede immer wieder die "nationale Einheit" hoch - gut anderthalb Jahrzehnte nach Ende des Bürgerkriegs mehr als eine Floskel. Doch seine politischen Begehrlichkeiten in der seit Monaten in Bewegung befindlichen politischen Landschaft des Mittelmeeranrainers gelten nicht den Sunniten, sondern, so überraschend das aus der Ferne auch erscheinen mag, den Christen.

Lob für die besonnenen Christen

So lobt er ausdrücklich das besonnene Verhalten der Bürger des mehrheitlich von Christen bewohnten Stadtteils Aschrafieh, die am Sonntag trotz der Angriffe der sunnitischen Demonstranten die Ruhe bewahrt hätten. Zu einem Zeitpunkt, als die Situation auf Messers Schneide stand. Nach dem Sturm auf das dänische Konsulat war der mit Schlagstöcken, Messern und Brandbeschleunigern ausgestattete muslimische Mob weiter gezogen vor die katholisch-maronitische St.-Maron-Kirche im Herzen Beiruts, auch Privathäuser in Aschrafieh wurden zum Ziel von Attacken.

"Dieses Land kann nicht mit der Logik von Mehrheiten und Minderheiten regiert werden", stellt Nasrallah während seiner Rede klar - ein deutlicher Seitenhieb gegen Siniora und Hariri, die ihre Unterstützung für Uno-Resolution 1559 ohne Rücksprache mit dem Schiitenblock bekundet hatten. Und ein weiteres Zeichen der Annäherung an den im Mai vorigen Jahres triumphal aus seinem Pariser Exil zurückgekehrten christlich-maronitischen Ex-General Michel Aoun. Mit dem Vorsitzenden der rechtsgerichteten Freien Patriotischen Bewegung hatte Nasrallah erst Anfang der Woche ein spektakuläres Zehnpunkte-Grundsatzdokument unterzeichnet, das eine "nationale Verständigung" vorsieht, dem alle anderen Parteien und Gruppen beitreten können.

Ein Pakt mit womöglich weitreichenden Konsequenzen. Denn während der Posten des Premiers laut libanesischer Verfassung einem Sunniten, der des Parlamentspräsidenten einem Schiiten zusteht, dürfen nur Maroniten für das Präsidentenamt kandidieren. Mit seinem Votum für Aoun hat Nasrallah nach Monaten der Zurückhaltung die Karten offen gelegt. Da Amtsinhaber Emile Lahoud wegen seiner Nähe zu Assad schon seit dem Hariri-Mord unter Beschuss steht, dürfte der Pakt des Ex-Militärs mit dem Milizenführer den Kampf um das Präsidentenamt eingeleitet haben. Fragt sich nur, ob die von dem Coup überrumpelten antisyrischen Kräfte um Hariri und Siniora mitziehen.