Nahost: Hat der eine Bombe im Rucksack? - DER SPIEGEL
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Nahost Hat der eine Bombe im Rucksack?

Jeden Tag zwängen sich Tausende von Palästinensern durch die Checkpoints gen Israel und wieder zurück, Momente der Demütigung und Schmach. Die Israelis dagegen sehen die Sperren als Selbstschutz, die Grenzsoldaten sollen vor allem Selbstmordattentäter stoppen. Ein Bericht vom Checkpoint in Betlehem.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Betlehem - Gott sei Dank, in einer halben Stunde ist Schichtwechsel. Jossi, 36, schaut erleichtert auf die Uhr. Seine Laune hebt sich spürbar. Mit Schwung winkt er die palästinensischen Autos heran, die im vorgeschriebenen 30-Meter-Abstand an der Sperre warten. "Te-udat ze-ut", "Personalausweis!", sagt er, und macht mit der Hand eine fordernde Geste. Die Fahrer strecken dem israelischen Soldaten ihre Papiere entgegen. In der Regel wirft er dann einen Blick durchs Seitenfenster auf die Rückbank oder, wenn es ein Lieferwagen ist, in den Laderaum.

"Ah, du bist Schreiner, alle Achtung!", sagt er zu einem schmalen Mann in Arbeitshosen und Strickpulli. Mit zwei Nonnen, die in einem BMW heranrauschen, schäkert er sogar ein bisschen. Eine kichert verlegen. "Die Nonnen haben oft die schicksten Autos", sagt Jossi.

Seit 6 Uhr morgens schiebt der Reservist, der nur seinen Vornamen nennen will, Dienst am Checkpoint vor Betlehem. In seinem Rücken erstrecken sich Olivenhaine, gegenüber fällt sein Blick in die Wüste und auf die Baukräne der umstrittenen jüdischen Siedlung Har Homar am Rand von Jerusalem. Einen Monat lang muss Jossi von seinem Job in der Luftfahrtindustrie freinehmen und wie Tausende anderer Reservisten Dienst fürs Vaterland tun. Und weil sein Land noch immer große Teile der palästinensischen Gebiete besetzt hält, muss er als Soldat Zivilisten kontrollieren, die vom palästinensischen Betlehem ins israelische Jerusalem fahren wollen.

Durchlass erhält nur derjenige, der als israelischer Araber einen Personalausweis des jüdischen Staates besitzt, oder als Palästinenser nach einem umständlichen Antragsverfahren einen Passierschein ergattert. Sogar diejenigen, die nach Betlehem zurückwollen, werden kontrolliert. Die Checkpoints, so das israelische Verteidigungsministerium, sollen Sicherheit für Israel bringen, indem sie die "Bewegungsfreiheit von Terroristen empfindlich einschränken". Doch auch die jüngsten Selbstmordattentate in Jerusalem und Haifa konnten sie nicht verhindern.

Die Palästinenser, die an diesem Wintertag in der Wartesschlange vor der Militärsperre stehen, sehen nicht sehr gefährlich aus. Es sind Gemüsehändler, Lehrerinnen, Handwerker, Professoren, Studenten, Hausfrauen, Manager, Unternehmensberater, Bauern, Handelsvertreter, Priester, Nonnen, Firmeninhaber - ein kompletter Querschnitt der palästinensischen Gesellschaft. Die Checkpoints sind für sie Orte der tiefen Demütigung und der Kollektivstrafe durch den Besatzer.

Alle Palästinenser sind gleich

In Bethlehem jagt an diesem Mittag ein vielleicht 25-jähriger israelischer Soldat einer 70-jährigen Palästinenserin nach, die sich mit schweren Gemüsesäcken und einem Kleiderbündel auf dem Kopf an der Schlange vorbeigemogelt hat. Ein Holzschnitzer muss mit einem amtlichen Schreiben nachweisen, dass er mit einer Israelin verheiratet ist und deshalb nach Jerusalem darf. Neben ihm räumt der Buchhalter Mussa Husseini, der für die amerikanische Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft Arthur Andersen arbeitet, gerade auf Anweisung eines Soldaten seinen Diplomatenkoffer vor aller Augen aus. Mühsam sammelt er dann die gelben Markerzettel zusammen, die bei der Durchsuchung abgefallen sind.

