Marisol Murphy: "Entweder ich kriege frei oder ich bin krank" - DER SPIEGEL
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Marisol Murphy "Entweder ich kriege frei oder ich bin krank"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Marisol Murphys Büro hat den Blick, von dem die Touristen auf der Aussichtsplattform träumen. Ground Zero in allen drei Dimensionen, rechts im Vordergrund sogar mit dem Verizon-Hochhaus, von dem immer noch die Mauerteile baumeln. Am 5. August war Murphys erster Tag in ihrem alten Büro. "Ich habe erst mal geheult", sagt die gebürtige Puertoricanerin und bricht bei diesem Gedanken gleich noch mal in Tränen aus. Das letzte Mal, als sie hier gewesen war, hatte sie auch geweint. Das war am 11. September. Damals war sie schwanger und hatte Angst um ihr Baby. Inzwischen ist Klein-Anthony vier Monate alt, "Gott sei Dank".

Murphy kann nicht glauben, dass schon ein Jahr seit der Attacke vergangen ist, schließlich kämpft sie immer noch mit den Folgen. Alles begann an jenem Morgen, als sie nichts ahnend aus der U-Bahnstation empor stieg. Der Nordturm des World Trade Center stand in Flammen, keine Minute später sauste ein Flugzeug in den zweiten Turm. Bis heute sieht sie die Menschen, die in den Tod sprangen. Und die blutenden Menschen um sie herum, die von den berstenden Schaufensterscheiben getroffen waren. "Alle haben geschubst, sich auf den Boden geworfen, geheult", erinnert sich Murphy.

Sie hielt ihre Nachbarin Jackie an der Hand, doch in dem Gedränge wurden sie getrennt. Murphy schlüpfte zeitweise in einem Deli unter, dann schlug sie sich zum Büro durch, das direkt neben dem später eingestürzten World Trade Center Nummer sieben lag. Sie arbeitet im Kundendienst für die Bank of New York, an der Hotline für Rentenpapiere.

Murphy kam gerade rechtzeitig, um evakuiert zu werden. Mit den Massen marschierte sie über die Williamsburg Bridge nach Brooklyn, in Gedanken bei ihrem fünfjährigen, sehbehinderten Sohn Giovanne. Erst am späten Nachmittag bekam sie Gewissheit, sie fand ihn zu Hause bei ihrer Mutter.

Giovanne war verwirrt. "Warum weinen die Menschen?", fragte er immer wieder. Murphy redete etwas von einem Unfall, eine vollständige Erklärung konnte sie ihm nicht geben. "Mein Gott, er ist erst fünf", sagt sie. Aber Giovanne hatte schon eine vage Ahnung, wie die Dinge lagen. Er weigerte sich fortan, in ein Flugzeug zu steigen, und zu Halloween verkleidete er sich als Feuerwehrmann.

Der Knirps gab monatelang keine Ruhe, doch das war nicht das Schlimmste. Eine Woche dauerte es, bis die Bank ein Ausweichquartier gefunden hatte. Zwei Autostunden entfernt in Pleasantville. Die Bank stellte einen Shuttle-Bus bereit, doch Murphys ohnehin langen Arbeitstage wurden nun unmenschlich. "Ich bin um 5.00 Uhr aufgestanden und manchmal nachts um 1.00 Uhr nach Hause gekommen", sagt sie.

Die Schwangere hielt den Stress zwei Wochen durch. Dann passierte es: Sie hatte gerade ihren Computer in Pleasantville hochgefahren, als es aus ihrer Scheide zu bluten begann. Im Krankenhaus konnten die Ärzte zunächst den Herzschlag des Babys nicht finden. "Es sah nach einer Fehlgeburt aus", sagt Murphy. Doch sie hatte Glück, das Baby lebte.

Von den nächsten zehn Monaten arbeitete Murphy nur drei. Ende April kam Anthony. Im Juli zog die Bank wieder in die alten Räume am Ground Zero. Murphy wollte nicht zurück, aber sie brauchte das Geld. Die Bank hatte geschrieben, dass ihr Arbeitsplatz im Oktober nicht mehr garantiert sei. Murphy hatte sich auch nach einem anderen Job umgesehen, aber nichts gefunden.

Bis zu ihrem ersten Arbeitstag hatte sie den Ground Zero gemieden. Auch jetzt steigt sie weiter nördlich aus der U-Bahn aus, damit sie nicht vorbeilaufen muss. Ihren Kollegen in dem Großraumbüro geht es ähnlich. Alle Rollos an der Fensterfront zum Ground Zero sind runtergelassen.

Die Geschäftsführung der Bank überlegt derzeit, ob sie den Mitarbeitern am 11. September freigeben soll. Murphy hat ihre Entscheinung bereits getroffen: "Entweder ich kriege frei, oder ich bin krank".