Nahost: Arafats junge Garde - DER SPIEGEL
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Nahost Arafats junge Garde

Bewegung im Friedensprozess: Präsident Bush will Israelis und Palästinensern im Lauf der nächsten Woche seine "Roadmap" vorlegen, Außenminister Colin Powell wird zur Unterstützung der Friedensinitiative nach Nahost geschickt. Die erste Hürde - das zeigt der jüngste Selbstmordanschlag von Kfar Saba - bleibt die sich weiter drehende Spirale von Gewalt und Unterdrückung.
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Jerusalem - Die vornehme Villa, diskret versteckt hinter hohen Mauern, liegt in einer ruhigen Seitenstraße im Süden von al-Rimal, der besten Wohngegend von Gaza. Gegenüber befindet sich die Residenz des früheren Bürgermeisters, daneben reihen sich wuchtige Anwesen mit Streifen von gepflegtem Grün. Die Einfahrt schützt ein schweres Eisentor, kontrolliert von bewaffnetem Wachpersonal.

Jetzt wird die Abschirmung rund um die Immobilie unauffällig verstärkt: Der zusätzliche Schutz richtet sich weder gegen israelische Kampfhubschrauber, die mit Bordkanonen oder Raketen Jagd auf palästinensische Kämpfer machen, noch gegen Greifkommandos des Inlandgeheimdienstes Shin-Bet; die Sicherheitsvorkehrungen gelten Angriffen aus den eigenen Reihen.

Denn hier, in der reichsten Nachbarschaft der Stadt, wohnt der umstrittene Nachwuchspolitiker Mohammed Dachlan, seit vergangenem Mittwoch "Staatsminister für Sicherheit" im Kabinett des neuen palästinensischen Ministerpräsidenten Machmud Abbas - besser bekannt als Abu Masen: Und weil Dachlan, angekündigt hat, er werde "binnen drei Monaten" mit den militanten Extremisten und muslimischen Attentäter aufräumen, steht der 42-Jährige selbst im Fadenkreuz der Terroristen.

Denn mehr als sieben Jahre lang kontrollierte der Palästinenser als Befehlshaber einer 5000-Mann starken Truppe mit drakonischer Härte den Gaza-Streifen: Angesichts seiner gepflegten Garderobe und den perfekten Manieren erschien Dachlan dabei mehr als smarter Armani-Politiker denn als rabiater Polizeiboss.

Sein Durchgreifen gegen militante Kämpfer der al-Aksa-Brigaden und muslimische Extremisten von Hamas oder Islamischen Dschihad machten ihn in den Augen von Politikern und Militärs in Israel wie den USA zum verlässlichen Partner. Palästinensische Menschenrechtsorganisationen rügten hingegen die Übergriffe seiner Leute und unter der Opposition im Gaza-Streifen galt er als verhasster "Kollaborateur der Juden".

Just an diesem Mann drohte vergangene Woche die Bestallung der neuen palästinensischen Regierung zu scheitern. Denn Abu Masen, hatte den Nachwuchspolitiker Dachlan als Innenminister nominiert und war damit bei Palästinenserpräsident Jassir Arafat auf erbitterten Widerstand gestoßen.

Nur durch die massive Intervention der EU, Großbritanniens sowie der USA und nachdem Russland und Ägypten eigene Diplomaten in das ausgebombte Hauptquartier Arafats in Ramallah geschickt hatten, stimmte der Palästinenserpräsident einem Kompromissvorschlag zu: Danach übernimmt Premier Abu Masen auch das Innenministerium und Dachlan wird - mit dem Sonderstatus eines Staatsministers - zuständig für Sicherheit.

Neue Etappe im Friedensprozess

Dennoch gibt es Grund zu vorsichtiger Hoffnung. Wenn Anfang der Woche auch noch das palästinensische Parlament das Kabinett von Abu Masen bestätigt hat, ist der Weg frei für eine neue Etappe von Verhandlungen in Nahost: Nach dem Willen Washingtons soll Israelis und Palästinensern dann umgehend die "Roadmap" von US-Präsident George W. Bush vorgelegt werden - und mit seinem Besuch in Nahost soll Außenminister Colin Powell vor Ort für den nötigen diplomatischen Nachdruck sorgen. Der Fahrplan verpflichtet Premier Abu Masen und Ministerpräsident Ariel Scharon auf ein dicht gestaffeltes Szenario, das bis zum Jahr 2005 an der Seite Israels einen "lebensfähigen souveränen Palästinenserstaat" schaffen soll.

Das wäre auch ohne das Postengeschacher von Ramallah schwierig genug: Nach den mörderischen Auseinandersetzungen der zweiten Intifada sind die Voraussetzungen für Aussöhnung und Verständigung schlecht. Selbstangriffe von palästinensischen Kamikaze-Attentätern - wie vergangene Woche am Bahnhof von Kfar Saba - haben das Vertrauen auf der israelischen Seite erschüttert.

Andererseits haben Israels Angriffe mit Kampfhubschraubern, die Zerstörung von Wohnhäusern und die gezielte Ermordungen von Terroristen, bei der immer wieder auch unbeteiligte Zivilisten getötet wurden, die Palästinenser verbittert.

Am schlimmsten ist die von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkte Abschottung der besetzten Gebiete: Familien, Dörfer und Städte sind durch Straßensperren getrennt; Schulen, Kliniken, und Arbeitsplätzen bleiben unerreichbar, Westjordanland und Gaza-Streifen werden wirtschaftlich stranguliert. Und durch die ungebrochene Ausdehnung von Siedlungen mit eigenen Zufahrtsstrassen wird das palästinensische Territorium in zunehmend kleine Parzellen zerlegt.