Der Elektro-Exporteur Ghasan Tudrus aus Jerusalem musste sein Auto stehen lassen, durch den Staub laufen, sich in einem stinkenden Wellblechgang in die Schlange stellen, um dann endlich auf der anderen Seite von einem Mitarbeiter seiner Betlehemer Filiale einen Scheck entgegenzunehmen. "Nächste Woche steht eine große Lieferung an, das wird wieder ein Alptraum", sagt Tudrus mit Blick auf die langen Autoschlangen.

Am Checkpoint sind alle Palästinenser gleich - das Geschick ihres Tages, wie lange sie in der brütenden Sonne stehen, die ihre Autos in Backöfen verwandelt, ob sie pünktlich zur Arbeit, zur Uni oder einem Termin kommen oder vielleicht überhaupt nicht, hängt auch von der Laune des Soldaten ab, dem sie gegenüberstehen. Treffen sie auf einen wie den Reservisten Jossi, haben sie Glück. Ein bisschen warten, Pass zeigen, fertig.

Manche Soldaten sind freundlich, sogar hilfsbereit wie der junge Fallschirmspringer, vor dem gerade ein alter Kadett mit dampfender Kühlerhaube stehen bleibt. Schnell organisiert der Soldat leere Flaschen, damit der Fahrer Kühlwasser holen kann, dann hilft er sogar schieben. Es kann aber auch sein, dass den Palästinensern ein Offizier, der sonst als Psychologe arbeitet, eine Beule in die Tür tritt, weil sie, ohne sein Zeichen abzuwarten, auf ihn zufuhren. Oder ihnen ein Soldat die Autoschlüssel abnimmt oder den Pass, manchmal für Tage.

Einige palästinensische Frauen mussten ihre Babys an Checkpoints gebären, weil ihr Auto aufgehalten wurde. Selbst Schläge und andere Misshandlungen kamen schon vor. Solche Fälle, versichert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, verstießen "gegen alle Regeln" und würden verfolgt. Es muss noch nicht einmal böse Absicht sein, wenn Soldaten am Checkpoint allzu harsch auftreten, sondern Angst, Unsicherheit und mangelnde Lebenserfahrung.

Was machen mit der Macht?

Viele sind Anfang, Mitte 20 und sehen sich plötzlich in der Rolle, Befehle an fremde Menschen auszuteilen, von denen die meisten mindestens so alt sind wie die eigenen Eltern. Manche nutzen die ungewohnte Macht aus, andere sind schlicht nervös, denn sie tragen Verantwortung. Was passiert, wenn gerade bei ihnen ein Selbstmordattentäter durchschlüpfen sollte? Was passiert, wenn einer eine Bombe im Rucksack hat?

Die Nachdenklichen fragen sich, was ihr Job eigentlich für einen Sinn macht, so wie der Kabeltechniker Lior, 24, der an diesem Tag die Fußgänger nach Betlehem kontrolliert. "Wo ist deine Genehmigung?", fragt er diejenigen, die nicht automatisch ihren Pass vorzeigen. Viele antworten ehrlich: "Ich habe keine." Dann sagt Lior: "Aber wie bist du dann heute Morgen nach Israel hineingekommen?" "Ich weiß nicht genau, irgendwie über die Felder". "Dann geh' auch wieder über die Felder zurück", sagt Lior. Er muss dabei lachen. "Ich kann diesen Leuten nicht ins Gesicht schauen", sagt er, "irgendwie ist es doch ein Witz hier."

Links und rechts der Militärsperre sieht man Männer über die Felder laufen, die sich an den Kontrollen vorbeimogeln. Der diensthabende Offizier ist nervös. Es gebe eine Warnung, dass Intifada-Kämpfer einen Anschlag auf Soldaten planten. Erst am Vortag hatte ein palästinensischer Extremist vor Grenzern am Übergang zum Gaza-Streifen einen an seinem Körper befestigten Sprengsatz gezündet und die Soldaten dabei verletzt. Am Morgen starben bei einem Anschlag in Afula zwei Israelis, als zwei Attentäter wild in die Menge schossen.

"Wir wollen ja nett sein zu den Leuten", erklärt der Offizier gerade einer Frau, die sich ein Schild "Checkpoint-Kontrolle, Frauen für Menschenrechte", an den Pulli geheftet hat. "Aber ich habe nun mal die Verantwortung für meine Soldaten, und deren Sicherheit geht vor". Etna Kadman schreibt alles gewissenhaft auf, was ihr der Offizier erklärt.

