Libanon: Wer zuerst geht, hat verloren - DER SPIEGEL
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Libanon Wer zuerst geht, hat verloren

Die Regierungstreuen Libanesen sind ratlos - und forderten auch heute wieder zu Hunderttausenden in Beirut eine Zukunft für ihr Land. Die oppositionelle Hisbollah sitzt den Konflikt dagegen einfach aus - und könnte so gewinnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beirut - Der Platz der Märtyrer in Beirut ist der Ort, an dem im Libanon Geschichte geschrieben wird. Hier versammelten sich vor zwei Jahren über eine Million Menschen, um ihr Entsetzen über den politischen Mord an dem fünfmaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri herauszuschreien. Hier begann die "Zedern-Revolution", mit der sich der Libanon aus dem jahrzehntelangen Würgegriff Syriens befreite. Hier demonstrierten im vergangenen Sommer Zigtausende gegen den Krieg, den Israel gegen ihr Land führte. Und hier bewiesen wiederum Zehntausende am Mittwoch, wo der Libanon inzwischen angekommen ist: Am Ende.

Der Regisseur eines symbolschwangeren Politthrillers hätte das Bild kaum besser inszenieren können: Auf dem Märtyrer-Platz ein Meer libanesischer Fahnen. Patriotische Lieder schallen über den Platz, Verkäufer von Wimpeln, Cola und Kaffee machen das Geschäft ihres Lebens. Hunderttausende Regierungsanhänger sind zusammengekommen um ihres Helden Hariri zu gedenken und sein Vermächtnis zu beschwören, die Unabhängigkeit des Libanon, das Bekenntnis zu Demokratie. Trotzdem hat das ganze Volkfestcharakter, immerhin trifft sich hier heute der säkulare Libanon, der in seiner Hauptstadt Beirut immer noch das Paris des Nahen Ostens sehen möchte.

Abseits, am Rande des Platzes, auf Parkplätzen und in Grünanlagen steht seit Wochen die Zeltstadt der aus den Schiitengruppierungen Hisbollah und Amal und der christlichen Aoun-Partei bestehenden Opposition. Hier geht es ernsthafter zu, immerhin leben hier in der Wolle gefärbte und angeblich mit iranischem Geld gut bezahlte Anhänger der Hisbollah. Getrennt werden die beiden verfeindeten Lager durch einen Schutzwall, den einige Beiruter bereits spöttisch die "kleine Berliner Mauer" getauft haben: Betonsperren, Stacheldrahtverhaue und doppelte Kordons bewaffneter Polizisten halten diejenigen auseinander, die doch so dringend miteinander reden müssten.

Doch der nationale Dialog, den beide Lager fordern und der wohl das einzige Instrument ist, mit dem der libanesische Knoten mühsam und vorsichtig entwirrt werden kann, ging auch am Mittwoch wieder unter in gegenseitigen Anschuldigungen: Die Regierung, allen voran Drusenführer Walid Jumblatt, warf der Hisbollah Verstrickungen in den Hariri-Mord vor. Die Opposition wolle die Regierungsanhänger einschüchtern, hieß in Anspielung auf das Doppelattentat auf zwei Busse, bei dem am Dienstag in einem christlichen Vorort von Beirut drei Menschen ums Leben gekommen waren.

Ein Hisbollah-Sprecher konterte via Fernsehen, die Regierung verschließe sich den Friedensbemühungen des saudischen Königshauses, weil sie die Macht im Libanon nicht mit den Schiiten teilen wolle. Die mehrheitlich schiitischen Gegner der Regierung von Fuad Siniora fordern mehr Mitbestimmungsrecht im Parlament und nennen das nach religiös geprägte Wahlrecht des Libanon unfair. Seit Monaten versucht sie, die Regierung zu stürzen. Erst verließen ihre fünf Minister das Kabinett, dann marschierten Hunderttausende Oppositionsanhänger durch Beirut. Seit Dezember nun harren Hunderte von Hisbollah-Anhängern vor dem Parlament mitten im Herzen der Stadt aus.

Zum Ende der Demonstration, nach der Schweigeminute für die Ermordeten und den pathetischen Appellen an das Durchhaltevermögen der Bevölkerung, zeigte sich, wer das Kräftemessen im Libanon durch Zähigkeit und ideologische Linientreue gewinnen könnte. Die Regierungsanhänger, die einen westlich orienterten, wirtschaftlich erfolgreichen Libanon wollen, verliefen sich schnell wieder. Die Bewohner der Zeltstadt blieben.

Dass die Opposition einen langen Atem hat, der ihr Land an den Rand des Ruins treiben könnte, ist vielen Libanesen in den vergangenen Wochen schmerzlich bewusst geworden. Durch die Belagerung des Parlaments ist die Innenstadt praktisch nicht mehr begehbar, das Kneipen- und Geschäftsviertel eine Geisterstadt. Das Busattentat von Bikfaya, das sich gezielt gegen Zivilisten wandte, hat bei vielen Libanesen schreckliche Erinnerungen geweckt. Der Anschlag auf einen Bus, bei dem im April 1975 mindestens 17 Palästinenser ums Leben kamen, löste den libanesischen Bürgerkrieg aus. Die Fotos des zerfetzten Busses gingen damals um die Welt. Fast zweiunddreißig Jahre später waren heute auf den Titelseiten der libanesischen Tageszeitungen ganz ähnliche Bilder zu sehen.

Und so wollte sich auch bei der Großkundgebung der 14.-März-Koalition der Geist der Zedern-Revolution trotz aller Beschwörungen nicht einstellen. Verzweiflung hat sich breit gemacht in den Herzen der Libanesen. "Erst der Krieg, jetzt die Blockade, wo soll das alles nur hin führen"", fragt eine junge Mutter, die sich mit zwei kleinen Kindern durch die Menschenmassen kämpft. "Ich habe es satt, so geht es doch nicht weiter", sagt ein Schuhverkäufer, der seinen Laden "zwei, drei Mal die Woche" wegen Streiks oder Unruhen schließen muss. "Wir sind von "Zukunft", und genau die wollen wir auch", sagen zwei Mädchen aus der Jugendgruppe der Hariri-Partei, die die Zukunft als Namen führt. Wie der Libanon jedoch seine politische Lähmung überwinden soll, wissen sie nicht. "Selbst die Politiker haben doch keine Lösung. Wir liegen in Gottes Hand."