Milosevic-Prozess: Der Schlächter vor Gericht - DER SPIEGEL
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Milosevic-Prozess Der Schlächter vor Gericht

Seine Anhänger feiern ihn nach wie vor als Nationalhelden, der sich gegen den amerikanischen Imperialismus zur Wehr setzte. Die Opfer der Balkan-Kriege sehen in ihm den "Schlächter vom Balkan", auf dessen Konto Tausende Morde gehen. Von heute an muss sich der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten.
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Gornje Obrinje, im September 1998: Serbische Truppen metzeln 27 Albaner nieder, unter ihnen elf Frauen und kleine Kinder. Die Tatwerkzeuge: Messer und Gewehre. Januar 1999: Serbische Truppen stürmen in einem Großeinsatz das Dorf Racak. Bis zu 45 Bewohner werden getötet, einige durch Schüsse in den Kopf, einige durch Schüsse ins Genick. Den Haag am 12. Februar 2002: Der ehemalige Präsident Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, sitzt wegen Gräueltaten wie in Gornje Obrinje und Racak vor dem internationalen Kriegsverbrechertribunal; im dunkelblauen Anzug, blauem Hemd, mit blau gestreifter Krawatte. Die Anklage lautet auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Kroatien und im Kosovo, auf Völkermord und Kriegsverbrechen in Bosnien.

Video: Milosevic zu Prozessbeginn in "sehr guter Verfassung"
Es ist ein historischer Prozess, der am Morgen in Den Haag begonnen hat: Erstmals muss sich ein ehemaliger Staatschef vor einem internationalen Tribunal für seine Rolle in einem blutigen Krieg verantworten. Dabei geht es zunächst um die Verstrickungen Milosevics in Kosovo im Jahr 1999. Die Kriegsverbrechen in Kroatien und im Bosnien-Konflikt sollen erst im Sommer zur Sprache kommen. Chefanklägerin Carla del Ponte ist überzeugt, dem "Schlächer vom Balkan", wie Milosevic genannt wird, die Verantwortung für die in den Kriegen begangenen Gräuel auch tatsächlich nachweisen zu können. Insgesamt hat Del Ponte etwa 300 Zeugen im Aufgebot. Unter ihnen sollen neben Opfern auch ehemalige hochrangige Mitarbeiter des Ex-Präsidenten sein. Beobachter rechnen wegen der schwierigen Beweislage damit, dass das Verfahren mindestens zwei Jahre dauern wird. Am Ende, da ist Del Ponte überzeugt, wird es eine Verurteilung Milosevics geben. "Er entgeht keinem der drei Anklagepunkte." Der Angeklagte gab sich dagegen vor Beginn des Prozesses demonstrativ gelassen. Sein Anwalt Zdenko Tomanovic erklärte Anfang der Woche, Milosevic sei in guter Stimmung. "Er hofft nur, dass er in seiner Rede, die er an das Gericht richten will, nicht unterbrochen wird." Sein Mandant werde deutlich machen, dass er denganzen Prozess für unfair halte. Er werde das Gericht fragen, warumverschiedenste Staatsmänner seine Politik zunächst unterstützt hättenund warum diese nun kriminell gewesen sein soll, fasst Tomanovic die Position der Verteidigung zusammen. Dabei will sich Milosevic auf "gut aufbewahrte und vertrauliche Gespräche" mit westlichen Staatschefs berufen. Am Telefon mit Clinton In diesem Zusammenhang könnte der Tonbandmitschnitt eines Telefonates von Bedeutung sein, dass der kroatische Geheimdienst aufzeichnete und die Wochenzeitung "Globus" vor wenigen Tagen vorab veröffentlichte. Darin spricht Milosevic unter anderem mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Die Unterredung könne belegen, ist Tomanic überzeugt, dass Milosevic vom Westen lange als Garant für den Frieden auf dem Balkan gehandelt worden sei. Die Veröffentlichung der Tonbandaufnahmen rechtzeitig vor Verhandlungsbeginn hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Ein Teil der 700 Gesprächsaufzeichnungen, die alle zwischen Ende 1995 und 1998 entstanden sind, soll bereits Chefanklägerin del Ponte übergeben worden sein. Nach der Beweisaufnahme und endlosen Zeugenaussagen wird Richter Richard May, der im Prozess den Vorsitz führt, entscheiden müssen, ob Milosevic für die Gräuel zur Rechenschaft gezogen werden kann - für Massaker wie in Srebrenica, wo im Juli 1995 serbische Streitkräfte vermutlich mehr als 8000 Menschen ermordeten. Genau wie bei seinen früheren Anhörungen, bei denen Milosevic in ausfallendem Ton die Rechtmäßigkeit des Tribunals in Frage gestellt hat, lässt sich der Ex-Diktator in der eigentlichen Verhandlung nicht durch einen Anwalt vertreten. Er will sich - ganz Machthaber - selber verteidigen. Die letzte Zeit, so verlautet es aus seinem Umfeld, habe er intensiv genutzt, um sich eingehend auf den Prozess vorzubereiten. Der "Freie" Seine Anhänger sehen in Milosevic nicht den blutbesudelten Drahtzieher, der Massenermordungen befehligte, sie feiern ihn weiter als Helden. Wie groß der Rückhalt in Teilen der jugoslawischen Bevölkerung nach wie vor ist, zeigte am Wochenende eine Demonstration in Belgrad. Einige tausend mehrheitlich ältere Menschen machten auf dem Platz der Republik lautstark gegen den Haager Prozess mobil. Das Tribunal wolle Serbien zerstören, tönten Vertreter der Sozialisten aufgebracht. Auf Transparenten machten sie ihre Position deutlich: "Freiheit für Slobodan", stand da zu lesen. Im Serbischen und Kroatischen heißt "slobodan" frei. Und: "Slobo, du bist härter als Stahl."