Gaddafis Schergen: Diktatorensohn und Folterchef gefasst
Machtvakuum in Libyen Stämme feilschen um Einfluss und Privilegien
"Jetzt steht dem rosigen Morgen nichts mehr im Weg", frohlockte der Sprecher im privatisierten ehemaligen libyschen Staatsfernsehen Libya al-Ahrar. "Das Libyen der Freien-TV". Dann wurden Glückwünsche einfacher Bürger nachgeschoben. "Jetzt, wo der Sohn des Ungeheuers gefasst ist, ist die Bahn frei für alle Libyer".
Auf den Straßen der allmählich im Müll versinkenden Hauptstadt heulen nervtötende Sirenen - bis dato haben nur Ambulanzen und Polizeifahrzeuge freie Fahrt. Dann brachten Rundfunk und Fernsehen eine Sondermeldung. Schlagartig stieg der Geräuschpegel noch weiter an. Jubel aus Autofenstern und ein Stakkato von Freudenschüssen bärtiger Twens im Battledress auf dem Rondell des Algerien-Platzes im Zentrum ließen die Volksseele tanzen.
Die Meldung: Nach der Ergreifung des Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam war nun auch der verhasste Oberscherge des Diktators, Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi, den Revolutionären in die Fänge geraten. Dabei hatten viele geglaubt, dass sich der Foltergeneral bereits in den schwarzafrikanischen Nachbarstaat Niger abgesetzt hatte. Gaddafi-Spross Saadi hatte es dahin ja geschafft. Doch der Freudentaumel verdeckt nur kurzfristig die Probleme, die Libyens Revolutionäre noch lösen müssen, ehe es wirklich vorangeht in Richtung Fortschritt, Gleichheit, Gerechtigkeit.
Anmaßung der Stämme
Schon die Tatsache, dass Saif al-Islam von seinen Greifern nicht in die Hauptstadt geflogen und den staatlichen Organen überstellt wurde, ist ein Beispiel für die rapide anwachsenden Anmaßungen und Selbstüberschätzung mehrerer Revolutionsgruppen. Die als wenig zimperlich bekannten Milizen von Sintan, einer südwestlich von Tripolis gelegenen Großstadt, hatten Saif al-Islam in einen Hinterhalt gelockt und gefangengenommen. "Unsere Männer sind die Helden des freien Libyens" pinselten stolze Bürger Sintans danach auf Spruchbänder und Hauswände.
Mustafa Abd al-Dschalil , allseits respektiert, wenn auch politisch wenig aggressiv wirkender Chef des Interimsrats, der bis auf Weiteres die vakante Position des Staatschefs wahrnimmt, versuchte vergeblich, die Milizenführer von Sintan zur Vernunft zu bringen. Auch Ministerpräsident Abdulrahim al-Kib blitzte bei den selbstbewussten Westrebellen ab.
Die Sintanis wollen Saif al-Islam solange in ihrer Obhut behalten, bis sie von den vorläufigen Entscheidungsträgern für ihren Einsatz - andere sagen "Halsstarrigkeit" - belohnt werden.
Ministerpräsident und Innenminister haben einstweilen gelobt, Gaddafis Zweitgeborenen nicht dem Gerichtshof in Den Haag zu überstellen. Ob es das letzte Wort sein wird, ist noch unklar.
Doch auch andere regionale Herrscher machen sich für ihre Sache stark. Die Revolutionäre der von Gaddafis Soldateska zerschundenen Hafenstadt Misrata verlangen auch für ihre Stadt und ihr ökonomisch wichtiges Umland eine Sonderstellung im neuen Libyen. Angesichts des in der Tat bewundernswerten Durchhaltevermögens der monatelang von Gaddafis Truppen eingeschlossenen Bevölkerung und des hohen Blutzolls seiner Verteidiger dürften ihre Vorstellungen durchaus auf Verständnis stoßen.
Mitspracherecht für erfolgreiche Revolutionäre
Auch die westlich von Tripoli gelegene Stadt Sawija will für die Kampferfolge ihrer Revolutionäre im neuen Staatsgebilde ein spezielles Mitspracherecht bekommen. Viele Libyer haben auch dafür Verständnis.
Dass die von Gaddafi angefeindeten "Amasighsprachigen" - wie die 40 Millionen Berber in Nordafrika von ihren arabischen Landsleuten genannt werden - ihren Beitrag zur Beendigung des Gaddafi-Regimes leisteten und vor allem die Einnahme der Hauptstadt Tripolis durch ihre Gewaltanstrengung in nur wenigen Tagen möglich machten, verleiht ihrer Forderung nach Anerkennung ihrer Sprache, Tifinagh-Schrift und Kultur Nachdruck.
De-facto-Staatschef al-Dschalil sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass die 650.000 Berber "uneingeschränkte Sprach- und Kulturhoheit" in ihren Siedlungsgebieten erhalten sollten. Sein Stellvertreter Ghoga verwies auf die Tatsache, dass auf sein Betreiben hin das Emblem des Nationalen Übergangsrats sowohl auf Arabisch als auch in der Amasigh-Sprache abgefasst worden sei.
Doch verkappte Anhänger des alten Regimes halten dagegen. Auch islamistisch eingefärbte Kampfgruppen in der Cyrenaika, vor allem in der antiken Hafenstadt Derna, wollen keine zweite Amtssprache neben der Sprache des Koran dulden.
Wer soll die vielen Ansprüche und Interessen bündeln? Eine Struktur hat sich bisher nur die islamistischen Muslimbruderschaft gegeben - ansonsten herrscht zehn Monate nach Ausbruch der Revolution in Libyen noch immer ein politisches Vakuum.
Stammesföderation ist unwahrscheinlich
Ob sich das in den zwanzig Monaten, die sich der NTC als Frist für seine Arbeit gesetzt hat, sinnvoll füllen wird, steht dahin. Eine Stammesföderation ist entgegen der Mutmaßungen westeuropäischer Diplomaten unwahrscheinlich - auch wenn sich der Einfluss von Sippenverbänden, einflussreicher Großfamilien und ethnischer Minderheiten wie der Berber, Tuareg und Tubu bei der Formulierung des Verfassungskodex niederschlagen wird. "Wenn das nicht geschieht, zerspringen hier die Teegläser", unkt Hussein Abu Salah, Kioskbesitzer am südlichen Stadtrand von Tripolis.
Die Obstruktionspolitik der Gaddafi-Nostalgiker in ehemaligen Hochburgen des Diktators in Vororten wie Hadhba und Abu Salim hingegen dürfte keine Zukunft haben. Auch die heimlichen Gaddafi-Eiferer im Hauptstadt-nahen Worschfina sind chancenlos - und seit einigen Tagen sogar zu einem Kompromiss mit den Bewohnern ihrer Nachbarstadt Sawija bereit, die sie vor dem Sturz der Diktatur oft und offenbar gerne wie Staatsfeinde behandelt hatten.
Das Libyen von morgen ist das Libyen der Regionen. Die simple Aufteilung in drei autarke Großprovinzen Tripolitanien, Cyrenaika und Fessan ist unter Libyern aller Couleur kein Gesprächsgegenstand. Daran ändert auch die Dreifarben-Trikolore nichts, die zu Königszeiten diese Dreiteilung symbolisiert hatte.