Mohammed-Spott: Dänemark fürchtet neue Wut-Welle - DER SPIEGEL
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Mohammed-Spott Dänemark fürchtet neue Wut-Welle

Der neue Mohammed-Spott dänischer Rechtspopulisten lässt das Land verzweifeln: Islamisten drohen im Internet, ein dänischer Imam hetzt, auch die Populisten legen nach. Die Regierung will eine zweite Karikaturen-Krise unbedingt verhindern.
Von Anna Reimann und Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Der Schock sitzt noch tief. Dänemark hat nicht vergessen, welche Folgen vor einem Dreivierteljahr die umstrittenen Mohammed-Karikaturen in der Zeitung "Jyllands-Posten" hatten: "Nein! Nicht schon wieder!", fleht ein Leser auf der Forumsseite der Zeitung "Nyhedsavisen". Er verstehe die Jungpolitiker der dänischen Volkspartei nicht, die den neuen Mohammed-Spott angezettelt haben: "Erinnert euch daran, dass viele uns Dänen bedrohen!" Die Unruhen von damals könnten sich wiederholen.

Nach den Mohammed-Karikaturen gab es seinerzeit in vielen muslimischen Ländern Krawalle, Dänemark wurde bedroht, Konsulate und Botschaften wurden angegriffen - der Vorwurf: Dänemark habe den Propheten beleidigt. Und jetzt noch mal dasselbe? Die Zeitung "Nyhedsavisen" hatte in der vergangenen Woche über ein Treffen der Nachwuchsorganisation der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (DVP) berichtet. Die jungen Politiker hatten im August bei dem Treffen einen Zeichen-Wettbewerb veranstaltet. Siegen sollte die schlimmste Verunglimpfung des Propheten Mohammed. Der Auftritt der jungen Rechtspopulisten wurde mitgefilmt, ein Sprecher der Nachwuchspartei bestätigte den Vorgang. Die Internetseite defendingdenmark.org  der Organisation Wooloo veröffentlichte die Videos unter anderem auf YouTube - wo sie inzwischen allerdings gesperrt wurden. Zu sehen waren Zeichnungen von Mohammed als pinkelndes Kamel und betrunkener Terrorist.

Auch jetzt werden wieder Drohungen aus der muslimischen Welt gegen Dänemark gerichtet - und wieder für einen Vorgang, mit dem die dänische Regierung nichts zu tun hatte. Am Wochenende erreichte die Nachricht von der Volkspartei-Aktion die großen arabischsprachigen Pro-Qaida-Diskussionsforen im Internet. "Noch hat Dänemark den Geschmack von Straßenbomben und explodierenden Autos nicht geschmeckt - aber eines Tages wird es ihn schmecken", ereiferte sich ein Diskutant namens "Allgemeiner Anführer". "Sie sind eben Ungläubige, sie verstehen nur die Sprache der Gewalt", ergänzte ein zweiter Diskussionsteilnehmer.

Auch Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad meldete sich: "Jene, die geschwiegen haben zu den lächerlichen Beleidigungen gegen den großen Propheten des Islam, sollten wissen: Wenn die Wut der Muslime anschwillt wie ein wilder Ozean, dann wird sie garantiert außer Kontrolle geraten."

"Inakzeptabel und geschmacklos"

Dänemarks Premier Anders Fogh Rasmussen hat sich eilig von den Vorgängen bei den jungen Rechtspopulisten distanziert. Vor einem Dreivierteljahr hatte man ihm vorgeworfen, wenig zur Beilegung der Krise zu tun - jetzt nannte er das Verhalten der Jugendlichen inakzeptabel und geschmacklos. Es repräsentierte in keiner Weise die Haltung des dänischen Volkes zum Islam.

Der Kopenhagener Imam Abu Laban rief zur Ruhe auf: "Vor dem Hintergrund der früheren Probleme müssen wir vorsichtig sein." Abu Laban hatte bei den ersten Mohammed-Karikaturen in Ägypten und im Libanon zu Protesten gegen die ersten Karikaturen aufgerufen. Diesmal sei die Lage aber anders, sagte er: Natürlich seien die Zeichnungen "bedauerlich", doch seien sie nie zur Veröffentlichung vorgesehen gewesen - und die Haltung der Volkspartei zu Muslimen sei allen bekannt.

Andere Imame sind weniger umsichtig: Sie wollen die Ausfälle einiger offensichtlich betrunkener Volkspartei-Jungpolitiker der dänischen Regierung anlasten und als Zeichen der allgemeinen Feindlichkeit des Westens gegenüber dem Islam werten. Der "Jyllands-Posten" zufolge hat der Arhuser Imam Raed Hlayhel im arabischen Fernsehsender al-Dschasira zu "stärkeren Reaktionen gegen Dänemark" aufgefordert. Schließlich sei schon die Antwort auf die ersten Karikaturen nicht kräftig genug ausgefallen. Ibrahim Ramadan, Vorstandsmitglied des Netzwerks "Demokratische Muslime", das der linksliberale dänische Politker Naser Khader im letzten Jahr ins Leben gerufen hatte, nannte diese Äußerungen eine klare Aufforderung zur Gewalt.

Nicht gerade zur Entspannung trägt auch die Volkspartei selbst bei. Deren außenpolitischer Sprecher Sören Espersen lobte den Mohammed-Zeichenwettbewerb seines Parteinachwuchses: "Das ist doch klasse. Wir können lächerlich machen, wen wir wollen."

Anzeige wegen rassistischer Hetze

Diese Haltung wiederum entsetzt auch die moderaten Vertreter der "Demokratischen Muslime": Die Volkspartei stütze die Regierung im Parlament. Man könne die Ereignisse darum nicht als Privatangelegenheit abtun - und auch nicht der Presse die Schuld an der Veröffentlichung geben. Der Volkspartei-Führung müsse klar gewesen sein, welche Folgen so ein herabwürdigendes Verhalten haben würde. Es gehe darum, Brücken zu bauen: Die DVP müsse der arabischen Welt erklären, dass die Ereignisse in keiner Weise das Verhältnis der Dänen zum Islam spiegeln.

Viele Dänen fürchten inzwischen um das Bild ihres Landes: 66 prominente Bürger erstatteten wegen rassistischer Hetze Anzeige gegen die DVP. Mitglieder der Jugendorganisation sind inzwischen untergetaucht, berichtet die "Jyllands-Posten" - aus Angst vor Angriffe radikaler Muslime.

Immerhin: Die Empörung in Dänemark und im Ausland hat nicht die Dimension der Karikaturen-Krise vor einem Dreivierteljahr - bisher zumindest. Ein Besucher eines dschihadistischen Internet-Forums schrieb heute sogar: "Ich glaube, bevor wir uns um Dänemark kümmern, ist es an uns, die tunesischen Tyrannen anzugehen." Denn diese wollten das Tragen des Kopftuches einschränken.

Grund zur Entwarnung? Das ist fraglich: Die Qaida-Spitze wartete auch beim ersten Karikaturenstreit einige Wochen, bevor sie sich zu Wort meldete.