Libanon-Krise "Hurra, wir leben noch"
Sie stehen auf der Stadtautobahnbrücke und schauen hinab, teils Schulter an Schulter. Unter ihnen liegt das Stadtzentum Beiruts, elegante Bürogebäude, luxuriöse Appartmentblöcke in Sandstein und ein Meer von Zelten. Das an sich ist nichts Neues, seit eineinhalb Jahren hausen Anhänger der libanesischen Opposition in einem Protest-Camp, die dem Stadt- und Machtzentrum Beiruts die Luft abgeschnürt hat.
Neu, ja, unerhört ist, dass sich Männer an den Zelten zu schaffen machen. Sie reißen sie ein, bauen sie ab und werfen das spärliche Mobiliar auf Pritschenwagen. Hunderte Beiruter, die ihre Wagen in zweiter und dritter Reihe parken, sind gekommen, um das mitzuerleben. Die Ansichten darüber, wovon man da gerade Zeuge wird, gehen allerdings weit auseinander.
"Die Gerechtigkeit hat gesiegt, deshalb können die Aktivisten jetzt nach Hause gehen", sagen drei junge Oppositionsanhänger.
"Wir mussten klein beigeben damit wir endlich wieder leben können. Wollen wir hoffen, dass es sich gelohnt hat", sagt eine regierungstreue Dame, die ihr Taxi gestoppt hat, um sich das Schauspiel anzugucken.
Beirut in der Stunde null nach dem Doha-Abkommen. Nach anderthalb Jahren teils blutiger Machtkämpfe haben sich libanesische Regierung und Opposition auf einen Kompromiss geeinigt. Am Sonntag soll nach sechs Monaten Vakuum an der Staatsspitze ein neuer Präsident gewählt werden. Das Wahlrecht wurde geändert, die Opposition hat eine Sperrminorität im Kabinett erhalten. Damit hat sich das aus den beiden großen Schiiten-Milizen Hisbollah und Amal und der Christen-Partei Michel Aoun geschmiedete Oppositionsbündnis in allen wichtigen Punkten durchsetzen können. Die Regierung, die sich monatelang gesperrt hatte, ihren Gegnern Zugeständnisse zu machen, sah sich gezwungen, einlenken.
Die Milizen nahmen Beirut im Handstreich
Es war in den frühen Morgenstunden, als man sich in Doha einigte, die Nachricht sprach sich per Telefon- und SMS-Kette noch vor Tagesanbruch in Beirut herum. Am Morgen dann herrschte vor allem eines in der libanesischen Haupstadt: Erleichterung, die manchmal ins ungläubig Euphorische abrutschte. "Jetzt ist es Zeit für Frieden, jetzt ist es Zeit für Business", strahlte ein Kioskbesitzer. "Wir haben beweisen, dass der Libanon nicht der Irak ist!" Statt mit "Guten Tag" grüßten sich viele mit "Mabruk" - "Herzlichen Glückwunsch", die arabische Variante eines "Hurra, wie leben noch!"
Keine zwei Wochen ist es her, dass das Land gefährlich nah an einem neuen Bürgerkrieg vorbeischlitterte. Bei schweren Gefechten zwischen Anhängern beider Lager starben 81 Menschen. Die Bürgerwehren der Regierung erwiesen sich den Kämpfern der schiitischen Hisbollah- und Amal-Milizen dabei als nicht gewachsen. Die militanten Oppositionellen nahmen den sunnitisch dominierten Westteil Beiruts im Handstreich.
Danach war im Libanon nichts mehr wie vorher. Die Opposition hatte ihre Muskeln gezeigt, bewiesen, dass sie die Macht zur Not auch mit Waffengewalt übernehmen konnte. Das "14. März" genannte Regierungsbündnis hatte verloren, sie hätte um einen Kompromiss mir ihren Gegnern nicht umhinkommen können, wenn sie nicht einen neuen Bürgerkrieg riskieren wollte.
"Das hätten wir früher haben können"
Aus der vom Golf-Emirat Katar veranstalteten Krisensitzung zur Beendigung des kalten und manchmal heißen Krieges sind die prosyrischen Kräfte gestärkt hervorgegangen. Saad Hariri, sunnitischer Delegationsleiter der Regierung, musste sich geschlagen geben: Es gebe keine Alternative zu der Einigung, auch wenn die Wunden, die die jüngsten Kämpfe geschlagen hätten, schmerzten. "Heute schlagen wir ein neues Kapitel in der Geschichte des Libanon auf", sagte Hariri bei der Vertragsunterzeichnung.
