Logbuch al-Qaida: Trainingslager Marke Eigenbau - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Logbuch al-Qaida Trainingslager Marke Eigenbau

Erst sprach Attila Ahmet mit seinen Gästen darüber, wie es sei, Nicht-Muslime zu töten. Dann lud er junge Islamisten zu Paintball-Schlachten und Wehrübungen im Wald ein. Jetzt steht der Mann in London vor Gericht - wegen gezielter Radikalisierung junger Islamisten.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie haben zwar nicht gelernt, wie man Bomben baut. Und geschossen haben sie auch nur mit Farbbeuteln oder mit Ästen, die als Gewehrersatz herhalten mussten. Trotzdem blieben die Ausflüge in die britischen Wälder, die Attila Ahmet und sein mutmaßlicher Mitverschwörer Mohammed Hamid für mehr als ein Dutzend junge britische Islamisten organisierten, nicht ohne Folgen: Denn mindestens zwei ihrer Adepten versuchten später tatsächlich, Terroranschläge zu verüben. Ramzi Mohammed und Hussain Osman.

Es war der 21. Juli 2005, an dem Mohammed und Osman zuschlagen wollten: Genau zwei Wochen nach den verheerenden Attentaten auf das Londoner Nahverkehrssystem und weniger als 24 Stunden, nachdem sie das letzte Mal per SMS Kontakt mit Ahmet hatten, wollten sie sich gemeinsam mit zwei Freunden in der Londoner U-Bahn in die Luft zu sprengen.

Nur weil ihr Sprengstoff nicht explodierte, entging London einem zweiten Massaker mitten in der Innenstadt.

Ahmet gilt ausdrücklich nicht als Drahtzieher dieses Anschlagsversuchs. Dass er ihn gutgeheißen hätte, wenn er davon gewusst hätte, steht aber wohl außer Frage. Denn schon zu den Anschlägen vom 7. Juli hatte er laut Polizei-Abhörprotokoll gesagt: "52 Tote? Das ist für mich nicht einmal ein Frühstück!"

Dieses und weitere Zitate aus dem Munde Ahmets wurden vorletzte Woche vor Gericht bekannt - im Rahmen eines Prozesses gegen Ahmet, Hamid und drei weitere Dschihadisten. Ihnen wird vorgeworfen, eine Gruppe junger britischer Islamisten über zwei Jahre lang gezielt radikalisiert zu haben - unter ihnen die besagten Attentäter Ramzi Mohammed und Hussain Osman.

Der Fall wird auch im Ausland aufmerksam beobachtet. Denn schon oft wurden in Großbritannien Terrortrends vorweg genommen, die sich anderswo später durchsetzten. Und das Neue, das sind in diesem Fall die "Do-it-yourself-Trainingscamps", die Ahmet betrieb.

Outdoor-Training flankiert Indoor-Propaganda

Natürlich ist nichts von dem, was Ahmet und sein mutmaßlicher Mitverschwörer Hamid ihren Dschihad-Schülern anboten, mit einer Terrorausbildung in den Camps von al-Qaida & Co. in Pakistan oder Afghanistan zu vergleichen. Ein Undercover-Agent der Sicherheitsbehörden, der sich als Teilnehmer eingeschlichen hatte, berichtete von Liegestützen, Sit-Ups und dem gemeinschaftlichen Robben durchs Unterholz. Darüber hinaus fuhr man zum Paintball-Schießen aufs Land.

Aber die Gemeinschafts-Trips waren wohl auch nicht so sehr dazu gedacht, fertige Terroristen hervorzubringen, als vielmehr dazu, die generellen Indoktrinierungsmaßnahmen Ahmets zu flankieren.

Ahmet ging dabei systematisch vor: Wer ihm in seinem Buchladen als potentieller Dschihadist auffiel, den lud er zu seinem Gesprächszirkel bei sich Zuhause ein. Dabei soll unter anderem darüber gesprochen worden sein, Nicht-Muslime zu töten. Anschließend wurden ausgewählte Teilnehmer zu den besagten Ausflügen eingeladen. Dort war es offenbar sein Ziel, eine verschworene Gemeinschaft zu bilden und Hemmungen ganz subtil abzubauen. Es gibt zum Beispiel eine Handykamera-Aufnahme, die zeigt, wie die Teilnehmer unter lautem Gelächter eine Wassermelone "enthaupten" - in klarer Anspielung auf entsprechende Videos aus dem Irak.

Wie gefährlich sind solche Trips?

Das Verfahren wirft eine interessante Frage auf: Können solche Ausflüge ein Zwischenschritt auf dem Weg in den Terrorismus sein? Dafür spricht zum Beispiel, dass neuere Studien über Dschihadisten gezeigt haben: Immer häufiger gehen spätere Terrorzellen aus verschworenen Freundeskreisen hervor. Natürlich tragen solche Ausflüge unter halb konspirativen Bedingungen und mit viel Dschihad-Propaganda dazu bei, ein Klima herzustellen, in dem es nicht absurd erscheint, seinen Kumpel zu fragen, ob man nicht mal...

Auf der anderen Seite: Ist es nicht ein bisschen übertrieben, ein paar Trips ins Unterholz zum Katalysator für den Terrorismus zu erheben? Es ist sicher ein Schritt in eine potentiell bedenkliche Richtung - aber noch lange nicht dasselbe wie ein One-Way-Ticket nach Afghanistan. Aus den britischen Wäldern führen mehr Wege zurück in die britische Gesellschaft als aus dem Hindukusch.

Noch läuft der Prozess in London, und vielleicht ergeben sich ja noch mehr Einblicke in die Dschihad-Gemeinde von Attila Ahmet. Sicher ist bisher nur eins: Typen wie Ahmet sollten am besten überhaupt keinen Umgang mit für Propaganda anfälligen jungen Islamisten haben - egal ob indoor oder outdoor.