Libyen: "So kann Tripolis nicht weiterleben" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Libyen "So kann Tripolis nicht weiterleben"

Im Osten Libyens wird heftig gekämpft, in der Hauptstadt läuft das Leben beinahe wieder normal: Die Müllabfuhr arbeitet, Modegeschäfte haben geöffnet. Es könnte die Ruhe vor dem Sturm sein, befürchtet eine Deutsche, die seit Jahren in Tripolis lebt.
Obsthändler in Tripolis: Gaddafi klammert sich an die Macht
Obsthändler in Tripolis: Gaddafi klammert sich an die Macht

Obsthändler in Tripolis: Gaddafi klammert sich an die Macht

Foto: Str/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Muammar al-Gaddafi

Hamburg - Wie ist die Lage in Libyen? Gesicherte Informationen aus dem umkämpften Land sind nur schwer zu bekommen, derzeit ist unklar wie die Kämpfe zwischen den Rebellen und den Truppen von Diktator ausgehen. Besonders rar sind auch die Informationen aus der Hauptstadt, die für ausländische Reporter nur schwer zu erreichen ist: Tripolis.

Friederike Bartholdi arbeitet seit drei Jahren in Tripolis. Sie ist geblieben, während Tausende Menschen versuchen, das Land zu verlassen. Friederike Bartholdi ist nicht ihr richtiger Name, denn den möchte sie lieber nicht veröffentlicht sehen. Um ihre persönliche Sicherheit fürchte sie momentan zwar nicht, erzählt sie SPIEGEL ONLINE am Telefon. Doch nach den jüngsten Warnungen der Deutschen Botschaft habe sie sich immerhin entschieden, aus dem Zentrum wegzuziehen in ein ruhigeres Viertel am Stadtrand. Dort hätten die Leute bisher "noch nie einen Schuss gehört".

Zu Beginn der Aufstände machten in Tripolis Horrorgeschichten von Heckenschützen im Auftrag Gaddafis die Runde, sie sollen gezielt auf Gegner des Regimes geschossen haben. Auch in ihrer alten Straße habe sie Schüsse gehört, sagt Bartholdi, damals sei sie in der Wohnung geblieben.

Während im Osten des Landes nun heftig gekämpft wird, sei es in Tripolis seit Samstag wieder ruhig, so Bartholdi. Tagsüber entwickele sich sogar wieder normales Leben: "Drogerien und Modegeschäfte haben wieder geöffnet, die Polizei regelt den Verkehr, der Müll wird regelmäßig abgeholt."

"Abends ist die Stadt wie tot"

Funktioniert das Regime Gaddafis in Tripolis also nach wie vor? Das scheint nur bedingt der Fall zu sein: Abends sei die Stadt wie tot, sagt Bartholdi. "Dann geht keiner mehr auf die Straße." In der vergangenen Woche sei selbst aus Privatfahrzeugen auf Menschen gefeuert worden, die Leute hätten natürlich Angst.

Wie nervös die Menschen in Tripolis sind, zeigte sich am Mittwochmorgen, als vor einem Krankenhaus in der Hauptstadt ein Tanklaster in Brand geriet. Anwohner reagierten panisch. War es ein Unfall? Oder doch ein Anschlag? Ein "ungeheurer Druck" liege auf der Stadt und den Menschen, sagt Bartholdi. "Das ist kein Dauerzustand. So kann Tripolis nicht weiterleben."

Es sei zu befürchten, dass die Hauptstadt momentan die Ruhe vor dem Sturm erlebe. Bartholdi hofft, das es kein blutiges Ende nimmt. Aber irgendwie müsse sich die Situation auflösen. Die Telefonleitung nach Tripolis ist jetzt alles andere als stabil. Immer wieder wird das Gespräch unterbrochen. "Ich wünsche Gaddafi so viel Einsicht, dass er sich aufs Altenteil zurückzieht", sagt Bartholdi noch, dann ist die Leitung wieder stumm.

Fotostrecke

Kämpfe in Libyen: Gaddafi schlägt zurück

Foto: AFP/ Libyan TV

Derzeit deutet wenig darauf hin, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen könnte. Am Mittag wendet sich Gaddafi in einer Fernsehansprache erneut an sein Volk: Libyens System werde "von der Welt nicht verstanden", sagt der Despot. Im ganzen Land gebe es große Veranstaltungen, bei denen er gepriesen werde. Die Herrschaft des Volkes in Libyen, so Gaddafi, sei "wahre Demokratie".