MoveOn.org Die Mausklick-Macht
Washington - Es war kein leichter Auftritt für John McCain. Er sprach bei der stockkonservativen "National Rifle Association" in Washington, die am liebsten jedem Amerikaner ein Gewehr in die Hand drücken will. Als McCain vor einigen Jahren noch ein wilder Kandidat war, hat er sich mit denen manchmal angelegt, deswegen war der Empfang eh lauwarm. Und dann tauchten mitten in seiner Rede auch noch Demonstranten auf, die gegen den Krieg protestierten. Der Saal hielt den Atem an, McCain geriet ziemlich ins Wanken, die ganze Rede drohte ein Desaster zu werden - doch da fiel dem Kandidaten etwas ein. "Bitte stimmen Sie alle ein in die Verdammung des schäbigen Angriffs von MoveOn.org auf General Petraeus", rief er auf einmal.
Endlich tobte der Saal.
So wie McCain machen es derzeit alle US-Republikaner, quer durchs Land. Sie singen im MoveOn.org-Chorus. Der hat eine Strophe: Die Anzeige in der "New York Times" vom 10. September, in der die Internet-Bewegung General Petraeus "General Betray Us" - "betrüg' uns" genannt hat. Bei seiner Wahlkampftour durch Florida musste Präsidentschaftskandidat Fred Thompson die Worte "MoveOn.org" nur in den Mund nehmen, schon ging der Rest des Satzes unter in "Buh"-und "Pfui"-Rufen. Präsident George W. Bush nannte die Anzeige "abscheulich". US-Senat und Kongress haben Resolutionen verabschiedet, in denen sie ihren Ärger über die Aktion von MoveOn.org ausdrücken.
Das ist ziemlich viel Aufmerksamkeit für eine Internet-Bewegung, die genau 17 feste Angestellte hat und noch nicht einmal ein festes Büro in Washington. Und deren wichtigster Mitarbeiter 26 Jahre alt ist. Eli Pariser heißt der, und er sieht aus wie einer dieser Jungen, die ihre College-Jahre festgeklebt vor dem Computer verbracht haben.
Auf jeden Fall saß Pariser dort wenige Tage nach dem 11. September 2001. Da schickte er nämlich eine E-Mail an Freunde, in der er für eine maßvolle amerikanische Reaktion auf die Anschläge plädierte. Die E-Mail verbreitete sich rasant im Datennetz. Und als sie Pariser am 9. Oktober 2001 ausgedruckt ans Weiße Haus schickte, war sie über 3000 Seiten lang und hatte mehr als eine halbe Million Unterschriften. Pariser hörte nie etwas vom Weißen Haus. "Aber in diesen Tagen habe ich entdeckt, dass dieses System funktioniert", sagt er.
Gewaltige virtuelle Politik-Maschinerie
Kurz darauf wurde Pariser von einem Silicon-Valley-Unternehmerpaar angeheuert, das 1998 MoveOn.org gegründet hatte. Als Zeichen an die Nation, nicht länger ständig über die Sexskandale von Ex-Präsident Bill Clinton zu reden - sondern "to move on". E-Mail-Künstler Pariser zimmerte aus der kleinen Plattform rasch eine gewaltige virtuelle Politik-Maschinerie, die per Mausklick koordiniert wird.
Mit seinen 3,2 Millionen Mitgliedern ist es eine echte Energiequelle für die US-Demokraten geworden. Allein in den vergangenen beiden Jahren brachten mehr als 600.000 Einzelspender auf MoveOn.org 27 Millionen Dollar zusammen, davon allein über sechs Millionen für die demokratischen Kandidaten bei den amerikanischen Kongresswahlen. Freiwillige machten in den beiden Wahljahren sieben Millionen Anrufe, um für ihre politischen Positionen zu werben. Sie organisierten 13.500 Partys und Treffen. Unter "jüngste Erfolgsgeschichten" steht auf der Website unter anderem lakonisch: den Uno-kritischen Bush-Botschafter bei den Vereinten Nationen abgesägt. Wegweisende Bürgerrechtsgesetzgebung ermöglicht. Zum Ende des Genozids in Darfur beigetragen.
Seine Ziele verfolgt MoveOn.org vor allem mit gekonntem Marketing: Die Anzeige in der "New York Times" gegen General Petraeus erschien punktgenau am Tag seines Auftrittes - allerdings musste die "NYT" mittlerweile einräumen, dass sie damit gegen eigene Standards verstoßen hatte: Es hatte den Platz am 10. September garantiert und zusätzlich einen Vorzugspreis eingeräumt, zu dem solche Datumsfestlegungen eigentlich nicht möglich sind.
Diese Koinzidenz erklärt auch einen Teil des republikanischen Furors: Gleichzeitig auf die vermeintlich radikalen Internet-Bewegung und die ungeliebte "New York Times" einschlagen zu können, war für sie eine ideale Gelegenheit, ihre Parteigänger von den ernüchternden Details des Petraeus-Berichts abzulenken. Matt Bai, der ein Buch über Online-Bewegungen und ihre Rolle in der US-Politik geschrieben hat, beschreibt das so: "Die republikanischen Kandidaten müssen sich angesichts dieser MoveOn.org-Kontroverse vorkommen wie ein Wanderer, der ewig durch die Wüste gelaufen ist und auf einmal ein riesiges Schwimmbad vor sich sieht."