"Das ist eine Marionette der Israelis": Lesen Sie im zweiten Teil mit welchen Schwierigkeiten Abu Masen bei den Palästinensern kämpfen muss!

Dennoch sehen israelische Nationalisten und orthodoxe Hardliner ihren Traum vom "biblischen Israel" durch die Initiative des US-Präsidenten gefährdet - die "Roadmap" sei ein "Rezept für den Untergang der jüdischen Nation binnen zehn Jahren". Sie brachten umgehend ihre US-Verbündeten in Stellung: Seither formiert sich unter neokonservativen Republikanern im Kongress und Eiferern der religiösen Rechten Widerstand gegen den Friedensfahrplan, weil Israel damit "auf den Pfad der Schwäche" geschickt werde.

Skepsis und Widerstand sind freilich auch auf der palästinensischen Gegenseite gleichermaßen verbreitet: Bei der islamischen Opposition ist Abu Masen schon jetzt als "Hamid Karzai der Palästinenser" verschrien. "Das ist der Kandidat Washingtons und eine Marionette der Israelis" sagt Abu Schanab, Hamas-Sprecher in Gaza.

Auch Rami Nasrallah, Direktor des Internationalen Friedens- und Kooperationszentrums in Jerusalem Forschungsinstituts sieht die neue Regierung bestenfalls als Übergangslösung: "Abu Masen glaubt an den Bush-Friedensplan und ist damit vom guten Willen Arik Scharons abhängig." Im Hintergrund, so der Politologe, der an der Hebräischen Universität studierte, warte daher schon die "junge Garde" auf die "Machtübernahme für die Ära nach Arafat".

Nach der ergrauten Guerilla-Aristokratie der PLO sind es jetzt die Aktivisten der ersten Intifada, die ihre Legitimität und ihr Ansehen im "Krieg der Steine" Anfang der neunziger Jahre gewannen: Dazu zählen Männer wie Marwan Barguti, Fatah-Boss im Westjordanland (derzeit in Jerusalem vor Gericht) Dschibril Radschub, früher Polizeichef im Westjordanland oder eben Mohammed Dachlan.

Vor allem der smarte Staatsminister besitzt für eine künftige Karriere die politisch korrekte Biographie: Geboren im Flüchtlingslager Khan Junis im Gaza-Streifen, studierte er in Kairo und Gaza und geriet dort als Mitglied der Fatah-Jugend immer wieder in Konflikt mit der Besatzungsmacht. Zehn Mal kam er in israelische Haft, bis er 1988 nach Jordanien zwangsdeportiert wurde. Die Zeit im Gefängnis hatte er indes genutzt: Hinter Gittern lernte Dachlan perfekt Hebräisch.

Über Kairo und Bagdad gelangte der Palästinenser nach Tunis und gewann das Vertrauen von Abu Masen und Arafat: Er hielte Verbindung zu den Straßenkämpfern im Gaza-Streifen und im Westjordanland, später nahm er in Oslo an den geheimen Friedensverhandlungen mit den Israelis teil. Als Arafat 1994 in seine Heimat zurückkehren durfte machte der PLO-Chef den ungelernten Militär zum Oberst der "präventiven Sicherheitstruppe", die terroristische Übergriffe verhindern sollte: Bald schätzten ihn nicht nur die Israelis, auch die Amerikaner von Präsident Bill Clinton bis FBI-Chef George Tenet sahen Dachlan als Nachwuchsstar; selbst Bushs Sicherheitsberaterin Condolezza Rice war von dem gewandten Dachlan "tief beeindruckt".

Doch der Prestige- und Machtzuwachs führte zum Konflikt mit Arafat: Neid und Zweifel an der Loyalität seines Protegés, der in GAA mittlerweile als "verwöhnter Sohn" des Palästinenserführers galt. Taktisch geschickt, legte Dachlan seinen Posten nieder.

Seither wettert Arafats früherer "Mann fürs Grobe" gegen die "Militarisierung der Intifada", rügt die eigene Führung als entscheidungsschwach und lobte Ben Gurion als historisches Vorbild: "Er war einer der wichtigsten Staatsmänner Israels, denn er stimmte der Gründung eines Gemeinwesens ohne die Hauptstadt Jerusalem zu - um es hinterher zu stärken."

Diese Einsicht vermisst Dachlan unter seinen Landsleuten. Palästinenser würden sogar Arafat bei einem solchen Kompromiss "Verrat vorwerfen".

Mit solch ketzerischen Ansichten hat sich Dachlan unter Palästinensern wenig beliebt gemacht. Dennoch bleiben seine persönlichen Beziehungen zu den israelischen Gegnern seine stärkste politisches Kapital. "Dachlan ist mit dem gesamten israelischen Establishment vertraut. Er bekommt ans Telefon, wen er will - Politiker, Militärs, Geheimdienstler und die Berater von Premier Scharon."

Die Beweise der erfolgreichen Zusammenarbeit hat der ehemalige palästinensische Kämpfer fleißig gesammelt - so wie ein Fußballclub seine Trophäen: Polierte Plaketten der israelischen Polizei oder Emblem-gezierte Teller der Streitkräfte. Selbst eine Medaille des gefürchteten Geheimdienstes "Shin-Bet" ist darunter: "Vom gestrigen Gegner zum Partner von Morgen."

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