Nahost Drei Leichen und ein Brief
Berlin/Jerusalem - Es gibt in diesen Tagen nicht viele Leute, denen der israelische Premier Ehud Olmert, 62, noch uneingeschränkt vertrauen kann. Außenministerin Zipi Livni forderte nach dem verpatzten Libanon-Krieg seinen Rücktritt, seine Koalition droht wegen ein paar Zugeständnissen an die Palästinenser zu zerbrechen, und einige Parteifreunde sprechen schon von der "Post-Olmert-Zeit".
Ein Mann aber steht loyal an der Seite des Regierungschefs. Er heißt Ofer Dekel, ist 56 Jahre alt, und Olmert lernte ihn Mitte der Neunziger kennen, als er Bürgermeister von Jerusalem war. Damals trafen sich die beiden morgens zum Joggen. Seit Olmert Premier ist, lassen ihn seine Personenschützer nicht mehr im Freien trainieren. Stattdessen schwitzen die beiden jetzt auf den Laufbändern, die Olmert in einem Zimmer seines Amtssitzes aufbauen ließ.
Dekel ist mehr als ein guter Freund, von seinem Geschick hängt maßgeblich auch Olmerts politisches Überleben ab. Der Premier ernannte den früheren Vizechef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet nach dem Libanon-Krieg im vergangenen Jahr zum Beauftragten für die von der Hisbollah entführten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Olmerts Kriegsziel war es gewesen, die beiden Reservisten heimzuholen. Seitdem wartet die Nation darauf, dass er sein Versprechen einlöst.
Symbol für einen Neuanfang zwischen Feinden
Einen ersten Erfolg konnte Dekel seinem Freund am vergangenen Montag melden. Jerusalem erhielt von der Schiiten-Miliz die Leiche eines äthiopischen Juden sowie einen Brief des seit über 20 Jahren verschollenen israelischen Piloten Ron Arad. Die Israelis lieferten im Gegenzug die Leichen zweier Hisbollah-Kämpfer und einen libanesischen Gefangenen aus.
Der Austausch ist vor allem ein Symbol für einen möglichen Neuanfang zwischen zwei bis aufs Blut verfeindeten Parteien. Erstmals seit dem Ende des Krieges im vergangenen Sommer kommt jetzt Bewegung in einen der zentralen Streitfälle des Nahost-Konflikts. Die Lösung der Gefangenenfrage gilt als Vorbedingung für eine weitere Entspannung, an deren Ende ein Friedensvertrag zwischen Israel und dem Libanon stehen könnte.
Kaum war der Austausch perfekt, feierten die Beteiligten das Ergebnis: Von "positiven Fortschritten in den Verhandlungen zwischen Israel und der Hisbollah" sprach Milizenchef Hassan Nasrallah. Olmert lobte die "Ausgewogenheit" der Vereinbarung.
BND-Agent als Vermittler
Es ist ein Etappensieg, den alle Seiten als Erfolg verbuchen können. Der innenpolitisch angeschlagene Olmert hat sich seinem Volk als erfolgreicher Verhandler präsentiert. Nasrallah konnte die in der Uno-Resolution 1701 angedrohte internationale Isolierung seiner Gottespartei abwenden, indem er guten Willen demonstrierte. Und für die Uno ist der Austausch der dringend nötige Beweis ihrer Handlungsfähigkeit in internationalen Krisen. Ganz nebenbei fällt auch für den deutschen Bundesnachrichtendienst ein Teil des Ruhmes ab, denn es war ein Agent aus Berlin, der den Deal als Vermittler einfädelte.
Die Vorbereitung des Austauschs unterlag größtmöglicher Geheimhaltung. Zuerst flog der BND-Mann in Nasrallahs Beiruter Hauptquartier. Wer zum Schiiten-Führer vorgelassen werden will, muss sich einer Leibesvisitation unterziehen, Mobiltelefone abgeben und einen Metalldetektor passieren. Der Deutsche kennt die Prozedur von früheren Besuchen, 2004 vermittelte er beim letzten großen Gefangenenaustausch mit Israel.
Der studierte Arabist aus Berlin, in der Welt der Geheimdienste "Mr. Hisbollah" genannt, war für den Vermittlerposten der Uno erste Wahl. Er war Resident des BND in Beirut, gilt als intimer Kenner der syrischen Politik, spricht fließend Arabisch. Seit einem Treffen im September 2006 mit dem damaligen Uno-Generalsekretär Kofi Annan pendelt er zwischen Tel Aviv, Berlin, New York und Beirut.
Eine erste Annäherung - doch von den beiden entführten Soldaten gibt es weiterhin kein Lebenszeichen
Bei der nun über die Bühne gegangenen Ouvertüre zu dem "großen Ereignis", wie der Hisbollah-Scheich den von Israel sehnlichst erhofften Austausch seiner beiden Soldaten nennt, zog Nasrallah die Fäden im Hintergrund. Organisatorische Fragen klärte der BND-Mann mit Nasrallahs Unterhändler Hadsch Wafik. Weil bis zuletzt nicht klar war, ob Nasrallah seine Meinung noch ändern könnte, begleitete der Agent aus Berlin persönlich den Autokonvoi an die libanesisch-israelische Grenze.
Die Abgesandten der Hisbollah brachten den Leichnam von Gabriel Dawit mit, eines Äthiopiers jüdischen Glaubens, der eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Israel besaß, ehe er 2005 verschwand. Warum der Einwanderer starb, ist ungeklärt, die israelische Regierung ging bislang von einem Badeunfall im Mittelmeer oder Selbstmord aus; wahrscheinlicher ist, dass er der Hisbollah bei seinen Schmuggelgeschäften in die Hände fiel.
