Muktada al-Sadr Phantom des Bürgerkriegs
Hamburg - Wo ist Muktada al-Sadr? Der gewalttätige Schiitenprediger ist zum Phantom geworden. Seine unsichtbare Macht reichte bis in den Raum, in dem Saddam Hussein hingerichtet wurde. Er war präsent, ohne anwesend zu sein: Sein Name war der letzte, den der sterbende Saddam zu hören bekam. Hinter dem Video, das Stunden nach der Hinrichtung kursierte und unter Schiiten zum Verkaufsschlager wurde, sollen Sadrs Leute stecken. Der auf 33 Jahre Geschätzte ist den Herrschenden ein Schreckgespenst. Nun gibt es Streit über den Verbleib des neben Großajatollah Ali al-Sistani mächtigsten Schiiten im Irak.
Ranghohe amerikanische Offiziere sagten dem US-Nachrichtensender ABC, der Hassprediger habe angesichts der bevorstehenden Offensive der Regierung das Weite gesucht und vor zwei oder drei Wochen in Iran Zuflucht gesucht. Aus dem Umfeld des extremistischen Schiitenführers hörte man dagegen: "Diese Nachrichten entbehren jeder Grundlage. Herr Muktada al-Sadr hält sich in diesem Moment in seinem Büro in der Stadt Nadschaf auf", so Fatah al-Scheich, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter der Sadr-Bewegung in Bagdad. Auch Nasser al-Rubaie, Chef von Sadrs Parlamentsfraktion, beteuert: "Er ist immer noch im Irak und arbeitet normal."
Der Vertreter der Sadr-Fraktion im Parlament, die über 32 der 275 Sitze verfügt und mehrere Minister stellt, stellt sich offiziell hinter die heute gestartete Offensive der Regierung in Allianz mit den Amerikanern: "Wir unterstützen den Sicherheitsplan voll und ganz. Es ist absurd, anzunehmen, dass unser Führer sich aus dem Staub macht."
Doch trotz aller Loyalitätsbekundungen gilt Sadrs Mahdi-Miliz im chaotischen Irak nach wie vor als die größte Gefahr für die Sicherheit im Land - mehr noch als die Gefahr, die von ehemaligen Saddam-Anhängern oder von Terrorgruppen, die dem Qaida-Netzwerk nahestehen, ausgeht.
Kampf für fundamentalistischen Gottesstaat
Sadr peitscht seine Anhänger derart auf, dass sie sich dem Gegner ohne Rücksicht auf Verluste entgegenwerfen. Sie sind bereit, für ihren geistigen Führer in den Tod zu gehen. Oft scheiterten amerikanische und irakische Einheiten an der Todesverachtung der Fanatiker, die für einen fundamentalistischen Gottesstaat kämpfen.
Und nun sollen die Sadr-Einheiten, die für einen Teil des Terrors im Irak - meist Racheakte gegen Sunniten - verantwortlich gemacht werden, entwaffnet werden? Dies ist zwar erklärtes Ziel des schiitischen Premiers Nuri al-Maliki - und Amerikaner und die irakischen Regierungstruppen scheinen durchgreifen zu wollen, Maliki scheint sogar darüber hinwegzusehen, dass er politisch von der Sadr-Bewegung abhängt, da sie rund ein Viertel seiner Regierungskoalition stellt - doch es ist fraglich, ob es je erreicht werden kann.
Propaganda ist ein wesentliches Mittel der Kriegsführung. Es ist daher kein Zufall, dass die Meldung über Sadrs angebliche Flucht mit dem Beginn der Offensive zusammenfällt. Die Regierung in Bagdad hat angekündigt, die Grenzen zu Syrien und Iran für 72 Stunden zu schließen, als Teil des Versuchs, die Gewalt in dem abgeriegelten Land in den Griff zu bekommen. Besonders ins Visier werden die Offensiv-Strategen die mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadtteile Bagdads, vornehmlich das Armenviertel Sadr City, nehmen. Vor allem dort soll die Mahdi-Armee weiter geschwächt werden.
Mahdi-Kommandeure festgenommen, Miliz zersplittert
Bereits in den vergangenen Monaten verzeichnete die US-Armee Erfolge gegen die Sadr-Milizen. Die Festnahmen von Mahdi-Kommandeuren haben Sadr verschreckt. Es haben sich Splittergruppen gebildet, auf die sein Einfluss schwand. Zur weiteren Zersetzung des Gegners hilft es den Regierungstruppen, den Anführer nun als fahnenflüchtig hinzustellen.
