Nahost Der alte Mann und sein Mythos
Jerusalem - Neben den kargen Informationen über Jassir Arafats Gesundheitszustand streuten seine Vertrauten aus dem Hauptquartier in Ramallah emsig Belege dafür, wie tapfer sich der Chef-Palästinenser gegen das Siechtum stemmt. Da war die Rede davon, wie er selbst nach Beginn seiner Erkrankung wegen des Fastenmonats Ramadan als guter Muslim tagsüber das Essen verweigerte. Wie eindrucksvoll er den tunesischen Ärzten, die ihn bereits der Anfang der Woche untersucht hatten, trotz seiner Schwäche über die israelischen Militäroperationen berichtete. Und gestern, dem Tag nach seinem Zusammenbruch, hieß es, noch vor Tagesanbruch habe er bereits wieder am gemeinsamen Gebet der "Mukata"-Bewohner teilgenommen.
Das ist der Stoff, aus dem die Legende Jassir Arafat gestrickt ist. Der Mythos des ewigen Kämpfers und Überlebenskünstlers, der schon so viele Kriege, Krisen und Gefahren für Leib und Leben überstand. Der mit seinem Volk leidet und sich deshalb demütig in die israelische Gefangenschaft in seinem zerschossenen Hauptquartier fügt. Der noch von seinem spartanischen Schlafzimmer aus auf die Trümmer der israelischen Verwüstungen blickt.
Arafat galt als Mann mit sieben Leben. Fast schien er unsterblich, ähnlich wie der Papst oder Fidel Castro. Seit 35 Jahren führt der gelernte Bauingenieur die PLO, die er selbst mit Kampfgenossen begründete. Als er an die Spitze der Befreiungsbewegung rückte, war Lyndon B. Johnson Präsident der USA und Levi Eshkol israelischer Premier. Die beiden sind längst tot und Geschichte, doch Jassir Arafat regiert immer noch. Zwar sorgte sein Gesundheitszustand schon häufig für Schlagzeilen, doch stets erholte er sich wieder. Doch nun sehen die Palästinenser die Bilder von ihrem stolzen Präsidenten ohne seine notorische grüne Uniform und vor allem ohne sein Markenzeichen, das zum Dreieck gefaltete Palästinensertuch auf dem Kopf, die Kefije. Stattdessen trägt er eine profane Wollmütze und einen ausgewaschenen Trainingsanzug, in dem er eher wie ein Sträfling als ein kranker Nationalführer aussieht. Geht die Ära Arafat jetzt doch zu Ende?
Viele warten schon lange darauf - Ariel Scharon und ein Großteil der israelischen Gesellschaft, das weiße Haus, die palästinensischen Reformkräfte sowie einige europäische Regierungen, auch wenn sie es ebenso wenig wie Arafats arabische Präsidentenbrüder zugeben würden. Nur der jordanische König hatte bisher den Mut, "Abu Ammar " öffentlich den Rückzug nahe zu legen.
Am Ende kam kaum einer an der Einsicht vorbei, dass - israelische Mitschuld hin oder her - mit dem uneinsichtigen PLO-Chef nichts mehr zu erreichen sei, schon gar kein palästinensischer Staat.
Für Israel ist Arafats Krankenflug nach Frankreich eine Art Traumvorstellung. Seit bald drei Jahren streiten sich die israelischen Parteien, ob und wenn ja auf welche Weise man sich Arafats entledigen könne. Der Schmähkurs Scharons gegen seinen Erzfeind, mit dem er ihn durch Isolation zur "irrelevanten" Figur machen wollte, hatte nur teilweise Erfolg. Sicher, die meisten internationalen Führer, die zuvor so eifrig den roten Teppich für den zum Nobelpreisträger mutierten Terroristen ausgerollt hatten, ließen sich kaum noch in Arafats Verbannung blicken. Doch in der palästinensischen Bevölkerung verschaffte Scharon dem immer häufiger kritisierten PLO-Chef mit seinen Attacken bloß neue Popularitätsschübe.
In den israelischen Kommandozentralen liegen seit längerem schon Pläne, wie man Arafat etwa durch ein Sonderkommando aus seiner Mukata kidnappen und dann in einer Nacht- und Nebelaktion per Hubschrauber außer Landes schaffen könnte. Spezialtrupps trainieren regelmäßig für diesen Ernstfall.
Nun hat Präsident Jacques Chirac ein Rettungsflugzeug geschickt - und weg ist das "Haupthindernis für den Frieden", wie ihn die israelische Regierung nennt, oder deutlicher noch: "Unser Bin Laden". Zwar versicherte Jerusalem, nach erfolgreicher Behandlung könne der "rais", wie der Führer auf Arabisch heißt, natürlich zurückkehren. Doch wer weiß, ob es dazu kommt.
