Mordvorwürfe gegen Ex-GI: Teufelskreis des Tötens - DER SPIEGEL
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Mordvorwürfe gegen Ex-GI Teufelskreis des Tötens

Erneut wird ein US-Soldat im Irak einer Gräueltat beschuldigt. Er soll eine junge Frau vergewaltigt und sie samt Familie ermordet haben. Dieser Fall wiederum könnte Auslöser für die spätere Entführung und Ermordung von zwei Amerikanern gewesen sein - sie kamen aus derselben Einheit.
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New York - Er sieht selbst noch aus wie ein Kind. Fast hilfesuchend starrt er in die Kameras, schmal und blass, in Shorts, Sandalen und einem Johnny-Cash-T-Shirt, den Mund halb geöffnet, das Haar zerzaust. Beinahe könnte man meinen, er sei auf dem Weg zur Schule - wenn da nicht die Fußketten und Handschellen wären und die zwei Cops, die ihn fest im Griff halten.

Der junge Mann, der gestern in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina dem Haftrichter vorgeführt wurde, heißt Steven Green. Er ist 21 Jahre alt und diente bis vor Kurzem als Gefreiter im Irak, in der 101st Airborne Division, jener legendären Luftlandetruppe, die 1944 als "Screaming Eagles" die Speerspitze der D-Day-Invasion in der Normandie bildete.

Doch diesmal geht es nicht um Heldentaten. Green wurde gestern offiziell eines grausigen Kriegsverbrechens beschuldigt: Er soll mit drei Kameraden im März nahe dem Ort Mahmudija südlich von Bagdad eine junge Irakerin vergewaltigt und diese, ihre Eltern und ihre siebenjährige Schwester kaltblütig ermordet haben. Der Fall - der fünfte binnen kurzer Zeit, bei dem US-Soldaten des Zivilistenmordes verdächtigt werden - war Ende voriger Woche bekannt geworden, jedoch noch ohne Details oder die Namen der Opfer und Beschuldigten.

Diese Details kamen nun gestern aber in all ihrer Brutalität ans Licht - in einer Anzeige gegen Green, die die Staatsanwaltschaft vor dem Magistratsrichter in Charlotte verlas. Zusätzliche Einzelheiten offenbarten Recherchen der "Washington Post", die Zeugen in Irak interviewte. Die einzige Diskrepanz ist das Alter des Vergewaltigungsopfers: Der Bürgermeister von Mahmudija, Mouayid Fadhil, sagte, sie sei erst 15 Jahre jung gewesen, während die Anklage von 25 Jahren spricht.

Für das Pentagon ist dies ein neuer Rückschlag im "Kampf um die Herzen und die Seele" nicht nur der Iraker, sondern auch der Amerikaner. Regierungssprecherin Dana Perino wiederholte gestern das alte Mantra: "99,9 Prozent unserer Männer und Frauen in Uniform versehen ihren Dienst ehrenhaft." Doch jede gute Nachricht aus dem Irak wird mittlerweile von neuen Horrormeldungen über Terroranschläge und angebliche US-Gräuel überschattet. Schlagzeilen machte vor allem das Massaker an 24 Zivilisten in Haditha, mutmaßlich durch Marineinfanteristen, dessen Untersuchung bis heute nicht abgeschlossen ist.

Die Ermittlungen in Mahmudija dagegen sind wesentlich weiter gediehen. Was auch daran liegen mag, dass in diesem Fall über die Militärermittlungen hinaus sofort auch zivile Justizbehörden aktiv geworden sind: Green war, nach elf Monaten Dienst, kürzlich wegen einer "Persönlichkeitsstörung" von der Army entlassen worden - seinerzeit noch ehrenhaft.

Eine Mutter mit Vorahnungen

Den Ermittlungen zufolge hatten Green und seine Kameraden, die einen Checkpoint besetzten, die junge Abeer Qasim Hamza seit einiger Zeit im Auge. Das Mädchen, das den Checkpoint täglich passiert habe, habe sich über "die unwillkommene Aufmerksamkeit" der Soldaten beklagt, sagte ihr Nachbar Omar Janabi der "Washington Post". Ihre Mutter Fakhriyah Hamza habe gebeten, Abeer bei sich aufzunehmen, damit die Soldaten ihr kein Leid zufügten. Janabi habe ihr aber versichert, dass "die Amerikaner so etwas nie tun würden".

Das Vertrauen entpuppte sich als fatal. Am 12. März, so die Anklage unter dem Aktenzeichen Nr. 3:06MJ230, hätten sich "Green und die anderen" zunächst betrunken und dunkle Uniformen angezogen, "um nicht erkannt zu werden". Green habe sein Gesicht mit einem braunen T-Shirt getarnt. Dann hätten sie sich zum 200 Meter entfernten Haus der Hamzas aufgemacht. Ein anderer Soldat habe während ihrer Abwesenheit den Funkverkehr überwacht.

Im Haus habe Green sofort Abeers Eltern und ihre kleine Schwester im Schlafzimmer mit einem AK-47-Gewehr erschossen, das er in dem Haus gefunden habe. Dann hätten Green und einer weiterer Soldat Abeer vergewaltigt. Schließlich habe Green auch sie "mit zwei bis drei Schüssen in den Kopf" eiskalt getötet.

Rache für Mahmudija?

Die Geschichte hat noch einen anderen, bizarren Aspekt. Green gehörte nämlich dem 1st Platoon der Bravo Company im 1/502nd Infantry Regiment an - derselben Einheit wie die Soldaten Kristian Menchaca und Thomas Tucker, die im Juni, zwei Monate nach dem Tod der Hamzas, entführt, gefoltert und auf grausige Weise umgebracht worden waren. Unmittelbar vor seiner Verhaftung hatte Green an der Beerdingung eines der beiden auf dem US-Ehrenfriedhof in Arlington teilgenommen.

Schon kursieren Vermutungen, dass die Morde an den Kameraden Greens Racheakte für Mahmudija gewesen sein könnten - ein Teufelskreis des Tötens. Nach der Ermordung Menchacas und Tuckers, so hieß es in der Anklage, habe ein - an der Bluttat unbeteiligter - Soldat die Vorgesetzten bei einem routinemäßigen "Stress-Debriefing" auf den früheren Vorfall in Mahmudija, von dem er gehört habe, und die mögliche Verbindung hingewiesen.

Ein zweiter, gleichfalls unbeteiligter GI habe berichtet, er habe gehört, wie die Soldaten die Vergewaltigung geplant hätten. Hinterher habe er an ihren Uniformen Blutflecken gesehen.

Todesstrafe möglich

Die "Washington Post" sah im Krankenhaus von Mahmudija auch die Todesurkunden ein. Dort seien als Opfer genannt: Fakhriyah Taha Muhsin, 34, Kopfschuss; Qasim Hamza Raheem, 45, den Kopf "von Kugeln zerfetzt"; Hadeel Qasim Hamza, 7, Schusswunden; und Abeer, Kopfschüsse und Verbrennungen. Den Ermittlungen zufolge versuchten die Soldaten, ihr Verbrechen zu vertuschen, indem sie Abeers Leiche und das Haus anzündeten.

Während die Mitbeschuldigten noch in Militärhaft im Irak sitzen, wird sich Green nun vor einem zivilen US-Gericht verantworten müssen. Dort droht ihm selbst die Todesstrafe.

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