Mitt Romney: Absturz des Musterknaben - DER SPIEGEL
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Mitt Romney Absturz des Musterknaben

Krisenmanager, Multimillionär - und Verlierer des Super Tuesday bei den Republikanern: Mitt Romney will trotz immer neuer Pleiten weiter mitmischen im Kandidatenrennen für die Präsidentschaftskandidatur. Der Kämpfernatur John McCain ist er dabei kaum ebenbürtig.
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Hamburg - Strahlendes Gesicht, den Kopf in die Höhe gereckt, eine Rede voller Zuversicht - das alles mag nach dem Debakel am Super Tuesday zu Mitt Romney gar nicht passen. Und doch stellt er sich so vor seine Anhänger in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts und spricht über seine Pläne, im November ins Weiße Haus einzuziehen. Dabei hat er gerade eine weitere herbe Schlappe im Vorwahlkampf der Republikaner einstecken müssen. "Eins steht fest: Dieser Wahlkampf geht weiter", rief er seinen ebenfalls wenig entmutigten Fans zu.

Doch die Wähler, so viel lässt sich spätestens jetzt sagen, ziehen den Vietnamveteranen John McCain dem Akademiker Mitt Romney vor. Woran das liegt? Er ist Manager, Politiker, Familienvater, Mormone, Klassenbester, Multimillionär - Willard Mitt Romney ist vieles, und vielleicht von manchem ein bisschen zu viel. Wegen seines Glaubens ist er einigen Anhängern der Republikaner nicht ganz geheuer, aber auch, weil er seine Positionen ständig zu wechseln scheint - je nachdem, welche in den Umfragen gerade gut laufen. Einst hatte sich Romney für ein Recht auf Abtreibung ausgesprochen, war dann wieder umgeschwenkt, und auch beim Thema Irak-Krieg wurde ihm von seinen Gegnern eine unklare Linie vorgeworfen.

Romney wirkt oft ein wenig gekünstelt: Das wohlfrisierte Erscheinungsbild , sein energisches Auftreten, die Millionen, die er aus seiner Privatschatulle für den eigenen Wahlkampf spendierte - all das nimmt wohl manche für ihn ein, andere hingegen schreckt die glatte Oberfläche des Mannes aus Massachusetts ab. Noch im August hatte er Reden gehalten, die leidlich gut ankamen, wenn er etwa versprach, die Steuern zu senken, in Washington "aufzuräumen" und Amerika wieder "zur Hoffnung der Welt" zu machen.

Einige verlorene Vorwahlen später klang er dann trotziger, weniger werbend. Das Spiel sei noch nicht verloren, er habe höchstens einige Punkte verpasst, sagt er, wenn er sich nach einer neuen Pleite vor die Kameras und seine enttäuschten Anhänger stellt. Die einzige reguläre Vorwahl, die er vor dem Super-Tuesday für sich entscheiden konnte, war die in seinem Heimatstaat Michigan; außerdem gewann er die Caucuses in Wyoming, Maine und Nevada. Ihm bleibt noch, sich immer wieder als Wirtschaftsexperten ins Spiel zu bringen und - als Seitenhieb auf seinen Konkurrenten, den altgedienten Senator John McCain - auf die weltfremden Politiker in Washington zu schimpfen. "Wir müssen etwas in Washington ändern, und der Wandel beginnt mit uns" - das klingt wie Barack Obama, ist aber Mitt Romney.

Doch nun, nach nur sechs gewonnenen Staaten beim Super Tuesday, scheint seine Sache verloren. Dass er das Rennen noch drehen kann, ist unwahrscheinlich, denn ein klassischer Kämpfertyp wie sein härtester Widersacher John McCain ist Romney, Jahrgang 1947, nicht - näher am Volk ebenfalls nicht. Romney wuchs als jüngstes von vier Geschwistern in Bloomfield Hills im US-Bundesstaat Michigan auf, einem Städtchen mit wenigen tausend Einwohnern, das zu den reichsten des Landes gehört und in der Nähe der Autostadt Detroit liegt. Materielle Sorgen sind Romney seit jeher fremd. Die Familie war wohlhabend, der Vater Manager, die Mutter Schauspielerin.