Dennoch könnte ein Ende der Regentschaft Arafats auch Folgen für die israelische Regierung haben, auf die sie gar nicht vorbereitet ist. Solange Arafat alle Fäden in der Hand hielt, konnte Scharon relativ bequem behaupten, er würde ja gerne mit den Palästinensern verhandeln, aber es gebe nun mal "keinen Partner auf der anderen Seite". Er weiß, seit der zweiten Intifada haben selbst viele Linke und Friedensbewegte mit Arafat gebrochen. Steht der nicht mehr im Weg, könnte die israelische Regierung ja eigentlich wieder mit den Palästinensern reden - mit Premier Ahmed Kurei ("Abu Ala") etwa, der ähnlich wie sein Vorgänger und PLO-Vize Mahmud Abbas ("Abu Masen") durchaus Respekt auf der israelischen Seite genießt. Doch will Scharon wirklich verhandeln? Seine Kritiker sind überzeugt, dass er zwar von einem Palästinenserstaat spricht, in der Tat aber alles tut, um ihn zu verhindern.
Auch den international begrüßten Abzugsplan aus dem Gaza-Streifen begründete der Premier vor allem damit, Israel müsse allein handeln, weil die Palästinenser nicht zu einem Friedensschluss zu bewegen seien. Dem Plan zufolge sollen im Westjordanland nur vier kleine Siedlungen geräumt werden, die großen Siedlungsblöcke werden dagegen sogar gestärkt. Bei Verhandlungen würden die Palästinenser das nie akzeptieren.
Gleichwohl, eine Neuverteilung der palästinensischen Macht könnte den lange ersehnten Impuls zurück zum Friedensprozess bringen. Endlich käme wieder Bewegung in die festgefahrenen Fronten. Israelische Nahostexperten wie Barry Rubin warnen allerdings bereits, dass eine Führung nach Arafat "nicht unbedingt moderater" oder kompromissbereiter sein müsse. Tatsächlich war Arafat mit seinem Nein beim Friedensgipfel in Camp David ja breit dafür unterstützt worden, dass er "keine Zugeständnisse", vor allem bei der Rückkehr zu den Grenzen von 1967, gemacht hatte.
Es besteht die Sorge, dass ein Machtvakuum in der Nachfolge Jassir Arafats zu einer erneuten Eskalation der Gewalt und zu Chaos in den Palästinensergebieten führen könnte. Bereits jetzt herrschen vor allem im Gaza-Streifen teilweise anarchische Zustände, in denen etwa Amtsträger auf offener Straße entführt werden oder bewaffnete Banden ihre Privatkriege austragen. Es gibt weder eine funktionierende Justiz noch Polizei.
Doch die Misere wird vor allem auch Jassir Arafat angelastet, der einfach nicht durchgreift. Kritiker meinen, dass der PLO-Chef sogar ein Interesse an den internen Kämpfen hat. Der autokratische Patriarch fördert die Vetternwirtschaft und regiert nach der alten Taktik "Teile und herrsche". Solange ihm selbst keiner gefährlich wird, darf er seine Privatscharmützel verfolgen, lokale Macht anhäufen ohne Amt und Mandat oder sich gar finanziell bereichern.
Auch der Terror-Intifada gebot er trotz wortreicher Friedensschwüre keinen Einhalt. Sowohl die Fatah-nahen Aksa-Milizen als auch die islamistische Hamas ließ er praktisch gewähren. Die Reformkräfte in der palästinensischen Gesellschaft setzen deshalb darauf, dass es nach Arafat eigentlich nur besser werden kann. Nicht, dass sie ihm den Tod wünschen, wie auch Oppositionelle dieser Tage betonen. Aber gehen soll er schon - endlich.
"Arafat hat Wechsel und Erneuerung immer verhindert", sagt der parteilose Abgeordnete Ziad Abu Amar, einer der Wortführer der Reformer. "Sein System ist in einer Sackgasse angelangt, sein Herrschaftsstil Teil einer sterbenden Ordnung." Tatsächlich geht es um mehr als einen Präsidenten - nämlich um die Zukunftsfähigkeit der PLO sowie ihrer herrschenden Mehrheitsfraktion Fatah, in der es seit bald 15 Jahren keine Wahlen mehr gab. Trotz einer änderungswilligen jungen Garde dominieren dort die 70-Jährigen. Auf eine neue Ära sind sie etwa so gut vorbereitet wie die SED auf den Mauerfall.
Deshalb weiß der Politologe Abu Amar auch, dass der Zeitpunkt für einen echten Generationswechsel noch nicht gekommen ist. Geht eine nationale Symbolfigur wie Jassir Arafat, fällt die Entscheidung in der Regel zunächst zu Gunsten von Stabilität, unter Wahrung der Hierarchie.
"Es kommt darauf an, einen sanften Übergang ohne Kampf und Chaos zu schaffen", sagt ein palästinensischer Insider, "auch deshalb beten viele, dass Arafat noch eine ganze Zeit durchhält."