Im Grenzposten Rosch Hanikra kam es gegen 17 Uhr Ortszeit schließlich zu der ersten direkten Wiederannäherung seit dem Krieg. Erst übergab die israelische Delegation die Leichen zweier libanesischer Kämpfer und einen schwerkranken Hisbollah-Milizionär, der gefangen genommen worden war.
Dann rückte die Schiiten-Miliz die Leiche des Äthiopiers heraus und händigte dem BND-Mann ein Schriftstück aus, auf das die Israelis seit langem warten: einen Brief des 1986 verschollenen Piloten Ron Arad, den dieser in libanesischer Haft schrieb.
Brief von Israels Nationalheld Arad
Vergangenen Mittwoch flog der deutsche Vermittler nach Israel, wo er die Notizen an Unterhändler Dekel übergab.
Die Aufzeichnungen des israelischen Nationalhelden Arad, der höchstwahrscheinlich schon lange tot ist, stammen aus den Jahren vor 1988, als der Israeli sich noch in der Gewalt der Hisbollah befand. Später wurde er vermutlich an die iranischen Revolutionswächter weitergereicht, sein Schicksal ist ungeklärt.
Der Brief trägt wenig zur Aufklärung des Falls bei, ist aber ein Beleg dafür, dass die Hisbollah in ihrer Asservatenkammer zumindest Puzzlestücke zu Arads Verbleib gesammelt hat. Von "Kostproben" spricht Nasrallah nicht ohne listig darauf zu verweisen, er habe nun "alles Erdenkliche" dafür getan, um den Fall aufzuklären. Nun sei Israel am Zug mit der Freilassung des Libanesen Samir Kuntar.
Kuntar gilt in Beirut als Freiheitskämpfer, in Israel hingegen als skrupelloser Mörder. Er tötete 1979 in der nordisraelischen Hafenstadt Naharija Vater und Tochter einer Familie. Der Mutter gelang es, sich mit der jüngeren Tochter vor Kuntar zu verstecken, sie erstickte ihr Kind jedoch bei dem Versuch, es zu beruhigen.
Weit von einem endgültigen Deal entfernt
Neben Kuntar verlangt Nasrallah die Freilassung von vier weiteren Milizionären. Von der Forderung, etwa tausend vorwiegend palästinensische Gefangene aus der Haft zu entlassen, hat sich die Hisbollah mittlerweile verabschiedet.
Doch allein der Name Kuntar birgt ausreichend Konfliktstoff, um eine Einigung auf absehbare Zeit zu blockieren. Dass
auf den kleinen Erfolg schon bald ein großer folgt, ist daher wenig wahrscheinlich.
Premier Olmert hat aus den Fehlern des Krieges gelernt. Er will vor allem bei den Angehörigen der Soldaten keine falschen Hoffnungen wecken. "Wir sind einem endgültigen Deal nicht nähergekommen", sagte Unterhändler Dekel vergangenen Donnerstag dem SPIEGEL.
Keinen Zentimeter will Jerusalem nachgeben. Dekel schließt sogar aus, dass Kuntar gegen die Soldaten ausgetauscht werden könnte. "Kuntar ist nicht Teil eines solchen Deals", sagt er. Es gelte das Angebot aus 2004, wonach Kuntar erst freigelassen werde, wenn die Hisbollah das Schicksal von Ron Arad kläre. Zwar glauben führende israelische Geheimdienstler mittlerweile, dass Nasrallah über Arads Verbleib nichts weiß. Trotzdem fordert Unterhändler Dekel: "Wir werden auf Informationen über Ron Arad nicht verzichten."
"Die Israelis bekommen nichts ohne Gegenleistung"
Nasrallah zeigt sich noch weniger kompromissbereit. Nicht einmal ein Lebenszeichen von den beiden israelischen Reservisten hat er geliefert. "Die Israelis bekommen nichts ohne Gegenleistung", sagt Kuntars Bruder Bassam. Er ist überzeugt, dass die Hisbollah Samir bald nach Hause bringt. "Ich habe volles Vertrauen zu Nasrallah", sagt der Bruder.
Die Hoffnung könnte sich zerschlagen. Denn möglicherweise liegt der Grund für Nasrallahs Sturheit nicht darin, dass er kein Lebenszeichen der Soldaten liefern will, sondern dass er es nicht kann. Laut einem geheimen Untersuchungsbericht der israelischen Armee wurden die zwei Soldaten "mindestens" schwer verwundet. Mit großer Wahrscheinlichkeit sei einer seinen Verletzungen erlegen, vielleicht seien auch beide tot.
Tomer Weinberg hat die Entführung am 12. Juli des vergangenen Jahres miterlebt. Er patrouillierte zusammen mit Goldwasser und Regev in einem "Hummer"-Militärfahrzeug am israelisch-libanesischen Grenzzaun. Als die Hisbollah das Feuer eröffnete, konnte er sich ein Bein, ein Arm und die Lunge von je einer Kugel durchschlagen in den Straßengraben retten. Dort lag er, während die Hisbollah-Kämpfer seine Kameraden holten. "Ich habe nichts gehört, kein Schreien, gar nichts", erinnert sich der 27-Jährige. Dennoch möchte er gern glauben, dass die beiden am Leben sind.
Doch selbst wenn sie es nicht sind: Bislang gehörte es zur israelischen Staatsräson, auch für die Rückführung von getöteten Soldaten alles zu tun. Schon mehrere Male ließ Jerusalem zu diesem Zweck Terroristen frei. Vergangene Woche telefonierte Premier Olmert mit Smadar Haran-Kaiser, jener Mutter, die Kuntars Bluttat überlebte. Sie will sich der Auslieferung des Mörders ihrer Familie nicht widersetzen.