Mord an Anna Lindh: Verdächtiger mit Kontakten zu Neonazis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mord an Anna Lindh Verdächtiger mit Kontakten zu Neonazis

Fünf Tage nach dem Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh hat die schwedische Polizei den Hauptverdächtigen gefasst. Es handelt sich um einen vorbestraften Schweden, der - laut Medienberichten - mit führenden Rechtsextremisten befreundet ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stockholm - Die schwedische Nachrichtenagentur TT berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, es handle sich um einen 35-Jährigen, der bereits wegen Besitzes eines gefährlichen Messers sowie wegen Diebstahls und Vandalismus verurteilt worden sei. Auch habe der Obdachlose eine achtmonatige Haftstrafe wegen schweren Betrugs verbüßt. Nach Polizeiangaben kamen die Ermittler durch Hinweise aus der Bevölkerung auf die Spur des mutmaßlichen Täters.

In schwedischen Medienberichten wurde der Mann als psychisch stark gestörter Drogenabhängiger beschrieben. Der Hauptverdächtige mit 18 Vorstrafen soll auch Kontakte zu rechtsextremen Kreisen in Schweden haben. Die Zeitung "Aftonbladet" berichtete in ihrer Internetausgabe, er sei mit mehreren führenden Neonazis befreundet.

Neben dem Hauptverdächtigen wurden zwei weitere Männer festgenommen und zu dem Mordfall befragt. Außerdem erstreckten sich die Ermittlungen auf fünf weitere Personen, sagte Polizeisprecher Leif Jennekvist.

Der 35 Jahre alte Mann wurde von Zivilbeamten in einer Kneipe am Råsunda-Fussballstadion festgenommen, in der er sich mit Freunden ein Spiel ansah. Der vielfach vorbestrafte Mann war unbewaffnet und ließ sich ohne Gegenwehr abführen. Er war von mehreren Zeugen des Mordes an der schwedischen Außenministerin Lindh nach Videoaufnahmen identifiziert und von der Polizei eingekreist worden.

Der Verhaftete ist nach Meinung der Polizei identisch mit dem Mann, der auf Videobildern kurz vor dem Mord an Schwedens Außenministerin im Stockholmer NK-Kaufhaus zu sehen ist. Dort war Lindh am vergangenen Mittwoch niedergestochen worden, als sie mit einer Freundin unbewacht einkaufen ging.

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor einen "Haftbefehl in Abwesenheit" gegen den Mann ausgestellt, der von mehreren Tatzeugen nach Fotos identifiziert worden sei. Die Polizei schrieb eine landesweite Großfahndung nach dem 35 Jahre alten Mann aus. Verhaftet wurde er am schwedischen Fußball-Nationalstadion Rasunda.

Undramatische Festnahme

Lindhs Ehemann, Ex-Innenminister Bo Holmberg, und die beiden Söhne sollen die Verhaftung unmittelbar mitbekommen haben. Laut "Svenska Dagbladet" schauten sie zur gleichen Zeit im Stadion nebenan ein Fußballspiel an.

Der Verdächtige wurde noch in der Nacht in einem Stockholmer Gefängnis vernommen. Er habe zunächst nur seinen Namen bestätigt und nach einem Anwalt gefragt, sagte Chefermittler Leif Jennekvist. Zudem sei er von einem Rechtsmediziner untersucht worden. DNS-Material des Mannes soll mit den Spuren auf der am Tatort gefundenen Baseballkappe verglichen werden. Am Mittwoch will die Polizei erneut Häuser und Wohnungen im Großraum Stockholm durchsuchen, um mögliches Beweismaterial zu sichern. Auch die 24 Jahre alte Freundin des Verdächtigen soll erneut befragt werden.

In ersten Kommentaren von Fahndungsexperten zur Mitteilung der Polizei hieß es, den Ermittlern sei ein zentraler Durchbruch bei der Jagd nach dem möglichen Täter gelungen. Allerdings stehe nach einer Ergreifung immer noch ein langer Prozess zur endgültigen Klärung des Mordfalls aus.

Die 46 Jahre alte Lindh starb 13 Stunden nach dem Messerattentat im Karolinska-Krankenhaus. Die Polizei äußerte sich von Beginn an überzeugt, dass der Täter allein und spontan handelte und aus Kreisen psychisch stark gestörter sowie drogenabhängiger Gewalt-Krimineller aus Stockholm stammt.

Für Freitag kündigte Lindhs Sozialdemokratische Partei eine Trauerfeier im Stockholmer Rathaus an. Dazu werden Gäste aus aller Welt erwartet, unter ihnen US-Außenminister Colin Powell. Danach will Ministerpräsident Goeran Persson Lindhs Nachfolger im Amt des Außenministers bekannt geben. Derzeit führt Entwicklungshilfeminister Jan Karlsson kommissarisch die Amtsgeschäfte.