Gezielte Online-Attacken gegen Republikaner
Die extreme Reaktion der Republikaner gibt aber auch einen Vorgeschmack darauf, welch unberechenbarer Partner für die Demokraten die Internet-Bewegung wegen ihrer radikalen Opposition geworden ist. MoveOn.org hat sich etwa eng verbündet mit der Koalition "Americans Against Escalation in Iraq", das mit modernen Lobby-Instrumenten - wie TV-Anzeigen, Meinungsumfragen, Massen-E-Mails - den Krieg beenden will. Dazu gehören auch sehr persönliche Angriffe: Über den Sommer koordinierte die Organisation gezielte Online-Attacken gegen 40 Republikaner im Kongress, die den Krieg besonders lautstark unterstützt hatten.
Als John McCain im April über einen Markt in Bagdad spazierte und dies als Beleg für die bessere Sicherheitslage verkaufen wollte, stürzten sich MoveOn.org-Aktivisten auf die Fotos. Sie zeigten im Internet, was für eine riesige Militäreskorte für McCain im Einsatz war. Kleinlaut blies McCain seine Kampagne ab.
Derzeit orchestriert die Internet-Bewegung einen Feldzug gegen den früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Guiliani, der die Anzeige gegen General Petraeus als eine Art Vaterlandsverrat kritisiert hatte. In TV-Spots im wichtigen Vorwahlstaat Iowa werfen sie dem Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur vor, selbst ein Verräter zu sein - weil er wichtige Sitzungen zum Irak-Krieg geschwänzt habe, um lieber mit hoch bezahlten Vorträgen Geld zu verdienen.
Nur: Derlei Attacken sind extrem zweischneidig, wie die Reaktionen auf die Anti-Petraeus-Reklame zeigen. Denn wenn sie als zu weitgehend empfunden werden - was bei Vorwürfen an Soldaten und Armee in den USA leicht geschehen kann - mobilisieren sie die republikanische Basis und schrecken moderate Wähler von den Demokraten ab. "Ich glaube, die Petraeus-Kontroverse war gar nicht gut für die Demokraten", sagt Victorino Matus vom konservativen "Weekly Standard" zu SPIEGEL ONLINE. "Gerade in einer Phase, in der sie versuchten, moderate Republikaner für sich zu gewinnen." Der entschiedene Bush-Gegner Frank Rich wittert in der "New York Times" ähnliche Gefahren: "Statt um die Fehler im Petraeus-Bericht ging es nur noch um die Aufregung um die Anzeige."
Sie wollen den Sieg ihrer Prinzipien
Deshalb sind viele Demokraten zögerlich geworden, die Gruppe zu umgarnen. Die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, erklärte, sie hätte die Petraeus-Anzeige lieber nicht gehabt. Tatsächlich haben die meisten demokratischen Parlamentarier auch für die Resolutionen im Senat und im Kongress gestimmt, die MoveOn.org verurteilten.
Deren Organisatoren ficht das nicht an. "Wir sind nicht den Demokraten Rechenschaft schuldig, sondern den Leuten, die ein rasches Ende des Krieges wollen", sagt Eli Pariser. Das klingt fast wie eine Drohung. Eli muss ja auch an seine eigene Basis denken. Denn zwar handelt es sich dabei nicht, wie manchmal karikiert, um lauter blutjunge Radikale aus den liberalen Hochburgen an der Küste die größte Gruppe bei MoveOn.org ist zwischen 35 und 45 Jahren alt und über die ganzen USA verteilt. Doch die Zustimmung für pragmatische Kandidaten wie Hillary Clinton ist in der Bewegung weit geringer als im Rest der Partei. Die meisten Mitglieder von MoveOn.org wollen nicht einen Wahlsieg um jeden Preis. Sondern einen Sieg ihrer Prinzipien.
Einen Gewinner der Petraeus-Kontroverse gibt es aber schon in jedem Fall: MoveOn.org selbst. Denn die Organisation hat sich bei politischen Gegnern wie Bushs Ex-Wahlkampfguru Karl Rove abgeschaut, wie sich die eigene Basis am besten mobilisieren lässt. Auf der Website suchen sie gezielt nach der "Kontroverse des Monats", mit der sich am ehesten Aufregung - und Spendenbereitschaft - bei den Mitgliedern erzeugen lässt. Die aktuellen Attacken der Republikaner sind dafür natürlich bestens geeignet. Pariser und Co. erzählen, dass sie allein am Tag der Senats-Resolution gegen die Petraeus-Anzeige Spenden von 12.000 Mitgliedern erhalten haben: mehr als 500.000 Dollar.
"Move on", sollte das wohl heißen.