Ausbildung an Elite-Einrichtungen

Er ist, wie seine Verwandtschaft, mormonischen Glaubens - eine Religionsgemeinschaft, die in den USA nicht überall den besten Ruf genießt. Die Trennung von Kirche und Staat, so befürchten Kritiker, sei den Mormonen nicht so wichtig, ja, sie strebten gar per Definition nach der Weltherrschaft. Alles Unsinn, winkt Romney dagegen ab. Sein Glaube vermittle ihm uramerikanische Mainstream-Werte, er glaube an Jesus, die Familie und an die Großartigkeit der Nation USA.

Romneys Ausbildung war von frühester Jugend an elitär. Seinen Schulabschluss machte er 1965 an der renommierten Cranbrook Academy in seiner Heimatstadt, danach wechselte er für ein Jahr an die Elite-Uni Stanford in Kalifornien. Es folgten zweieinhalb Jahre, in denen er Menschen als Missionar in Frankreich von seinem Glauben zu überzeugen versuchte. Er heiratete seine High-School-Freundin Ann Davis (die beiden haben inzwischen fünf Söhne: Taggart, Matthew, Joshua, Benjamin und Craig) und ging mit ihr an die Mormonen-Universität Brigham Young nach Utah. Seinen Bachelor of Arts bekam er 1971 - als Jahrgangsbester, versteht sich. Nach den Jahren in Utah zog die Familie nach Massachusetts: Vier Jahre später hielt Daddy Romney einen Doppelabschluss (Wirtschaft und Jura) der Harvard-Universität in der Hand.

Zur Präsidentschaftsbewerbung der Republikaner sollte ihn nun vor allem seine Expertise in Wirtschaftsdingen tragen. Und die stammt aus jahrelanger Praxis: In den siebziger Jahren heuerte er bei der Bostoner Unternehmensberatung Bain & Co. an, einem weltweit bekannten Unternehmen mit einer Spezialisierung auf Strategiefragen. Er schaffte es bis zum Vizepräsidenten und gründete zusätzlich eine Investmentgesellschaft, Bain Capital, die angeschlagene Firmen aufkaufte, umbaute und gewinnbringend verscherbelte. Als das Mutterunternehmen in den achtziger Jahren ins Schlingern geriet, brachte Romney, inzwischen mehrfacher Millionär, die Firma wieder auf Kurs.

Der Rückenwind des Krisenmanagers

Doch das Zutrauen der Wähler brachte ihm das nicht ein: Wer Arbeitnehmer feuert, den mögen die Leute nicht. Ein erster Versuch, in der Politik Fuß zu fassen, scheiterte 1994 denn auch, als er in der Senatswahl für Massachusetts gegen den populären Demokraten Ted Kennedy verlor. Fünf Jahre später verließ er seine alte Firma Bain, um sich dem Organisationskomitee für die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City 2002 anzuschließen. Und auch dort glänzte er als Krisenmanager. Skandalen und leeren Kassen zum Trotz gelangen die Spiele - auch ein Verdienst Romneys.

Dieser Erfolg brachte ihm Rückenwind für die Gouverneurswahlen in Massachusetts im November 2002. Er gewann - und sanierte den maroden Staatshaushalt. Nun plötzlich wandte er sich strikt gegen die Homo-Ehe und auch gegen Abtreibung (ein Thema, das er früher weitaus liberaler betrachtet hatte). Nach einer Legislaturperiode trat er ab, um ins Rennen um die Präsidentschaftskandidatur einzusteigen.

Seine Chancen standen zunächst gut. Im Einerlei der Mitbewerber schien er noch einer der Favoriten zu sein. Doch dann folgte eine bittere Niederlage auf die nächste. Und auch die schwächelnde Wirtschaft in den USA konnte er nicht zu seinem Vorteil nutzen - dafür hätte er sein Image als Retter in der Not viel stärker propagieren müssen. Dass er heute abermals seine Qualitäten als Wirtschaftsexperte ins Spiel brachte, kommt vermutlich zu spät. Und Sätze wie "Wenn sich in Washington nicht etwas ändert, werden uns andere Wirtschaftsmächte überholen" kombiniert mit dem Zusatz, nur er könne dieses Problem lösen, klingen nicht für alle einleuchtend.

Entmutigt scheint er trotz der neuen Pleite allerdings nicht - im Gegenteil. "Wir werden gewinnen und ins Weiße Haus einziehen", sagte er nach der Niederlage. Es klingt trotzig - immer noch.