Marokko: Das Ende der Laxheit - DER SPIEGEL
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Marokko Das Ende der Laxheit

Die Selbstmordattentate vom Mai, bei denen in Casablanca 45 Menschen starben, haben Marokkos Elite einen Schock versetzt. Doch jetzt nehmen Regierung und Königshaus die Bedrohung durch rückschrittliche und gewalttätige Islamisten ernst. Mit Repressionen und Reformen will der nordafrikanische Staat der Gefahr aus den Moscheen begegnen.
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Beim Ruf des Muezzin, um sechs Uhr abends, stürmt eine Horde kleiner Jungen und Mädchen in weißen Kitteln fröhlich schwatzend aus der staatlichen Lehranstalt. Die vor dem Schultor im Herzen der frommen Stadt Salé wartenden Mütter haben das Gesicht mit dem Hidschab, dem Schleier, verhüllt. Doch ihre Töchter tragen keine Kopftücher mehr im Unterricht.

Stapelweise neue Bücher

In dem einst mächtigen Piratenstützpunkt am rechten Ufer des Bouregreg-Flusses gegenüber der Hauptstadt Rabat herrscht seit Schulbeginn ein neuer Ton: In den Klassen treffen die Schülerinnen auf gleichaltrige Jungen. Und die Einheitsfibel, aus der sie bisher lernten, dass dem Dieb die Hand abgehackt wird nach der Scharia, dem islamischen Gesetzes, ist verschwunden. Stapelweise neue Bücher mussten die Eltern anschaffen. Sogar Philosophieunterricht wurde eingeführt. In den Geschichtsstunden ist nicht mehr allein über arabische Dynastien sondern auch von Europa und Amerika die Rede.

Die alte Ordnung Marokkos steht auf der Kippe. König Mohammed VI kämpft gegen den Vormarsch der Islamisten in seinem Land an. Mit Härte geht er gegen die gewaltgeneigten Integristen vor - und versucht zugleich, mit Reformen den Gotteskriegern die Klientel abzugraben.

Die Selbstmordattentate religiöser Fanatiker vom 16. Mai auf ausländische und jüdische Einrichtungen in Casablanca, bei denen 45 Menschen starben, haben der westlich orientierten Elite einen nachhaltigen Schock versetzt. Zu lange hatte der Machsen, die Oligarchie im Umkreis des Palasts, sich von der Theorie einlullen lassen, Marokko sei gegen den überall in der arabischen Welt anschwellenden religiösen Eifer immun. Die Sonderstellung ihres Königs, zugleich als weltlicher Machthaber und oberster geistlicher Führer der Gläubigen, galt als Garantie gegen extremistische Auslegungen des Koran.

Rasant wachsende Armenviertel

Marokko ist anders. "Das war das Werbeplakat für das westliche Ausland", sagt Mohammed Tozy, Soziologe an der Universität Hassan II in Casablanca, der wohl bekannteste Islamspezialist. In Wirklichkeit sei die islamistische Bewegung, hier ebenso tief in der Gesellschaft verwurzelt wie überall sonst in der arabischen Welt. Nicht nur fand sie in den rasant wachsenden Armenvierteln, den Bidonvilles, Hunderttausende Anhänger. Auch ihr politischer Arm, die legale Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) erstarkte bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr zur dritten Kraft.

Die offiziellen Moscheen werden vom Religionsminister des Königs beaufsichtigt und bezahlt. Doch in den Slums und auf dem Land sammelten sich immer mehr Fromme bei Predigern in Gebetskellern und Garagen, die ihr Geld nicht vom Staat sondern aus Saudi-Arabien bezogen.

Als Gegenleistung verbreiteten die Imame Hasstiraden, Pamphlete und Tonkassetten. Die Botschaft verfing bei dem Teil der Bevölkerung, der sich vom Palast vergessen wähnte: Glaubenskrieg, Dschihad, gegen Nordamerika, Israel und seine Unterstützer, dazu die Verheißung aufs Paradies für alle, die bereit sind, ihr Leben dem rechten Glauben zu opfern.

