Mein Leben als Ausländer: Curry ohne Wurst - DER SPIEGEL
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Mein Leben als Ausländer Curry ohne Wurst

Wonach giert jeder Exilant? Was fehlt dem Menschen in der Ferne am meisten? Heimische Kost natürlich. Es gehört also zur Überlebensstrategie eines Zuwanderers, sich rare Zutaten und Getränke über dunkle Kanäle zu beschaffen, meint SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim.
Lebensmittelhändler in Pakistan: Alles Curry hier, nur keine Wurst
Lebensmittelhändler in Pakistan: Alles Curry hier, nur keine Wurst

Lebensmittelhändler in Pakistan: Alles Curry hier, nur keine Wurst

Foto: A2800 epa Rehan Khan/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seitdem ich in Islamabad lebe, kann ich Adam und Eva verstehen: Irgendwann geht einem die verbotene Frucht nicht mehr aus dem Kopf. Nur dass sie bei mir, hier in Pakistan, nicht nur illegal, sondern auch noch sehr schwer zu beschaffen ist. Genau genommen sind es zwei Dinge, die mir sofort einfallen, wenn ich gefragt werde, was ich am meisten vermisse an Deutschland, und es ist mir ein bisschen peinlich, das zuzugeben: Currywurst und Bier.

Das eine beinhaltet Schweinefleisch, das andere Alkohol. Beides kann man nicht ohne Probleme in Pakistan bekommen, beides darf man nicht einmal im privaten Gepäck einführen.

Aber natürlich gibt es wie im Paradies die eine oder andere Schlange, die einem die Sachen besorgt, und wenn man erwischt wird, fliegt man nicht gleich aus dem Garten Eden. Das Verbotene wird einfach konfisziert. Ich bin mir sicher, dass einkassierte Schweinefleischprodukte entsorgt werden. Noch sicherer bin ich mir aber, dass die Beamten meine Flaschen Wodka und Sambuca, die sie neulich am Flughafen in Islamabad einsackten, nicht weggeworfen haben.

Westler machen Jagd auf Wildschweine

Was Alkohol angeht, muss man sich nur bei den westlichen Ausländern umhören, schon weiß man, wo die dunklen Kanäle sind. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen dieser schmierigen Typen im Schutze der Dunkelheit in mein Haus bestelle, der aus seinem unauffälligen Auto ein paar neutrale Kartons auslädt.

Der Verkauf und Ausschank von Alkohol an Muslime ist in Pakistan seit 1977 verboten. Der damalige Premierminister Zulfikar Ali Bhutto knickte vor den Mullahs ein und führte die Prohibition ein. Seither hat sich zwar noch kein Politiker getraut, das Alkoholverbot wieder aufzuheben, aber hinter verschlossenen Türen schenken sich auch Pakistaner gerne mal einen ein, am liebsten Whisky. Je teurer, desto besser.

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Blick aus der Ferne: Fehlt Ihnen etwas?

Foto: DPA/ NASA

Schweinefleisch zu bekommen, ist dagegen komplizierter. Manche Westler gehen Wildschweine jagen. Davon gibt es in den Bergen von Islamabad eine ganze Menge, manchmal verirrt sich eine arme Sau sogar in die Innenstadt. Man kann bei gewissen Leuten Bestellungen aufgeben, aber dann bekommt man eben ein Stück Fleisch. Das bringt mir noch immer keine Currywurst. Es gibt Tage, da würde ich ohne mit der Wimper zu zucken zehn Euro und mehr für eine ausgeben. Falls es in Pakistan einen deutschen Metzgermeister gibt, er möge sich bitte bei mir melden.

Ein Stück Gruyère! Mit einem guten Tropfen Wein!

Auch einen guten Tropfen Wein vermisse ich gelegentlich, dazu einen passenden Käse. Denn Käse gibt es hier nur in ausgesuchten Supermärkten, und dann auch nur Gouda und so eine dänische Schmiere, die ich bald nicht mehr ertrage. Was gäbe ich für ein Stück Gruyère oder einen Comté! Und dazu ein Brot, frisches, richtiges Brot, nicht dieses weiße, zu Staub zerfallende Zeug! Sie verkaufen es hier als "German Bread", aber wenn das deutsches Brot ist, bin ich Shahrukh Khan. Verwandte, Freunde und Kollegen, die uns in Islamabad besuchen, bringen Käse und Brot mit, das ist immerhin nicht gesetzeswidrig. Und Kaffee, echten Bohnenkaffee, nicht dieses lösliche Pulver.

Was vermisse ich noch? Ein Kino wäre toll, außerdem ein nennenswertes Nachtleben. Ich kann auch grundsätzlicher werden: Hier in Südasien werden einem jene Tugenden bewusst, die als deutsch gelten, nämlich Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Qualitätsversessenheit. Auch eine vernünftige Internetanbindung, eine stabile Strom- und Wasserversorgung und eine zuverlässige Verkehrsinfrastruktur wären nicht schlecht.

Aber mal ehrlich: Für jede Sache, die man hier nicht bekommt, gibt es hundert andere, die es umgekehrt in Deutschland nicht gibt. In Deutschland fehlen mir die scharfen Currys, der einzigartige Milchtee mit Ingwer und anderen Gewürzen, die unglaubliche Gemüse- und Obstvielfalt, die lebensfrohe Haltung der Menschen, das zuverlässig gute Wetter.

Es sind zwei Welten. In die eine gehören eben keine Currywürste, in die andere kein Essen, das einem die Seele aus dem Leib brennt.

Hasnain Kazim ist Südasien-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL mit Sitz in Islamabad, Pakistan. Hier finden Sie seine Kolumne "Chai Time", in der er über den Alltag in seiner neuen Heimat berichtet.