Marokko: Reformen und Repressionen
Mohammed VI. Marokko hadert mit seinem König
Hafid Mohammed arbeitete bis vor wenigen Tagen in der spanischen Exklave Melilla mit marokkanischen Jugendlichen. Der 39-jährige Spanier hat selbst marokkanische Wurzeln und sollte seinen Schützlingen eigentlich den richtigen Weg ins Leben weisen. Stattdessen baute er das Jugendzentrum offenbar in ein Dschihadistenzentrum um.
Mohammed soll Anführer einer sechsköpfigen Terrorzelle sein und wurde deshalb in der vergangenen Woche von spanischen Ermittlern verhaftet. Die fünf weiteren Mitglieder wurden in Marokko festgenommen. Sie haben "Anschläge großen Ausmaßes" geplant, teilte das spanische Innenministerium mit. Unter anderem hätten die Männer geübt, wie sie Menschen enthaupten könnten.
Wenige Wochen nach dem Anschlag in Barcelona waren die Behörden also dieses Mal schneller als die Terroristen, die eines einte: Sowohl die Mitglieder des Sextetts von Melilla als auch die der zwölfköpfigen Terrorzelle um den radikalen Imam Abdelbaki Es Satty stammten aus Marokko oder hatten marokkanische Wurzeln.
Marokko hat ein Imageproblem
Das Ansehen der nordafrikanischen Monarchie in Europa leidet darunter. In Marokko selbst gab es seit 2011 keinen Terroranschlag mehr. Und doch hat auch das alawidische Königreich mit den Radikalen zu kämpfen.
Rund 1600 Marokkaner sollen in den vergangenen Jahren das Land verlassen und sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" angeschlossen haben. Sie waren damit eine der größten ausländischen Gruppen im sogenannten Kalifat, das in Syrien und Irak mehr und mehr bröckelt. Die Rückkehrer und potenziellen Gefährder versucht Mohammed VI. mit seinem Sicherheitsapparat in Schach zu halten. Er arbeitet dabei eng mit den europäischen Antiterrorbehörden zusammen.
In Europa kennt sich der Französisch, Spanisch und Englisch sprechende Vater von zwei Kindern bestens aus. Er wurde in Nizza zum Dr. jur. promoviert. Seit einigen Jahren forciert der 54-Jährige aber auch die Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten.
"Visionäre und kluge Strategie"
Im Januar trat Marokko wieder der Afrikanischen Union (AU) bei. Das Land war 1984 ausgetreten, da eine Mehrheit der AU-Mitglieder die Westsahara-Guerilla der Polisario-Front unterstützt hatte.
Die Westsahara ist eine ehemalige spanische Kolonie, die Marokko 1975 annektiert hat. Die Polisario-Front fordert einen Volksentscheid über die Selbstständigkeit der Region, das Königshaus lehnt das ab.
Aus Afrika erhält Marokko nun mehr und mehr Rückendeckung für seine Westsahara-Politik. Der Grund: kluge Diplomatie und Entwicklungshilfe. Mit dieser Soft-Power-Strategie soll nun der nächste wichtige Schritt gelingen - der Beitritt in die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS).
"Der König verfolgt damit eine kluge und visionäre Strategie", sagt Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Allein: Weite Teile des eigenen Volkes haben von diesem wirtschaftlichen Modernisierungsversprechen zunächst nichts. Es ersetzt zudem mehr und mehr die Versprechen politischer Reformen.
Marokko: Reformen und Repressionen
Diese hatte Mohammed VI. 2011 mit einer überarbeiteten Verfassung gegeben. Sie sah unter anderem vor, dass ein Politiker der stärksten Partei von ihm mit der Regierungsbildung beauftragt wird. Seit Jahren ist das die islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD).
Rebellion in der Rif-Region
"Sie gilt als Stimme der unteren, konservativen Mittelschicht, verhindert die Radikalisierung junger Männer und wirkt so als stabilisierendes Element", sagt Werenfels. Dem König ist ihr Generalsekretär, Abdelilah Benkirane, aber zu mächtig und zu beliebt geworden.
Als Benkirane nach seinem erneuten Wahlsieg im Oktober 2016 versuchte, eine Regierung zu bilden, war er auf königstreue Parteien angewiesen. Fünf Monate versuchte er sein Glück. Vergeblich. Im März 2017 entzog Mohammed VI. ihm das Mandat und gab es dem ehemaligen Außenminister Saad Eddine Othmnai, einem gemäßigten PJD-Politiker. Ihm gelang die Regierungsbildung innerhalb weniger Tage. Die Botschaft war klar: M6 - mehr nicht.
Diese Machtdemonstration ist kein Einzelfall. Seit fast einem Jahr hat der König mit einer Rebellion der Berber in der Rif-Region zu kämpfen. Die ethnische Gruppe demonstriert gegen ihre systematische Benachteiligung, gegen Polizeigewalt und hohe Jugendarbeitslosigkeit.
Der Palast versucht, den sozialen Aufstand seither mit Verhaftungen, Tränengas und Knüppeln niederzuschlagen - und mit Reformversprechen. Doch die Aktivisten glauben nicht mehr an den "Königsweg".