Logbuch al-Qaida Die sieben Leben des "Abu Omar"
Berlin - Das Geld für den Terror, sagt der Mann in der etwa sechs Minuten langen Aufzeichnung, komme aus dem Inland und dem Ausland gleichermaßen. Im Irak selbst stehle al-Qaida, was man brauche. Von draußen komme Geld über Wohltätigkeitsorganisationen in Saudi-Arabien, Syrien und Ägypten.
Mit fester, ruhiger Stimme spricht der Mann, verrät zum Beispiel, wie er mit seinem anspielungsreichen Bombast-Namen "Abu Omar al-Baghdadi al-Quraishi al-Husseini al-Baghdadi" Eindruck im Zweistromland schinden wollte.
Oder wie er sich zunächst al-Qaida anschloss und später den Weg an die Spitze des "Islamischen Staates Irak" fand, jenes Phantasiegebildes, das das Terrornetzwerk vor gut drei Jahren ins Leben rief. Sein echter Name sei im Übrigen Ahmed Abed Ahmed Khamis. Er sei 1969 geboren und habe in einem Rüstungsunternehmen gearbeitet.
Aussage gegen Aussage - und beide sind von "Abu Omar"
Wer je Videoaussagen von inhaftierten oder verhörten Terrorverdächtigen gesehen hat, kann sich nur darüber wundern, wie ausgeruht und souverän der Sprecher wirkt. Doch die irakische Polizei, die dieses angebliche Geständnis am Montag bei einer Pressekonferenz zeigte, bleibt dabei: Der Mann in dem blauen Hemd sei tatsächlich der ideologische Führer der irakischen al-Qaida, jener Mann, den das Netzwerk "Führer der Gläubigen" nennt.
Die Zurschaustellung des mutmaßlichen Terrorchefs hat einen Grund: Als die irakischen Sicherheitsbehörden vor wenigen Wochen meldeten, dass sie den Qaida-Staatschef gefangen hätten, dementierte die Qaida-Filiale im Zweistromland zunächst schriftlich, was keinen besonderen Eindruck machte. Dann aber legten die Terroristen nach: Mit einer angeblichen Rede "Abu Omars", in der dieser von "Lügnern und Kollaborateuren" sprach. Dadurch sah sich die Polizei offenbar gedrängt, nachzulegen.
Wodurch nun, im Wortsinne, Aussage gegen Aussage steht: "Abu Omar" in freier Wildbahn auf der einen, "Abu Omar" in irakischem Gewahrsam auf der anderen Seite.
Allerdings ist die Geschichte tatsächlich noch etwas komplizierter. Es ist nämlich nicht einmal sicher, dass "Abu Omar" überhaupt existiert.
- Zum ersten Mal betrat "Abu Omar" die Bühne des internationalen Terrorismus, als al-Qaida im Irak ihn im Oktober 2006 zum Staatschef ausrief. Niemand wusste, wer der Mann sein sollte, der auf einmal programmatische Reden hielt, "Minister" ernannte, ein Raketenbauprogramm verkündete und ständig neue Eroberungsphantasien per Audiobotschaft verbreitete.
- Im Mai 2007 hieß es dann, ebenso plötzlich, "Abu Omar" sei tot. Quelle waren irakische Sicherheitsbehörden.
- Aber schon im Juli 2007 erklärte die US-Armee, dass Verhöre von gefassten Qaida-Kadern ergeben hätten: "Abu Omar" existiert überhaupt nicht. Er sei ein Phantom, ersonnen von der Terrororganisation, um sich einen irakischeren Anstrich zu geben; seine Rolle werde von einem irakischen Schauspieler gespielt.
- Im Mai 2008 sah die Sache wieder ganz anders aus: Nun enthüllte der TV-Sender al-Arabija, der Mann existiere sehr wohl, heiße in Wahrheit Hamid al-Sawi und sei ein Ex-Offizier. Es gab sogar ein Foto, das angeblich ihn zeigte. Zu sehen war allerdings ein anderer Mann als der, den die die irakische Polizei an diesem Montag präsentierte.
- Eine weitere Theorie geht unterdessen davon aus, dass "Abu Omar" ein Kollektivname ist, hinter dem sich die erweiterte Führung al-Qaidas im Irak versteckt.
Was also fängt man jetzt mit den neuen angeblichen Fakten aus Bagdad an? Sie unabhängig einzuschätzen, ist schwierig. Der jordanische Qaida-Experte Fuad Hussein klingt zwar allmählich auch etwas ratlos, ist sich aber einer Sache ziemlich sicher: Dass die Stimme auf dem Qaida-Tonband, in dem die Festnahme dementiert wurde, mit der von früheren Botschaften "Abu Omars" identisch ist.
Das würde bedeuten: Der Mann, der gesteht, ist nicht der Mann, der dementierte - aber beide könnten trotzdem "Abu Omar" sein, wenn die Kollektivnamen-These stimmt. Sie könnten natürlich auch beide nicht "Abu Omar" sein, falls die Phantom-These stimmt.
Im Grunde ist "Abu Omar" unsterblich
Es ist also ein einziges, unentwirrbares Chaos. Klar: Gelingt es den Irakern jetzt, die gesamte Qaida-Führung aufzurollen, weil "ihr" "Abu Omar" alles ausplaudert, dann wäre es wohl ein Beleg dafür, dass sie wohl einen zumindest wichtigen Mann gefasst hätten.
Aber al-Qaida würde natürlich trotzdem nicht davon abrücken, dass "Abu Omar" gesund und in Sicherheit ist. Und wenn es in Wahrheit anders wäre, könnte es, weil niemand "Abu Omar" kennt, auch niemand beweisen, "Geständnisse" hin oder her.
Mit anderen Worten: Auch wenn es mit al-Qaida im Irak schon seit Längerem bergab geht, eines hat das Netzwerk erreicht - dadurch, dass es nie Fotos von dem Mann zeigte, der sie anführt, und nie seinen wahren Namen nannte, hat es sich als Nachfolger des super-exponierten Abu Musab al-Sarkawi einen praktisch unsterblichen Anführer geschaffen.