Bei allem Willen zur Befriedung des Irak: Der Regierung sind auch die Hände gebunden. Sie kann es sich nicht leisten, die totale Konfrontation mit Sadr zu suchen: Seine Bewegung ist gerade mal mal politisch eingebunden worden - und militärisch nach wie vor sehr mächtig.
So mächtig, dass die USA mehrfach damit scheiterten, Sadr habhaft zu werden. Im April 2004 hatten die Amerikaner eine große Offensive gegen die Mahdi-Milizen gestartet. Nachdem diese in mehreren Städten Truppen der Alliierten angegriffen hatten, rückten US-Einheiten gegen die Hochburg Kufa vor. Den entscheidenden Schlag zu führen, wagten sie nicht, da sich Sadr im Schutzraum einer Moschee verschanzt hielt.
Zuflucht in Moscheen
Ein ähnliches Bild zeigte sich ein knappes halbes Jahr später. Die Amerikaner hatten Sadr und etwa 400 Kämpfer in der Altstadt von Nadschaf in die Enge getrieben. Der füllige Prediger, gegen den ein Haftbefehl vorlag, hatte sich in die Grabesmoschee des Schiitengründers Imam Ali, dem Schwiegersohn des Propheten, zurückgezogen. Wieder griffen die Amerikaner nicht zu, obwohl Washingtons damaliger Statthalter im Irak, Paul Bremer, Sadr zum Geächteten erklärt hatte.
Sadr hatte die "Armee des Mahdi" als paramilitärische Truppe aufgebaut, rekrutiert hat er sie vor allem aus dem sozial schwachen Milieu und aus radikalisierten Studenten. Heute soll die Privatarmee rund 10.000 Mann stark sein.
Sadr genießt unter vielen Schiiten wegen seines Namens hohes Ansehen - obwohl der Prediger theologisch wenig bewandert sein soll. Sein Vater, Mohammed Sadek al-Sadr, wurde 1999 von Leuten Saddam Husseins ermordet. Er genoss hohes theologisches Ansehen und war ein alter Rivale des Großajatollah Ali al-Sistani. Auch Muktadas Onkel, Ajatollah Mohammed Baker al-Sadr, Führer der Dawa, wurde ermordet.
Schwere Verbrechen auf dem Kerbholz
Auch Muktada al-Sadr werden schwere Verbrechen vorgeworfen. So soll er hinter einem verheerenden Anschlag stecken, dem auf dem Vorplatz der Grabesmoschee von Nadschaf nahezu hundert Menschen zum Opfer fielen. Sie waren nach dem Freitagsgebet gerade aus dem Gotteshaus gekommen. Das Attentat galt Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, dem Führer des "Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak", der dabei getötet wurde. Etwa zur gleichen Zeit wurde der aus dem Londoner Exil zurückkehrende, Amerika-freundliche Schiitenführer Abd al-Madschid al-Chui nahe der Goldenen Moschee in einen Hinterhalt gelockt und erstochen - auch dafür sollen Sadr und seine Schergen verantwortlich sein.
Es gab schon immer enge Verbindungen zwischen den Schiiten in Iran und im Irak. Die Zusammenarbeit wurde spätestens nach der Befreiung Kuweits durch die Amerikaner 1991 intensiviert. Teheran unterstützte systematisch die Glaubensbrüder im Nachbarland, nachdem diese von den USA im Stich gelassen wurden, obwohl sie sich auf amerikanisches Zuraten hin gegen Saddam Hussein erhoben hatten. So finanzierte Iran die Badr-Brigaden des im Teheraner Exil lebenden und dann in Nadschaf bei einem Anschlag möglicherweise durch Sadrs Terror ums Leben gekommenen irakischen Schiiten Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, dessen Kampftruppen vor allem im Nordirak operierten, um das Saddam-Regime zu schwächen.
Doch auch Sadr hat beste Beziehungen in Iran. Immer wieder hat er sich dort aufgehalten. Von seinem Hauptquartier in Kufa ist es nicht weit ins Nachbarland und sein Clan dort ist weitverzweigt.
Daher gilt Sadr auch als ein wichtiges Scharnier zwischen iranischen und irakischen Schiiten. Die USA beschuldigen ihn, enge Kontakte zu den iranischen Revolutionsgarden "Pasdaran" - immerhin 125.000 gut ausgerüstete Kämpfer - zu unterhalten. Diese unterstützten die Mahdi-Truppe mit Waffen.