Libyen Drei Kriege in einem Land
Feuer frei: Soldaten der libyschen Regierung im Kampf um Tripolis
Foto: REUTERSFayez Sarraj ist eigentlich Architekt. Doch Häuser plant der 59-Jährige schon lange nicht mehr. Seit 2016 ist Sarraj Premierminister von Libyen. Er führt die von den Vereinten Nationen anerkannte Regierung in Tripolis - und einen Krieg.
Sein Gegner ist Khalifa Haftar, ein greiser Warlord, der sich selbst Feldmarschall nennt, noch in der Sowjetunion militärisch ausgebildet wurde und nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi 2011 aus seinem Exil in den USA zurückkehrte, um in dem nordafrikanischen Land die Macht zu übernehmen. Das war zumindest sein Plan .
Nun, nach einem jahrelangen Bürgerkrieg, will der 76-Jährige die Hauptstadt Tripolis endlich einnehmen und mit seiner "Libyschen Nationalen Armee" (LNA) die Regierung von Sarraj stürzen. Eigenen Angaben zufolge hat die Truppe am Wochenende Schlüsselpositionen rund um Tripolis eingenommen.
Die Golfstaaten kämpfen gegeneinander in Nordafrika
Doch der Bürgerkrieg in Libyen ist längst mehr als nur ein Kampf zwischen Libyern um die Zukunft ihrer Heimat. In dem Land werden gleich drei Kriege auf einmal geführt. Sarraj und Haftar haben mächtige Unterstützer in der arabischen Welt. Vor allem die Golfstaaten befeuern den Konflikt mit Dollars und ganzen Drohnenflotten:
- Die international anerkannte Regierung von Sarraj und die mit ihr verbündeten Milizen werden vom Emirat Katar protegiert.
- Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) unterstützen Haftars Armee ebenso wie Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien.
Diese drei Länder blockieren seit rund zweieinhalb Jahren Katar politisch und wirtschaftlich. Der Hauptgrund: Das Emirat versucht sich seit dem Arabischen Frühling 2011 mit ganz unterschiedlichen Mitteln als Mittelmacht in der Region zu etablieren, was vor allem den mächtigen Herrscherhäusern in Abu Dhabi und Riad missfällt.
"Für Erdogan ist der Konflikt eine Gelegenheit, sich wieder neu zu positionieren"
Unterstützt wird Katar in diesem ungleichen Kampf von der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan gehört zu den großen Verlierern des Arabischen Frühlings:
- Er träumte infolge der Auf- und Umbrüche davon, die Türkei als unverzichtbare Regionalmacht zu positionieren.
- Deshalb unterstützte seine Regierung im Nahen Osten islamistische Gruppen, von denen viele der ägyptischen Muslimbruderschaft nahestehen.
- Die regierte nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Hosni Mubarak kurzzeitig am Nil, bis das Militär dieses Experiment 2014 beendete.
- Seither ist Abdel Fattah el-Sisi der starke Mann in Ägypten.
In Libyen steht die Türkei auch auf der Seite Katars und unterstützt die Sarraj-Regierung. Ankara erwägt sogar, eigene Truppen oder arabische Milizen nach Nordafrika zu schicken, die bislang in Syrien kämpfen. Erdogan hat inzwischen einen Antrag auf Truppenentsendung im türkischen Parlament gestellt. "Für Erdogan ist der Libyen-Konflikt eine Gelegenheit, sich wieder neu zu positionieren", sagt Daniel Gerlach, Nahostexperte und Chefredakteur des Fachmagazins "Zenith".
"Krieg nicht Ultima Ratio, sondern außenpolitisches Machtinstrument"
Am Wochenende tauchten im Netz bereits erste Videos auf, die südlich von Tripolis entstanden sind. Darin sind Milizionäre zu sehen, die mit syrischem Dialekt sprechen und behaupten, sie hätten einen Stützpunkt von Haftars Truppen eingenommen. Die Authentizität dieses Videos konnte bislang nicht zweifelsfrei verifiziert werden.
Wie die Türkei, so ist auch Russland in Syrien und in Libyen aktiv . "Für Erdogan und Putin ist Krieg nicht die Ultima Ratio, sondern ein außenpolitisches Machtinstrument", sagt Gerlach. "Wenn sie ein Vakuum sehen, versuchen sie dieses zu füllen, um bei den anschließenden Verhandlungen mitreden zu können."
Wie viele russische Söldner in Libyen an der Seite von Warlord Haftar kämpfen, ist umstritten. Die "Washington Post" berichtete zuletzt von mehr als tausend Mann unter Waffen. Auch soll die LNA Militärhilfe aus Moskau bekommen.
Italien, Frankreich und die USA torpedieren einheitliche Libyen-Politik des Westens
Dass Russland und die Türkei nun nicht nur in Syrien aktive Kriegsparteien sind, sondern auch in Libyen und damit maßgeblichen Einfluss auf die zwei zentralen Migrationsrouten haben, beunruhigt die Europäische Union. Einen kohärenten Plan hat die Staatengemeinschaft aber bislang nicht. Unter den EU-Mitgliedstaaten gibt es ganz unterschiedliche Interessen:
- Italien etwa, Libyens alte Kolonialmacht, unterstützt die Sarraj-Regierung. Die italienische Armee betreibt unter anderem ein Feldlazarett am Flughafen von Misrata. Premier Guiseppe Conte hat am Wochenende die Einrichtung einer Flugverbotszone vorgeschlagen. Die Regierung in Rom hat vor allem wirtschaftliche Interessen in Libyen. Der Energiekonzern Eni ist mit einem Marktanteil von 45 Prozent der größte ausländische Öl- und Gasproduzent in dem Bürgerkriegsland.
- Deutschland versucht derweil, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Die Bundesregierung will verhindern, dass in Libyen ein zweites Syrien entsteht und plant eine internationale Konferenz.
- Frankreich hingegen setzt auf Haftar. "Die Regierung in Paris hat im Antiterrorkampf in der Sahelzone in den vergangenen Jahren allem Anschein nach nachrichtendienstlich und militärisch mit Haftars Militärs zusammengearbeitet", sagt Gerlach.
Zwar unterstützt die Regierung in Paris den Warlord nicht aktiv, eine öffentliche Distanzierung hat es bislang aber auch nicht gegeben. Auch die Vereinigten Staaten positionieren sich nicht klar, obwohl sie in Libyen einen Antiterrorkrieg gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" führen.
Zwar unterstützten die USA offiziell die von der Uno anerkannte Regierung von Premier Sarraj. Im vergangenen April telefonierte Präsident Donald Trump aber mit Haftar - und lobte ihn für die "bedeutende Rolle", die er mit seinen Männern unter anderem bei der Sicherung der libyschen Ölreserven spiele. Im gleichen Monat startete Haftar seine Offensive auf Tripolis, die er nun siegreich beenden will.