Moschee-Streit am Ground Zero: Obama gerät zwischen die Fronten - DER SPIEGEL
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Moschee-Streit am Ground Zero Obama gerät zwischen die Fronten

Nazi-Vergleiche, Islamismus-Vorwürfe, Wahlkampfgetöse: Die USA streiten über ein islamisches Zentrum nahe des "Ground Zero". Präsident Obama findet keine klare Linie - und fällt als Schlichter aus. Eine wachsende Zahl von US-Bürgern hält ihn sowieso für einen Muslim.
Von Yassin Musharbash
Gegner und Befürworter des Cordoba-Projekts: Giftige Debatte
Gegner und Befürworter des Cordoba-Projekts: Giftige Debatte

Gegner und Befürworter des Cordoba-Projekts: Giftige Debatte

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS
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Anschläge des 11. September 2001

New York

"Ground Zero".

Berlin - Niemand hat die Absicht, eine Moschee zu bauen. Auch nicht auf dem Boden der in , dem sogenannten

Geplant ist stattdessen ein islamisches Kulturzentrum mit Basketballhalle, Schwimmbad, Restaurant, Seniorentreff, Kindergarten, Vortragssaal, 9/11-Denkmal und, ja, auch einem Gebetsraum. Einziehen will das "Cordoba"-Projekt in die Adresse Park Place 49 - 51, ein ehemaliges Geschäft. Das Gebäude, das den Projektbetreibern schon gehört, liegt zwei Blocks vom "Ground Zero" entfernt. Im überfüllten New Yorker Stadtteil Lower Manhattan kann man das kaum als direkte Nachbarschaft bezeichnen. Zudem ist völlig offen, ob die Organisatoren die geschätzt nötigen hundert Millionen Dollar zusammenbekommen werden.

Barack Obama

Das sind die Fakten. Doch Fakten interessieren wenig in der heftigen Debatte, die sich derzeit in den USA abspielt. Im Zentrum steht, seit seinem Eingreifen in die Kontroverse, Präsident . Wie schon zu Wahlkampfzeiten wird er jetzt wieder häufiger mit vollem Namen genannt, Barack Hussein Obama. Die USA und der Islam: Es ist ein Thema, dem der überzeugte Christ mit muslimischen Vorfahren in der väterlichen Linie offenbar nicht entrinnen kann.

Newt Gingrich gießt Öl ins Feuer

Vergangenen Freitag hatte er sich zum ersten Mal zu dem Vorhaben geäußert: Am Rande einer Zeremonie zum Fastenbrechen im islamischen Monat Ramadan im Weißen Haus erklärte er, jeder Gläubige habe in den USA das unantastbare Recht, seine Religion zu praktizieren. Obamas Worte, im Grunde eine Selbstverständlichkeit, wurden so ausgelegt, dass er fortan als Unterstützer des "Cordoba"-Projekts galt.

Das rief seine Widersacher auf den Plan. Am lautesten äußerten sich Sarah Palin, ehemalige republikanische Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, und Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses und ebenfalls Republikaner. Es ist vor allem Gingrichs zweifelhaftes Verdienst, dass die Debatte eskalierte. Er schwadronierte darüber, dass die Projektplaner das Ziel hätten, die "Zivilisation zu zerstören". Und überhaupt: Niemand würde es akzeptieren, wenn Nazis neben dem Holocaust-Museum in Washington sichtbar würden. Die Gleichung, die er damit aufstellte, war simpel: Muslime verhalten sich zu 9/11 wie Nazis zu Auschwitz.

Michael Bloomberg

Obama, so andere Stimmen im Chor der Kritiker, sei gegenüber den Gefühlen der Hinterbliebenen unsensibel und entferne sich vom Mainstream der amerikanischen Gesellschaft. Der New Yorker Bürgermeister , ein expliziter Unterstützer, bekam weniger harsche Ablehnung zu spüren.

Natürlich erhielt der Präsident vom Lager der Befürworter Lob für seine Anmerkung. Das wurde aber von vielen wieder entzogen, als er sich kurz darauf bemüßigt fühlte, seine Worte - oder zumindest deren Interpretation - zu relativieren: Ob die Entscheidung, nahe des "geheiligten" Ground Zero eine Moschee zu bauen, "weise" sei, habe er nicht kommentiert.

Präsident in der Zwickmühle

Spätestens seitdem sitzt Obama in der Zwickmühle: Den Moschee-Gegnern gilt er als hyperliberaler Naivling, seinen Sympathisanten erscheint er druckanfällig und verunsichert. Dass er an diesem Freitag einen zehntägigen Familienurlaub auf Martha's Vineyard antritt, könnte zwar zu einer Entspannung beitragen, weil es als akzeptabel gilt, wenn er sich in dieser Zeit nicht noch einmal zu Wort meldet. Aber der Streit hat sich womöglich sowieso schon verselbständigt - angefacht nicht zuletzt durch die im November anstehenden Zwischenwahlen für den Kongress in den USA.

