Nahost-Konflikt Libanon fordert Waffenruhe
Beirut - Die zweite Angriffswelle auf den Süden der libanesischen Hauptstadt begann pünktlich zum Nachmittagsgebet. Knapp vor halb fünf libanesischer Zeit schlugen die israelischen Kampfflieger zu: Das dumpfe Dröhnen der Einschläge in der Ferne legte sich unter die "Allah-u-Akbar"-Rufe von den vielen Minaretten. Wie schon am Freitag bombardierte die israelische Luftwaffe das Hauptquartier der schiitischen Hisbollah im vier Kilometer südlich des Zentrums gelegenen Stadtteil Haret Hreik.
Erstmals wurde auch die Zentrale der militanten sunnitischen Hamas angegriffen. Während der an Israel angrenzende Süden des Vier-Millionen-Einwohner-Landes schon am Morgen zum Ziel heftiger Luftangriffe wurde, verbrachten die Beiruter Bewohner einen ruhigen Vormittag. Waren die Straßen im Viertel rund um die Haupteinkaufsmeile Hamra am Freitag noch völlig verwaist, so wagten sich die Menschen am Morgen wieder auf die Straßen. Wie in der Nacht waren bis kurz vor halb zwei Uhr keine Einschläge zu hören gewesen.
In den Läden bildeten sich lange Schlangen. Literweise Wasser, Brot und andere Grundnahrungsmittel gingen über die Ladentische. Auch an den Tankstellen war Geduld gefragt: Um die schon seit den Angriffen auf zwei Kraftwerke überall in Betrieb befindlichen Generatoren am Laufen zu halten und genügend Sprit für eine mögliche Flucht zu haben, decken sich die Menschen ein. In manchen Teilen Beiruts war die Stromversorgung am Freitag mehr als zwölf Stunden unterbrochen, auch am Samstag kam es zu Ausfällen.
Am vierten Tag des neuen Libanon-Krieges rückt eine Eindämmung des Konflikts in immer weitere Ferne. Wieder wurde der Beirut-Damaskus-Highway bombardiert, Ziele waren außerdem Brücken und Straßen im ganzen Land, die eine Flucht für viele fast unmöglich machen.
Zielte die israelischen Führung bislang offenbar lediglich darauf ab, die militärische und politische Infrastruktur der Hisbollah ("Partei Gottes") von Generalsekretär Hassan Nasrallah zu zerschlagen, so weitete sie die Angriffsziele am Samstagnachmittag aus: Der nahe der Innenstadt gelegene Hafen kam unter Beschuss, ebenso die überwiegend von christlichen Libanesen besiedelte Küstenstadt Jounieh. Seit Beginn des durch die Entführung zweier israelischer Soldaten durch Hisbollah-Einheiten am Mittwoch ausgelösten Konflikts sind im Libanon schon mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen, weit über 200 wurden verletzt.
Derweil versuchen Tausende Flüchtlinge, sich in Sicherheit zu bringen. Am zentralen Busbahnhof Beiruts, Charles Helou, kam es bereits am Freitag zu tumultartigen Szenen, als syrische Gastarbeiter und viele Libanesen versuchten, auf fahrende Busse aufzuspringen. Und auch die Ausländer fliehen: Mehr als hundert Deutsche hätten das Land seit Freitag verlassen, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Gemeinsam mit der Deutschen hatte die Schweizer Botschaft am Freitag einen Konvoi Richtung Damaskus auf den Weg gebracht: 54 Schweizer und 30 Deutsche erreichten am Samstagmorgen die syrische Hauptstadt. Die italienische Botschaft evakuierte 410 Menschen, die Mehrheit davon Italiener und andere Europäer.
Nach Angaben eines syrischen Zollbeamten haben seit Freitag etwa 18.600 Touristen die libanesisch-syrische Grenze passiert. Der Flughafen von Beirut ist nach den israelischen Luftangriffen der vergangenen Tage geschlossen. In den USA bereiten Pentagon und State Department bereits Evakuierungspläne für Ausreisewillige unter den rund 25.000 im Libanon lebenden US-Amerikanern vor.
Angaben des US-amerikanischen Think Tanks Stratfor zufolge sollen Einheiten der sechsten Flotte der US-Navy die Evakuierung durchführen. "Die Marines würden nicht einen Moment länger in Beirut bleiben als absolut notwendig und nur von gesicherten Landezonen für Hubschrauber nahe der Botschaft in Akwar operieren", sagte ein Stratfor-Mitarbeiter SPIEGEL ONLINE.
Ein der Hisbollah zugerechneter Anschlag auf das Marines-Hauptquartier während des Libanon-Krieges im Oktober 1983 forderte 241 Menschenleben, bereits im April des Jahres starben 63 Mitarbeiter der US-Botschaft bei einem Selbstomordattentat, für das der Islamische Dschihad die Verantwortung übernahm.
Allen Mäßigungsappellen von Uno-Diplomaten und politischen Führern zum Trotz eskaliert der Luftkrieg im Libanon weiter. Nach Reuters-Angaben kamen 20 aus dem südlibanesischen Dorf Marwahin fliehende Bewohner, darunter 15 Kinder, am Vormittag ums Leben. Tote und Verletzte auch im Norden und Osten des Landes: In der Küstenstadt Tripoli, die erstmals bombardiert wurde und bei Raketeneinschlägen auf die Hauptstraße zwischen Beirut und Damaskus.
Die auf einen sofortigen Waffenstillstand drängende Regierung von Premierminister Fouad Siniora gerät immer weiter unter Druck. Heute forderte Siniora einen sofortigen und vollständigen Waffenstillstand unter Aufsicht der Vereinten Nationen. Israel müsse die "kollektive Bestrafung" seines Volkes beenden, sagte der Regierungschef in einer landesweit übertragenen Ansprache.
Schon jetzt sieht sie sich in der schwierigen Lage, zwei Hisbollah-Minister in ihren Reihen zu haben, den eigenen Koalitionspartner aber nicht zum Einstellen des Katjuscha-Raktenbeschusses auf Israel bewegen zu können.
Auch die Angriffe auf das mehrheitlich christlich bewohnte, nur zwanzig Kilometer nördlich von Beirut gelegene Jounieh birgt enorme innenpolitische Sprengkraft unter sich: Der anhaltende Beschuss Israels und die als Alleingang empfundene Entführungsaktion der Hisbollah wird in christlichen Kreisen heftig kritisiert. Generalsekretär Nasrallah habe dafür gesorgt, die gesamte libanesische Bevölkerung zur Geisel ihrer Politik zu machen.