Libyen Gaddafis rollender Lautsprecher
Mishaan Dschburi als irakischer Abgeordneter (2005): Direkter Draht zu Muammar al-Gaddafi
Foto: KARIM SAHIB/ AFPBerlin - Arabische Machthaber und ihre gleichgeschalteten Medien sind legendär: Radiosender, die militärische Siege verkünden, wo Niederlagen sind; Zeitungen, die das Offensichtliche verschweigen und stattdessen den Präsidenten bei unwichtigen Empfängen abbilden; TV-Stationen, die aufs Kinderprogramm schalten, wenn draußen alles zusammenkracht.
Auch in Gaddafis "Republik der Volksmassen" waren die Medien strikt auf Linie. Nun sind sie entweder verstummt oder erfinden sich neu. Gaddafi ist ein Diktator ohne Land, nur drei Städte kämpfen noch für ihn, Tripolis ist gefallen, sein Machtanspruch ist rein virtuell, er lebt im Untergrund, irgendwo versteckt.
Doch Gaddafi bestreitet seinen Machtverlust. Im Gegenteil, er verkündet nach wie vor den bevorstehenden Sieg gegen Rebellen und Nato und nennt die Aufständischen "Ratten" und "streunende Hunde". Zuletzt meldete er sich am vergangenen Donnerstag zu Wort - die Tonbotschaft fand den Weg in die Welt mit Hilfe eines in Syrien beheimateten TV-Senders namens al-Ra'i, was in etwa "die Meinung" bedeutet.
Saddam-Freund, Geschäftsmann, Propagandist
Dieser Sender gehört zu einer kleinen Senderfamilie, die in den letzten Wochen auch Gaddafi-Sohn Saif al-Islam und dem getreuen Regime-Sprecher Ibrahim Moussa zur Verfügung standen. Chef des kleinen Konglomerats ist ein Mann mit äußerst illustrer Geschichte: Mishaan Dschuburi, ein Iraker, der als Vertreter eines mächtigen Stammes einst ein enger Gefolgsmann von Saddam Hussein war, sich dann jedoch mit ihm überwarf.
Aus der Nähe des Diktators vertrieben, engagierte sich Dschuburi als Geschäftsmann und wohl auch Schmuggler. Ein hartnäckiges Gerücht besagt, dass er später an Planungen an einem Coup gegen Saddam beteiligt war, was freilich schief ging. Im Irak-Krieg soll er dann Propaganda für den Aufstand gegen die US-Armee verbreitet haben. Ein paar Jahre später tauchte er als Abgeordneter im irakischen Parlament auf und wurde, wie die "taz" berichtet, sogar Gouverneur von Mossul - bevor er schließlich, wegen gewisser Verdachtsmomente wegen Veruntreuung, nach Syrien umzog.
Dort lebt er nun seit einigen Jahren, betreibt seine Sender - und leistet seinem Freund Gaddafi, den er dreimal persönlich getroffen haben will, treue Dienste. Dschuburi ist möglicherweise der einzige Mensch außerhalb Libyens, der mit dem gestürzten Tyrannen noch in direktem Kontakt steht. "Wenn ich ihn sprechen muss, lasse ich ihm eine Nachricht zukommen", prahlte er jüngst.
Tatsächlich scheint der Iraker Gaddafi schon vor Monaten dabei behilflich gewesen zu sein, sich auf den Fall der Fälle vorzubereiten. Denn wie die panarabische Tageszeitung "al-Shark al-Awsat" kürzlich berichtete, erwarb Libyens Regime vor zwei Monaten auf Rat und wohl auch mit Vermittlung Dschuburis einen Übertragungswagen, mit dessen Hilfe Gaddafi nun aus seinem Geheimversteck funkt. Der "Generalsekretär der General-Behörde der Radio-Sender der libyschen Republik der Volksmassen", ein Mann namens Ali al-Kilani, scheint eigens dafür nach Syrien gereist zu sein.
Unterstützte Gaddafi irakische Militante?
Schon vor dem Kauf hatte Dschuburi vom Regime entsandte Libyer im Umgang mit dem Lkw geschult, sagte er selbst gegenüber dem Blatt. Der Wagen sei dann im Libanon erworben worden.
Seitdem befinde sich Gaddafis rollender Lautsprecher im Einsatz - der "Bruder Oberst" benötige keine Technik, die sich dort nicht finde, um seine Reden zu versenden. Diese gehen dann direkt auf einen von Dschuburis Sendern, die wiederum über den Satelliten Nilesat ausgestrahlt werden. Er wisse daher nicht, ob die Reden "aus einem Haus, einem Zelt, der Wüste oder dem Zentrum von Tripolis" kommen. Er vermute jedoch, der Wagen sei stets in Bewegung, so dass niemand ihn finden könne.
Dschuburi scheint sich auf eine dauerhaftere Beziehung einzustellen. Sein Sender al-Muqawamah, der neben al-Rai'i ebenfalls Regime-Propaganda ausstrahlte, werde "alle Reden und Programme des libyschen Widerstands senden."
So ähnlich soll Dschuburi es schon im Irak gehalten haben, wo er die Propaganda der Aufständischen verbreitete. Im Gespräch mit "al-Shark al-Awsat" wartete er denn auch gleich mit einer Enthüllung auf: "Gaddafi unterstütze den irakischen Widerstand seit 2006 und bis vor sehr kurzer Zeit. Ich war derjenige, der die Widerstandsgruppen daraufhin einschätzte, ob sie Unterstützung verdienten."
Ob Dschuburis Behauptungen stimmen oder nicht - wer weiß? Sein Leumund ist nicht der beste. Und Anfragen per E-Mail und Telefon beantwortete er nicht.