Es ist unübersehbar, dass dieser Umstand zur Eskalation beigetragen hat. Viele Republikaner (und einige im Wahlkampf stehende Demokraten auch) sehen den Moschee-Streit als günstige Gelegenheit, sich zu positionieren: Obamas Zustimmungsraten sind derzeit so niedrig wie nie zuvor. Gleichzeit ist Umfragen zufolge eine Mehrheit der Amerikaner kritisch gegenüber dem "Cordoba"-Projekt eingestellt. Gegen beides zu sein, kann da beim Stimmensammeln helfen.

Zumal, auch dies ein aktuelles Umfrageergebnis, mittlerweile 18 Prozent der Amerikaner glauben, dass Obama selbst Muslim ist. Es waren schon einmal weniger: Ende 2008 waren es nur 12 Prozent. Das ist erstaunlich, denn Obama hat in diesem Zeitraum mehrfach öffentlich über seinen christlichen Glauben gesprochen. Trotzdem fühlte sich das Weiße Haus genötigt, in dieser Woche noch einmal klarzustellen, dass der Präsident wirklich Christ ist.

Umfragen unter Stripperinnen

Gingrich und Co. lassen die Frage der Religion des Präsidenten zwar aus. Aber sie haben keinerlei Scheu, das Gedenken an die Opfer der Anschläge vom 11. September mit antiislamischen Ressentiments zu vermischen und damit zu suggerieren, dass Muslime und Amerika nicht zusammenpassen. Gingrich rückte den Ideengeber des "Cordoba"-Projekts, den Imam Faisal Abdul Rauf, zudem ausdrücklich in die Nähe radikaler Islamisten.

Für diese Anschuldigungen spricht wenig, dagegen fast alles. Derzeit hält sich Abdul Rauf auf einer Rundreise durch den Nahen Osten auf, gesponsert vom US-Außenministerium. Sein Auftrag: Über die Vorzüge der Religionsfreiheit im Westen zu sprechen. Abdul Rauf ist zudem Sufi, Anhänger eines spirituellen Islam, der die Anknüpfungspunkte zu anderen Religionen in den Vordergrund stellt. Er hat ein Buch darüber geschrieben, dass die amerikanische Demokratie der perfekte Ausdruck eines islamischen Gemeinwesens ist, erinnert das Magazin "Time". Und die "New York Times" veröffentlichte einen langen Beitrag, in dem der Historiker William Dalrymple Abdul Rauf in Schutz nahm und darlegte, wieso friedliche Sufis nicht Gesinnungsgenossen, sondern Opfer von al-Qaida sind.

Doch solche Argumente kommen gegen die Dynamik und Heftigkeit der Diskussion nicht an. Stattdessen interviewen Journalisten Stripperinnen aus - viel näher am "Ground Zero" liegenden - Nackedei-Etablissements zu der Frage, ob Muslime hier beten dürfen sollen. Nein, sagt der Türsteher eines dieser Clubs, das wäre unangemessen. Und überhaupt, schließlich hätten ja auch nicht 19 Stripperinnen die Todesjets von 9/11 gesteuert.

Dass bei den Anschlägen aber auch Dutzende Muslime starben und dass in der Nähe des Park Place bereits vor 2001 eine weitere Moschee existierte, über die sich bisher niemand beklagt hat, spielt in der Debatte ebenfalls nur eine marginale Rolle.

Moschee-Gegner sind Obama-kritisch und halten ihn eher für einen Muslim

Allmählich mehren sich allerdings die Stimmen derer, die den Streit lieber beendet sähen - wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die "Washington Post" zitierte am Donnerstag Strategen aus der Regierungszeit des Ex-Präsidenten George W. Bush, die forderten, den schrillen Ton aus dem Streit zu nehmen. Die Moschee-Gegner sollten darauf achten, dass sie nicht alle Muslime pauschal angriffen, mahnte etwa Peter Wehner, früher ein enger Bush-Vertrauter.

Andere betonten die Gefahr, dass die Debatte den Republikanern in den November-Wahlen auch schaden könne, wenn ihre Partei nämlich bei anderen Minderheiten in den Ruch der Minderheitenfeindlichkeit gerate.

Auch auf der Gegenseite wird die Debatte mittlerweile von einigen neu bewertet. Bisher war die Lesart zahlreicher Kommentatoren in Presse und Fernsehen in den USA gewesen, dass Obamas Worte ihm schaden würden, eventuell auch den Kandidaten seiner Partei in den anstehenden Wahlen. Aber Greg Sargent, ein Blogger, der für die "Washington Post" schreibt, hat sich ausführlich mit einem Meinungsforscher von "Gallup" unterhalten. Das wichtigste Ergebnis: Sehr viele Amerikaner haben zu dem Streit gar keine Meinung; und die überzeugtesten Moschee-Gegner waren schon vorher Obama-kritisch.

Das könnte bedeuten, dass sich an dem Streit nur ein Riss zeigt, der ohnehin die Lager trennt. Diese Vermutung passt zu einem weiteren Umfragebefund, demzufolge der Anteil der "konservativen Republikaner" unter allen, die Obama für einen Muslim halten, sich verdoppelt hat.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Text wurde ein anfangs falsch zugeschriebenes Zitat korrigiert.