Aus diesem Milieu kamen die jungen Selbstmord-Attentäter von Casablanca. Zwei Beteiligte nannten beim Verhör die Prediger Hassan Kettani aus Salé und Abu Hafs aus der religiösen Hochburg Fes mit ihren Fatwa-Botschaften gegen die USA als geistige Väter. Die beiden bärtigen Aufrührer waren vor Beginn des Irakkriegs verhaftet worden. Der Staatsanwalt hatte die Todesstrafe für die Angeklagten gefordert. Jetzt wurden sie als Köpfe der radikalen Salafija Dschihadija zu 20 und 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Nach den Anschlägen der 14 Burschen aus den Slums der Wirtschaftsmetropole verkündete König Mohammed VI das "Ende der Ära der Laxheit". Er versprach einen starken Staat, der die Demokratie festigen werde. Die Islamisten waren nicht mehr länger bloß Angelegenheit des Religionsministers, nun kümmerte sich des Königs Geheimdienstchef Hamidu Lanigri, jüngst an die Spitze der Polizei berufen, um die Bärtigen. Der hatte schon früher vor den Umtrieben in nicht registrierten Moscheen und Koranschulen gewarnt. Jetzt ließ er die illegalen Gebetsräume und Koranschulen in den Bidonsvilles ausheben.

Wie wurden aus Studenten menschliche Bomben?

Der neue Religionsminister Ahmed Toufiqu,60, sieht sich derweilen kritischen Fragen der Intellektuellen ausgesetzt. "Wie kann es sein, dass gut ausgebildete Studenten sich in menschliche Bomben verwandeln lassen?" Die Antwort von Ali Sedschari, Professor für Verwaltungsrecht an der Uni Mohammed V zu Rabat, bei dem auch der König,40, studiert hat: Schuld ist "das Chaos in den Moscheen".

Doch aufräumen allein nutzt nicht. Religionsminister Toufiqu soll künftig die Auswahl der Geistlichen und ihre Ausbildung streng überwachen. Um die geistige Leere auszufüllen, die Jugendliche in die Arme der Fanatiker treibt, müssen neue Modelle für die Versöhnung von westlicher und islamischer Staatskunst gefunden werden. "Wir müssen die religiöse Staatsführung in die Demokratie einbringen", fordert Toufiqu.

Die Reformideen des Palastes stehen im bizarren Widerspruch zu den Taten der Ordnungskräfte. Inzwischen wurden über 1000 des islamischen Extremismus Verdächtige verhaftet. Menschenrechtler vermuten, es könnten wesentlich mehr sein. Sie beklagen die Rückkehr zu den Praktiken des Verschwindenlassens und der Folter. Denn aufgrund des kurz nach den Anschlägen durchs Parlament gepeitschten Antiterrorgesetzes können vermeintliche Terroristen bis zu 12 Tage unter Kontaktsperre verhört werden, erst nach sechs Tagen muss ein Anwalt verständigt werden.

Krieg gegen den Terror in Salé

Im neu eingerichteten Sicherheitstrakt des Staatsgefängnisses in Salé, von den Insassen Guantánamo getauft, warten die 16 bislang zum Tode verurteilten Islamisten auf die erste Vollstreckung einer Hinrichtung seit 1992. Der massive Backsteinbau, vor dessen Tor sich früher stets mit Lebensmittelkörben bepackte Besucher tummelten, ist nun durch einen hohen Zaun abgeriegelt.

Denn nur wenige Querstraßen weiter brodelt es. In den illegalen Siedlungen ohne Trinkwasser und Kanalisation haben die Islamisten nahezu das Monopol für die Sorge um die Armen. Das auf 800 000 Einwohner aufgeblähte Salé muss jährlich den Zuzug von 35000 Menschen bewältigen. Das ist die Hochburg der Zehntausende Anhänger zählenden Bewegung für Gerechtigkeit und Spiritualität.

"Die Macht wird uns ganz natürlich zufallen"

In einem schmucken weißen Haus pflegte der greise Scheich Abdessalan Jassin, wegen seiner Konfrontation mit der Monarchie zehn Jahre lang geächtet, jeden Sonntag vor 350 handverlesenen Gästen aus ganz Marokko vom Gottesstaat zu sprechen, der nicht der Staat des Königs ist. Die Macht erlange der Gläubige weder durch Gewalt noch durch Beteiligung an Wahlen, "sie wird uns eines Tages ganz natürlich zufallen", verkündete seine Tochter Nadia, Sprecherin der Bewegung. Jassin findet Gehör an den Universitäten und in den Bidonvilles, wo die Islamisten Suppenküchen eingerichtet haben, wo fromme Frauen in Kaftan und Kopftuch sich um Prostituierte kümmern und Eheberatung erteilen.

