Mazedonien Kalkulierte Störfeuer
Hamburg/Skopje - Der wilde Westen liegt gleich hinter Skopje: Provisorische Straßensperren, die Schusswaffe im Anschlag - bewaffnete Banden machen hier seit einigen Wochen Jagd auf Zivilisten. Autofahrer sind in höchster Gefahr, wenn die maskierten Wegelagerer sich den Reisenden in den Weg stellen.
Wie Ende August: Nahe der Ortschaft Zerovanje, etwa zehn Kilometer südlich von Tetovo, überfiel eine Gruppe Albaner slawische Reisende, zerrte sie aus einem Linienbus und verschleppte sie anschließend in die umliegenden Wälder.
Drei der Entführten wurden später wieder frei gelassen. Um auch die restlichen Geiseln zu befreien, gab die Regierung Marschbefehl und brachte in der Gegend Schützenpanzer in Position. Das mazedonische Innenministerium brandmarkte "albanische Terrorbanden" als Drahtzieher der Gewaltmaßnahme.
Wenig später bekannte sich die "Albanische Nationalarmee" zu dem Kidnapping. Im Internet drohte die extremistische Untergrundgruppe vor weiteren Übergriffen, sollten ihre Bedingungen nicht erfüllt werden: Die Freilassung von zwei festgenommenen Kombattanten.
Diese waren einige Tage zuvor im Zusammenhang mit der Ermordung zweier Polizisten festgenommen worden. Der Anschlag nahe der Ortschaft Gostivar, von der "Albanischen Nationalarmee" zur "Revolte des Volkes" hochstilisiert, zielte nicht nur auf das Leben der beiden Ordnungshüter, sondern vor allem auf den fragilen Friedensprozess im Lande.
Ohrid und dann?
Monatelang hatte die internationale Staatengemeinschaft im letzten Jahr gedrängt und gerungen, bis das Friedensabkommen von Ohrid im August schließlich stand. Mit ihm wurden wichtige Reformen zugunsten der albanischen Bevölkerungsminderheit eingeleitet, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen mazedonischen Sicherheitskräften und Guerillas der albanischen "Nationalen Befreiungsarmee" (UCK) beendet. Nun lodert es in dem Balkanland erneut.
Wer indes hinter den zahlreichen Überfällen und Anschlägen steckt - ob politische Gruppierungen oder Banden mit überwiegend kriminellem Hintergrund - lässt sich nicht eindeutig ausmachen. Eines steht gleichwohl fest: "Teile der albanischen Rebellengruppen haben sich in kleine Gruppen aufgespalten,", berichtet ein westlicher Militärbeobachter in Skopje. Ohne zentrale Kontrolle verfolgten die Reste der ehemaligen UCK nun ihre eigenen Interessen. Verbindungen zur organisierten Kriminalität mit eingeschlossen.
Politisches Zündeln
Dass zumindest die Geiselnahme und die Ermordung der Polizisten eher politisch motiviert waren, gilt für viele Beobachter als ausgemacht. "Alles, was im Kontext der Wahlen passiert", analysiert Edward Joseph von der renommierten International Crisis Group in Skopje, "hat eindeutig auch einen politischen Hintergrund."
Wenig hilfreich ist aus Sicht Josephs daher die Haltung der OSZE, unter deren Beobachtung die für Sonntag angesetzten Wahlen stattfinden werden. Hohe OSZE-Vertreter hatten die beiden Vorfälle, offenbar um vor dem Urnengang den ohnehin angekratzten Frieden zu wahren, zunächst als rein kriminelle Akte herunter gespielt.
Internationale Beobachter vermuten hingegen, dass die regierenden Parteien, die "Demokratische Partei der Albaner" von Arben Xhaferi wie die slawische VMRO von Ministerpräsident Lubco Georgievski, versuchen könnten, durch gezielte Störaktionen ihre Erfolgsaussichten zu verbessern. In unruhigen Zeiten, so ihr gefährliches Kalkül, lassen sich mit radikalen Positionen leichter Stimmen fangen. Die bewaffneten Übergriffe und Provokationen also Wahlkampf auf Mazedonisch? Wahltaktisches Zündeln um die Macht?
Mit dem Feuer spielen jedenfalls beide Seiten: Während sich am Wochenende die "Albanische Nationalarmee" zu einem weiteren Angriff auf mazedonische Grenztruppen in der Vorwoche bekannte, fährt Georgievski durchs Land und schürt unverhohlen populäre Ressentiments: Mal wettert er gegen den Westen, mal gegen die albanische Minderheit. Hasstiraden fürs Wahlvolk, das sich bei den Wahlen zur Sobranie, dem mazedonischen Parlament, zwischen 40 Parteien, sieben Koalitionen und fünf Bürgergruppen entscheiden muss.
Erfolgreiche Löschtruppe
Mühsam war seit dem Durchbruch in Ohrid mit Hilfe des Westens der fragile Friede Stück für Stück gestärkt worden, mit demonstrativer internationaler Truppenpräsenz - wenn auch mit eingeschränktem Mandat. Diplomaten und Militärs sind sich einig: Uno, Nato und EU haben bislang einen vorbildlichen Job gemacht, um Mazedonien vor dem Abgleiten in einen Bürgerkrieg zu bewahren. Die Nato-Mission "Task Force Fox" in Mazedonien gilt als Vorzeigeprojekt für erfolgreiches Krisenmanagement.
Nach den jüngsten Gewalttaten sind westliche Diplomaten alarmiert. Nicht nur die politischen Errungenschaften stehen auf dem Spiel, auch der Ruf der internationalen Gemeinschaft als politische Feuerlöschtruppe auf dem Balkan könnte durch ein neuerliches Aufbrechen der Kämpfe zwischen slawisch-mazedonischen Einheiten und albanischen Rebellen arg ramponiert werden.
Rüde Warnung
Entsprechend rüde reagierten Vertreter der internationalen Gemeinschaft auf die brutalen Polizistenmorde. Nato-Generalsekretär George Robertson mahnte, den eingeschlagenen Friedenspfad nicht zu verlassen. "Die Provokationen", so Robertson, müssten beendet werden. Die anstehenden Wahlen seien eine historische Chance, das Balkanland endlich in Richtung Europa zu lenken.
Ob die Warnung ankommt, wird sich erst am 15. September zeigen. Im Vorfeld geht das Hauen und Stechen vorerst weiter: Anfang des Monats feuerten Unbekannte auf das Büro des früheren albanischen Rebellenführers Ahmeti eine Granate - in den Augen vieler slawischer Mazedonier gilt er immer noch als Terrorist und Staatsfeind. Umfragen zufolge ist Ahmetis Partei zurzeit im Aufwind, während Demoskopen Premier Georgiewski und seinem albanischen Koalitionspartner Xhaferi schwere Verluste voraussagen.
Sollte die Welle der Gewalt andauern, könnte die Situation vor den Wahlen eskalieren und den mühsam erzielten Ausgleich zwischen Albanern und Slawen wieder zunichte machen. "Die Lage", warnt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, "ist nicht stabil".