Mladic-Verhaftung: Holländer hoffen auf Erlösung vom Srebrenica-Trauma - DER SPIEGEL
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Mladic-Verhaftung Holländer hoffen auf Erlösung vom Srebrenica-Trauma

Der Völkermord von Srebrenica ist das außenpolitische Trauma der modernen Niederlande: 8000 Muslime wurden unter den Augen der tatenlosen Blauhelm-Soldaten massakriert. Jetzt wird der Verantwortliche, Ratko Mladic, in Den Haag vor Gericht gestellt - und die Holländer hoffen auf ein Ende der Schande.
Ex-Soldat Karremans: "Sehr gute Operation"
Ex-Soldat Karremans: "Sehr gute Operation"

Ex-Soldat Karremans: "Sehr gute Operation"

Foto: BAS CZERWINSKI/ ASSOCIATED PRESS
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Er spricht mit schneidiger Stimme, in knappen, klaren Sätzen. Der Zugriff in Serbien, sagt der Mann, den Ratko Mladic einst so gedemütigt hat, sei eine "sehr gute Operation" gewesen. Und überhaupt sei er glücklich, so Thom Karremans im niederländischen Fernsehen, dass Mladic "nach so vielen Jahren endlich gefasst worden ist". In den wenigen kontrollierten Worten des früheren Oberst wird in diesem Augenblick die Erleichterung spürbar.

Es ist die Tilgung einer moralischen Hypothek, die sich der ehemalige Kommandeur der Uno-Blauhelm-Truppe Dutchbat und sein Land nun erhoffen. 89 Prozent der Niederländer begrüßen in einer aktuellen Umfrage die Verhaftung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Mladic. Und der stellvertretende Regierungschef Maxime Verhagen empfindet nach eigenem Bekunden sogar Stolz, habe man sich doch massiv dafür eingesetzt, dass Mladic vor den internationalen Strafgerichtshof gestellt werde.

Holland scheint gerade kollektiv aufzuatmen.

Denn der Völkermord von Srebrenica, der sich im Sommer 1995 unter den Augen Hunderter untätiger niederländischer Blauhelm-Soldaten abspielen konnte, ist das außenpolitische Trauma des Königsreichs. "Wir glaubten, und manche glauben noch immer, dass Holland ein weißer Engel in einer finsteren Welt ist", sagte der liberale Abgeordnete Jan Hoekema damals und fügte schnell hinzu: "Jetzt fragen wir uns, ob wir wirklich immer Helden gewesen sind."

Die Antwort musste wohl lauten: in Bosnien ganz sicher nicht.

"Es ist fürchterlich, was Menschen sich antun können"

Es begann damit, dass der serbische Oberkommandierende Mladic den niederländischen Offiziersstab in ein Hotel in der Uno-Schutzzone Srebrenica bestellte. Die Herren mussten sich in einen Raum begeben, in dem ein Schwein angebunden war. Dann trat ein Soldat mit einem langen Messer ein. Auf ein Zeichen von Mladic holte er mit dem Messer aus und schnitt dem Tier die Kehle durch. Genau so, sagte Mladic, werde er die Menschen behandeln, die sich unter den Schutz der Holländer begeben hätten. Die Herren waren beeindruckt.

Mladic hielt Wort. Die Eroberung von Srebrenica am 11. und 12. Juli war bestialisch. Einer der Dutchbat-Männer berichtete später: "Es ist fürchterlich, was Menschen sich antun können. Die Verwundungen sind unterschiedlich. Schusswunden, abgeschnittene Ohren, Vergewaltigungen." Insgesamt 8000 Tote. Der größte Massenmord auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Und die Blauhelme?

Sie ließen die militärisch überlegenen Serben gewähren und mussten sich von Mladic und seinen Männern noch demütigen lassen: Waffen abgeben, Splitterschutzwesten ausziehen, Uniformen ablegen. Manche rannten anschließend in Unterhosen herum. Den Kommandeur Karremans knöpfte sich Mladic persönlich vor, auf Youtube ist diese entwürdigende Unterhaltung noch immer zu sehen . Unterwürfiger als der damalige Oberstleutnant kann sich ein Soldat kaum verhalten.

"Korrekter Angriff"

Auf einer Pressekonferenz sagte Karremans seinerzeit: "Mladic hat einen korrekten Angriff geführt." Und es habe sich um eine "hervorragend geplante Militäroperation" gehandelt. Am selben Tag erschien in den serbischen Zeitungen ein Foto, auf dem Karremans und Mladic zu sehen waren, wie sie nach dem serbischen Sieg zusammen ein Gläschen leerten. Und Holland versank in Scham.

Die soll nun ein Ende haben. Ministerpräsident Mark Rutte spricht von einem "besonderen Moment für viele Niederländer". Ein Dutchbat-Veteran hofft sogar darauf, dass nun die Verarbeitung des Traumas endlich gelingen könne. Der Rädelsführer sei schließlich gefasst.

Sein Ex-Kamerad Mike Hezemans sagt: "Für mich ist es ein Kapitel in der Geschichte, das geschlossen werden kann." Und der Nimweger Student Eric Wouters setzt auf einen erfolgreich geführten Prozess, damit der Welt deutlich gemacht würde, "auf welcher Seite wir stehen".

"Sie verstecken sich"

Bis dahin dauert es aber noch etwas. Das Uno-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien rechnet nicht mit der Ankunft des mutmaßlichen Kriegsverbrechers am Montag in Den Haag. Der Gerichtshof warte weiterhin auf eine Mitteilung der serbischen Behörden, hieß es. Mladics Anwalt lässt unterdessen mitteilen, der 69-Jährige würde eine Auslieferung nicht lebend überstehen. Angeblich ist er schwer erkrankt.

Die Rechtsstreitigkeiten über Srebrenica sind für die Niederlande noch längst nicht ausgestanden. Die 6000 Frauen, die Angehörige bei dem Massaker verloren haben, bekannt als die "Mütter von Srebrenica", verklagen die Regierung. Sie fordern eine Entschädigung, allerdings ist nicht bekannt, in welcher Höhe.

"Ich glaube, die Vereinten Nationen und auch der Staat sollten damit beginnen, gegenüber den Menschen von Srebrenica ihr Bedauern auszudrücken", sagt ein Anwalt der Gruppe, Axel Hagedorn. "Doch das haben sie nie getan. Sie verstecken sich nur nach Gerichtsverfahren und ihnen ist jedes Mittel recht, um Prozesse zu vermeiden. Doch es gibt eine moralische Verantwortung."