Die Subkultur rund um das Staatsgefängnis, diese explosive Trabantenstadt auf dem schmutzigen Ufer des Bouregreg kann die Regierung nicht länger ignorieren. "Hätten die Gemeinden sich etwas mehr um Sozialarbeit gekümmert, dann hätten wir die Anschläge wohl nicht erleiden müssen", gibt der Architekt Mohammed Fawzi Zniber zu bedenken. Der hatte schon vor Jahren den ersten Schritt unternommen und mit der gemeinnützigen "Association Bouregreg" eine gigantische Sozial-Siedlung geplant. Inzwischen leben in Sala Al Dschadida 80.000 Menschen.

Sozialwohnungen gegen den islamistischen Sumpf

Dieses Beispiel wird nun von der Regierung aufgenommen. Premierminister Driss Jetou, 58, persönlich kündigte die Operation "Städte ohne Bidonvilles" an: Auf unbebautem Gemeindegrund sollen überall im Land erschwingliche Sozialwohnungen für mehr als 260.000 Familien entstehen, die bislang in Baracken und baufälligem Gemäuer hausen.

"Jetzt wird sich alles ändern in Marokko", freut sich Abdullah Bin Kiran vom Parteivorstand PJD und Abgeordneter für Salé. Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, das sind die so genannten gemäßigten Islamisten, stellt seit den letzten Gemeinderatswahlen im September in vielen Städten Bürgermeister, in Casablanca und Salé die Nummer zwei im Rathaus.

Solche Erfolge verbreiten Angst in der Koalitions-Regierung und bei den Intellektuellen. Was wird der PSD-Mann, der jetzt über die Königsstadt Meknès bestimmt, als erstes tun? Die Scharia einführen? Ganzkörperverpackung für die Frauen? Den örtlichen Weinanbau verbieten?

Er wird, versichert Bin Kiran, zeigen, wie man das Müllproblem löst und wie man mehr Wohnraum gewinnt. Der islamische Staat, bekennt der Abgeordnete für Salé, sei doch "eine Schimäre". Noch vor Monaten hatten PJD-Hardliner die Schließung ausländischer Kultureinrichtungen und verlangt und die Aufführung von Filmen mit Liebesszenen verhindert.

"Wir erkennen den König an"

Jetzt gibt sich der ehemalige Lehrer und Geschäftsführer einer Privatschule ganz harmlos: Er und seine Mitstreiter suchten nicht den Umsturz, beteuert Bin Kiran an seinem Schreibtisch in der Redaktion des Parteiorgans. "Wir erkennen den König an und sind überzeugt, im Rahmen der Monarchie eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Gesellschaft übernehmen zu können". In der Presse wird schon spekuliert, der König könnte eine Regierungsbeteiligung der Bärtigen empfehlen. Man geht aufeinander zu.

In seiner Eröffnungsrede nach den Parlamentsferien hat der König am vorvergangenen Freitag eine Mahnung besonders an die ultrafrommen Abgeordneten gerichtet, sich nicht länger gegen eine tief greifende Reform des Familienrechts zu sperren. Die Gleichstellung hatten die Islamisten vor drei Jahren mit einer Million Demonstranten in den Straßen von Casablanca blockiert. Jetzt kündigte der Herrscher ein Gesetz an, das Mütter und Väter an der Sorge für die Kinder beteiligt. Es beschränkt das Recht der Männer zur Polygamie auf von der Justiz zu genehmigende Ausnahmefälle. Ihre Ehefrau dürfen sie nicht mehr nach alter Sitte einfach verstoßen, sondern beide können die Scheidung vor einem Gericht beantragen.

Königsfrage Familienrecht

Familienrichter sollen eigens ausgebildet werden. Das Heiratsalter wird im übrigen auf 18 Jahre heraufgesetzt. Volljährige Frauen stehen nicht länger unter Vormundschaft des Vaters oder des Ehemanns. Für im Ausland lebende Marokkaner gelten die Gesetze des Gastlandes. Die PJD begrüßte gar das "Pionierprojekt der Reform, die im Interesse der ganzen Familie ist".

Als "Versöhnung zwischen den Vorschriften des Koran und den Erfordernissen der Moderne" lobte die unabhängige Wirtschaftszeitung L'Économiste aus Casablanca die Rede des Monarchen. "Der König hat es auf sich genommen, das rechtliche Verhältnis zwischen den Eheleuten sowie zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich zu verändern", sagt Chefredakteurin Nadia Salah: "Das ist der Durchbruch."

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