Missmanagement Der Unfriedens-Nobelpreis
Finanzprobleme im Friedensinstitut: Geir Lundestad (vorne, l.), Direktor des Zentrums in Oslo, 2004 mit den Nobelpreiskomitee-Mitgliedern (im Uhrzeigersinn) Kaci Kullmann Five, Inger-Marie Ytterhorn, Sissel Ronbeck, Berge Furre und Präsident Ole Danbolt Mjos
Foto: TOR RICHARDSEN/ APOslo - Freitagvormittag, elf Uhr, es ist die große Stunde von Ole Danbolt Mjos. Die Welt blickt auf den silberhaarigen Medizinprofessor, der durch eine Tür des Nobel-Instituts in der Henrik-Ibsens-Gate in der Osloer Innenstadt tritt und Muhammad Yunus aus Bangladesch als Träger des Friedensnobelpreises 2006 verkündet. Bei aller Aufregung - es ist Routine, Mjos hat den prestigeträchtigen Botenjob seit drei Jahren. Auch die vergangenen Monate waren wie immer: Unter 191 Nominierten musste Mjos' Komitee diesmal wählen. Seit Anfang Februar arbeiteten sich die Mitglieder, drei Frauen und zwei Männer, durch den Stapel der Kandidaten, ganz geheim.
Doch der Schein trügt, dass in den Zirkeln des wichtigsten Friedenspreises der Welt diesmal alles ist wie immer. Dunkle Nachrichten stören die Nobel-Harmonie: Das Friedenszentrum des Nobelpreises, erst im vergangenen Jahr pompös eröffnet, ist Knall auf Fall in Finanzprobleme geraten. Norwegische Medien spekulierten gar schon über das drohende Aus.
Das Zentrum ist in einem gelb gestrichenen früheren Bahnhof am Rand des Osloer Rathausplatzes untergebracht. Es soll Besuchern die Geschichte der ehrwürdigen Auszeichnung und die Preisträger nahe bringen. Herzstück der Multimedia-schwangeren Ausstellung ist ein Feld von rund 100 bewegungssensitiven Bildschirmen, die inmitten von Tausenden leuchtenden Glasfasern von der Geschichte der Geehrten künden.
Doch jetzt ist die Zukunft des Hightech-Museums ungewiss. Vor wenigen Tagen hatte Geir Lundestad äußerst schlechte Nachrichten zu überbringen. Der für seinen Mutterwitz bekannte Geschichtsprofessor ist in Personalunion Chef des Friedenszentrums, Vorsitzender der Nobel-Stiftung und Sekretär für Ole Danbolt Mjos und seine Kollegen vom Komitee. Er musste zugeben, dass das Budget des Zentrums so gut wie aufgebraucht ist.
"Wir sind nicht perfekt und haben Fehler gemacht"
Das Problem: Eigentlich hätte das Geld von privaten Sponsoren noch zwei Jahre reichen sollen. Gut zehn Millionen Euro hatten Geldgeber wie die Wirtschaftsberatungsfirma KPMG, der Energieriese Norsk Hydro oder die Bank DnB NOR zum Start des Zentrums locker gemacht. Doch "wir haben die laufenden Kosten zu niedrig angenommen und zu viele Leute eingestellt", sagt Geir Lundestad im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Man kann die Dinge immer besser machen. Wir sind nicht perfekt und haben Fehler gemacht."
Lundestads fundamentaler Fehler war, mehr Geld auszugeben, als er hatte. Fast noch schwerer wiegt aber ein anderer Fehler: Der rührige Stiftungschef hatte darauf gesetzt, dass Norwegens Regierung seinem Haus mit einer Extra-Finanzspritze irgendwie aus der Patsche hilft. Statt auf zwei Millionen Euro aus dem Staatshaushalt hatte Lundstad auf dreieinhalb Millionen gehofft - vergebens, stellte sich Mitte der Woche heraus.
Der zuständige Kulturminister Trond Giske ließ Lundestad auflaufen. Statt mehr Geld gab es von Giske einen Rüffel vor laufenden Fernsehkameras. Und auch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zeigt sich der Minister hart: Ein "unverantwortliches Missmanagement" habe die Nobel-Stiftung betrieben. Und das, obwohl sein Ministerium beständig vor den zu hohen Kosten gewarnt habe.
"Sie dürfen den Namen 'Nobel' nicht in Gefahr bringen"
Nun fürchtet Giske einen akuten Image-Schaden: "Sie dürfen den sehr guten Namen 'Nobel' nicht in Gefahr bringen." Deswegen, fordert der Minister, müsse das Zentrum nun "wirtschaftliche Verantwortung zeigen".
"Wir sind enttäuscht, dass es nicht mehr Geld gab", kontert Nobel-Mann Lundestad - und verspricht gleichzeitig, sich an die Sparvorgaben des Ministers zu halten: "Wir werden Leute entlassen müssen und die Öffnungszeiten kürzen." Das Zentrum bleibe trotzdem ein spannender Ort, um mehr über Frieden und den Nobelpreis zu lernen. "Wir werden nichts von unserer Ausstellung abbauen. Alles wird bleiben, wie es ist."
Auch eine neue Präsentation zu Meinungsfreiheit und Demokratie habe man schon für das kommende Jahr beschlossen. Ideen gibt es genug. Bleibt nur zu hoffen, dass demnächst noch jemand da sein wird, der den Besuchern die Türe öffnet, wenn sie sich im Nobel-Zentrum auf die Spuren von Muhammad Yunus machen wollen - des Preisträgers 2006.