Die pensionierte Lehrerin ist Aktivistin bei der linken israelischen Bewegung "Töchter des Friedens". Jeden Tag verteilen sich hundert Pazifistinnen an den Checkpoints, schauen den Soldaten über die Schulter und schicken dann penible Berichte an das Verteidigungsministerium.

Dem Offizier haben die penetranten Fragen der Frau an diesem hektischen Tag gerade noch gefehlt. "Kannst du Arabisch?", fragt er sie im üblichen israelischen Duz-Ton. Vor ihm hält ein junges Ehepaar im Kleinwagen mit einem Baby auf dem Rücksitz. "Sag ihnen, dass ich ihnen schon ein paar Mal klar gemacht habe, dass ihre Papiere nicht ausreichen", erklärt der Offizier ärgerlich. "Aber wir wollen doch nur mit unserem Baby meine Mutter in Jerusalem besuchen", beteuert die junge Frau mit islamischem Kopftuch immer wieder. "Okay, heute dürft ihr noch einmal durch", lenkt der Israeli schließlich ein, "aber das ist das letzte Mal!"

Wenigstens hat die Friedensaktivistin jetzt gesehen, dass er auch großzügig sein kann. Plötzlich rauscht aus Richtung Israel ein klappriger VW-Bus heran und hält mit quietschenden Reifen mitten auf dem Checkpoint, ein israelisches Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene hinterher. Sechs magere Männer in Arbeitsklamotten springen aus dem Bus und flüchten nach Betlehem hinein, wo sie die Polizisten nicht mehr verfolgen können. "Wir hatten die Illegalen gerade erwischt", erklärt einer der Polizisten. "Die Kerle sind weg, aber der Fahrer kriegt jetzt eine saftige Strafe."

Mit allen Tricks

Zwei orthodoxe Juden mit den schwarzen Anzügen und den Schläfenlocken der Superfrommen schauen der Verbrecherjagd neugierig zu. Seit einer Stunde schon warten sie auf eine Mitfahrgelegenheit nach Betlehem hinein, wo sie am Grab der biblischen Stammmutter Rachel beten wollen. Den Bus, der dort täglich fromme Israelis hinbringt, haben sie verpasst. Laufen dürfen sie nicht, weil kein Israeli ohne Eskorte palästinensisches Gebiet betreten darf. Das stinkt den Ultras, und eigentlich, so meinen sie, sollten sich doch auch die Palästinenser frei bewegen können. Schließlich nimmt sie ein Armeejeep mit.

Unterdessen sind drei britische Diplomaten der Botschaft in Tel Aviv aus ihrem Wagen gestiegen, um die Ursachen der langen Autoschlangen zu erkunden. "Wir dachten, der Checkpoint hier ist offen", erklärt einer von ihnen, "aber bei diesen Wartezeiten trifft das ja wohl nicht zu." Sie stellen den Offizier zur Rede. Der gestresste Soldat hat gerade schon zwei Uno-Mitarbeitern erklärt, "dass Sicherheit eben Zeit braucht".

Einige Palästinenser präsentierten ihnen sogar "gefälschte Uno-Ausweise", hat er als Bonbon für die Männer von den Vereinten Nationen parat. "Sie versuchen es mit allen Tricks." Die Palästinenser bestreiten das gar nicht: "Was würden Sie tun, wenn Sie sonst nicht zu Ihren Verwandten können?", fragt der Firmenberater Husseini.

Eine Zeitlang habe es geholfen, irgendeine Stromrechnung als Nachweis für den Wohnsitz in Betlehem vorzulegen. Ohne Arabischkenntnisse hätten die meisten Soldaten die Papiere kaum entziffern können. "Doch den Kniff fanden sie dann raus." An der Fußgängerkontrolle steht vor dem lachenden Soldaten Lior, dem sein Job so sinnlos vorkommt, gerade ein alter, gebeugter Mann. "Hast du eine Genehmigung?", fragt der Soldat. "Jawoll", sagt der stolz und entfaltet umständlich ein zerknittertes Blatt Papier. "Aber die ist ja aus dem letzten Jahr!", ruft der junge Israeli aus. Doch dann faltet er das Blatt zusammen und gibt es dem Mann zurück: "Es ist schon in Ordnung", sagt er leise, "du kannst durchgehen."