Geschichte des Libanon
Wenn ein Kompromiss heute möglich ist, wieso war er es nicht gestern, fragten sich viele Libanesen am Mittwoch. "Das ist doch ein Witz", sagt Samar vor dem Portal der arabischen Universität von Beirut. Die Anglistikstudentin ist Hariri-Anhängerin, und grundsätzlich froh, dass sich die politischen Führer geeinigt haben. "Aber wenn wir zum Schluss auf ganzer Linie nachgeben mussten, hätten wir das doch auch früher machen können", sagt die 21-Jährige. "Dann hätte es nicht so viele Tote gegeben."
Tatsächlich bedurfte es des gesamten politischen Schwergewichts der Arabischen Liga, die Regierung zum Einlenken zu bringen. Das Bündnis "14. März" hatte auf Beistand aus dem westlichen Ausland gehofft, um im Showdown mit der von Syrien und Iran gestützen Opposition ihre Position halten zu können. Doch die USA und Europa hielten sich zurück zu fragil ist das politische Gleichgewicht im Nahen Osten, als dass man bedingungslos eine Regierung stützen wollte, die die teils berechtigten Forderungen nach mehr Mitsprache ihrer Gegner komplett ignorieren wollte.
Und so waren es nicht nur Syrien und Iran, die die Einigung in offiziellen Verlautbarungen begrüßten, auch Paris und Washington zeigten sich erleichtert. Ein Sprecher des Weißen Hauses nannte die Entwicklung einen "notwendigen und positiven Schritt."
Warum Doha keine Lösung ist
Dass so viele gekommen sind, um den Abriss der Zeltstadt zu verfolgen, liegt daran, dass es ein hochsymbolischer Akt ist: Der Frieden im Zedernstaat ist vorerst gesichert, Beiruts Herz darf wieder anfangen, zu schlagen. Im Dezember 2005 hatte die Opposition ihre Anhänger aufgefordert, das Protest-Camp zu errichten. Damit trug sie ihr Anliegen auf einen politischen Wandel direkt ins Zentrum der Macht im Libanon.
Die Auswirkungen waren gewaltig: Beiruts Innenstadt wurde zur No-Go-Area. Wer hinein wollte, musste Fragen beantworten und Ausweise zeigen. Das Geschäftszentrum des Libanon, seine Flaniermeilen mit den großen Café-Terrassen verwaisten. Dass sich die Zeltstadt später leerte und nur ein paar Dutzend Männer die Stellung hielten, änderte daran nichts.
Bis abends um sechs sollten die letzten Spuren der Belagerung beseitigt sein, hieß es am Mittwoch. Es ist trotzdem nur eine Atempause, die den knapp vier Millionen Einwohnern des Mittelmeer-Anrainers in den kommenden Tagen, Wochen, mit Glück Monaten, zuteil werden wird.
Der letzte Schuss ist noch nicht gefallen
Denn Doha ist bloß ein Kompromiss, keine Lösung. Die Hisbollah hat bei den jüngsten Kämpfen bewiesen, dass sie bereit ist, ihre angeblich zur Verteidigung gegen Israel gehorteten Waffen auch gegen ihre politischen Rivalen einzusetzen. Diese werden es mittelfristig nicht hinnehmen können, dass die "Partei Gottes" ihr Arsenal behält.
Es sind vor allem die Menschen, auf die die Hisbollah-Waffen noch unlängst gerichtet waren, die nicht glauben, dass nun Frieden einkehren wird im Libanon. "Der Kompromiss von Doha ist völlig unbefriedigend, aber wir hatten keine andere Wahl", sagt Mohammed Beidun. "Psychologisch sind wir davon angeekelt." Der Polsterer lebt und arbeitet in Tariq Schedide, einem sunnitisch dominierten Viertel Beiruts.
Ganze Garben von Einschusslöchern in den Hauswänden erzählen davon, wie gewalttätig die Zusammenstöße zwischen Schiitenmilizen und sunnitischen Bürgerwehren vor zwei Wochen in seinem Viertel waren. "Sie haben uns mit der Waffe in der Hand gezwungen, zu unterschreiben."
Der 41-Jährige ist überzeugt, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. "Viele unserer Männer sind im Kampf mit der Hisbollah umgekommen. Im Libanon wird so etwas nicht vergessen."