Nahost-Konflikt: "Auch Hamas wird mitmachen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nahost-Konflikt "Auch Hamas wird mitmachen"

Der Frieden im Nahen Osten ist möglich. Das sagt Jihan al-Sadat, die Witwe des ermordeten ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt die einflussreiche Ex-First-Lady, wie eine Lösung des Konflikts aussehen könnte.
Ägyptens frühere First Lady al-Sadat: "Der Frieden kommt, er ist heute näher denn je."
Ägyptens frühere First Lady al-Sadat: "Der Frieden kommt, er ist heute näher denn je."

Ägyptens frühere First Lady al-Sadat: "Der Frieden kommt, er ist heute näher denn je."

Foto: Ayman Badr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anwar

Israel

SPIEGEL ONLINE: Vor 28 Jahren wurde Ihr Ehemann, Ägyptens Staatspräsident al-Sadat, ermordet. Islamistische Fanatiker bestraften ihn für seinen Friedensschluss mit . Hat sich das große Opfer gelohnt?

Al-Sadat: Unbedingt. Ohne den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag wären noch viele tausend Menschen auf beiden Seiten umgekommen. Jeder Gedanke an einen Frieden im Nahen Osten wäre realitätsfernes Wunschdenken geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Der kalte Frieden zwischen Ägyptern und Israelis hat sich weiter abgekühlt. Bewaffnete Auseinandersetzungen wie der blutige Krieg im Gaza-Streifen lassen nicht gerade neue Friedenshoffnungen aufkommen.

Israel

Al-Sadat: Jordanien ist dem ägyptischen Beispiel gefolgt und hat Frieden mit geschlossen. Die Weltgemeinschaft verlangt jetzt mit einer Stimme die Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates an der Seite Israels. Das ist heute deutlicher denn je. Die Supermacht Amerika hat sich verpflichtet, den Nahost-Frieden auf dieser Grundlage durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Der Wunsch des US-Präsidenten Barack Obama ist sicher ehrlich gemeint, aber offenbar ist er nicht in der Lage, die israelischen Hardliner und die palästinensischen Extremisten zu bewegen, aufeinander zuzugehen. Die Militanten auf beiden Seiten sprechen gelegentlich schon wieder von Krieg. Ist Ihr Mann letzten Endes nicht doch gescheitert?

Ägypten

Al-Sadat: Als wir 1977 mit der Friedenspolitik begannen, sah es schlimmer aus: befand sich im Kriegszustand mit Israel, auf dem Sinai errichtete Israel weiterhin Siedlungen - auf den ersten Blick eine hoffnungslose Lage. Israels Ministerpräsident Menachem Begin war ein strammer Nationalist und galt als kompromisslos. Doch wir gaben nicht auf, verhandelten hart und erreichten einen ehrlichen Frieden. Das wird diesmal nicht anders sein.

SPIEGEL ONLINE: Israel hat sich festgelegt - Jerusalem soll auf ewig israelisch bleiben.

Al-Sadat: Auch solche Positionen hat es schon einmal gegeben: Als wir damals mit den Israelis verhandelten, wollten sie partout die Küste am Golf von Akaba behalten; die Gespräche standen vor dem Scheitern. Aber der Bevölkerungsdruck auf beide Verhandlungspartner war bereits stark genug, um der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen. So wird es auch jetzt sein. Wenn erst wieder verhandelt wird, kommt es auch zu einer alle Seiten befriedigenden Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Was wird mit Jerusalem?

As-Sadat: Das arabische Ost-Jerusalem wird die Hauptstadt des unabhängigen Palästinenserstaates, das jüdisch besiedelte West-Jerusalem bleibt ohnehin bei den Israelis, darauf haben die Palästinenser niemals Anspruch erhoben. Hier werden viele Dinge als unverhandelbare Themen dargestellt, obwohl es sich dabei nur um Ausgangspositionen handelt. Am Ende der Verhandlungen wird das anders aussehen.

Benjamin Netanjahu

Menachem Begin

SPIEGEL ONLINE: Dennoch. Israel-Premier ist mindestens ebenso unnachgiebig wie und hat seine Kompromissgrenzen abgesteckt…

Al-Sadat: Ich weiß, wovon ich spreche: Netanjahu wird - wenn es hart auf hart kommt - genau wie sein Vorgänger 1979 Hürden aus dem Weg schaffen, die viele heute noch für unüberwindlich halten.

SPIEGEL ONLINE: Wird er die Siedlungen aufgeben oder die Siedler gar nach Israel zurückholen, wie es der britische Ex-Premier Tony Blair gerade vorgeschlagen hat?

Al-Sadat: Natürlich wird auch das Siedlerproblem gelöst. Das wissen auch die härtesten Betonköpfe. Die Lösungsmodelle sind bekannt. Nur muss jetzt der Anfang gemacht werden.

Hamas

SPIEGEL ONLINE: Die Palästinenser sprechen schon lange nicht mit einer Stimme, die Autonomieregierung und in Gaza liegen im Dauerclinch…

Al-Sadat: Auch Hamas wird mitmachen. Ich weiß sehr genau, dass sich da gegenwärtig viel bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten vermittelt zwar zwischen den Palästinensern …

Atomwaffen

Al-Sadat: … aber auch zwischen Palästinensern und Israelis. Und mit Erfolg. Schon bald wird es wieder einen palästinensischen Ansprechpartner geben, der von den ausschlaggebenden Verhandlungspartnern akzeptiert wird. Ich bin mir sicher, dass ich es noch erleben werde, wie Anwar al-Sadats Friedenstraum Wirklichkeit wird. Je härter und martialischer sich die Verhandlungsteilnehmer von morgen geben, umso stärker wird der Druck der Völker. Einen Krieg jedenfalls wird es nicht mehr geben können. Die aktuellen Drohgebärden sind so nicht ernst zu nehmen, und mit wird sich in diesem Teil der Welt jedenfalls auch niemand die Finger verbrennen. Der Frieden kommt, er ist heute näher denn je.

Das Interview führte SPIEGEL-Korrespondent Volkhard Windfuhr in Kairo. Er traf die Ex-First-Lady Ägyptens am Ort des Attentats auf ihren Mann.