Nahost: Massenexodus aus Beirut - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nahost Massenexodus aus Beirut

Hubschrauber sind im Einsatz, Bus-Konvois fahren Richtung Syrien, Schiffe sind unterwegs für den Exodus aus dem Libanon: Westliche Regierungen haben Expertenteams nach Beirut geschickt, um die Ausreise ihrer Bürger zu organisieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beirut - Hunderte europäischer Ausländer haben heute mit der Ausreise aus dem Libanon begonnen. Am frühen Morgen haben mehrere Busse mit Niederländern Beirut Richtung Syrien verlassen. Da die Schnellstraße nach Damaskus stark beschädigt ist, müssen sie Umwege in Kauf nehmen. Später sollen Briten und Franzosen zu Schiffen im Hafen von Jounieh, im Norden Beiruts, gebracht werden.

Großbritannien brachte bereits per Helikopter mehr als 40 Briten und weitere EU-Bürger in Sicherheit. Darunter seien vor allem Frauen und Kinder gewesen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in London. "Die Hauptevakuierung hat noch nicht begonnen", sagte der Sprecher. Es werde geschätzt, dass insgesamt bis zu 10.000 Briten aus dem Libanon fliehen wollen.

Für die Evakuierung sei eine Sondereinsatzgruppe mit Hubschraubern nach Beirut geflogen worden. Zwei britische Militärschiffe wurden vor die libanesische Küste beordert. Sie sollen eine eventuelle große Evakuierungsaktion unterstützen.

In Stockholm trafen unterdessen zwei Flugzeuge mit zusammen fast 300 schwedischen Bürgern ein, die aus dem Libanon nach Damaskus geflüchtet waren. Schätzungsweise weitere 700 Schweden warteten noch in Syrien auf eine Möglichkeit zur Heimreise, hieß es.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes haben bereits 200 Deutsche den Libanon auf dem Landweg verlassen. Seit Freitag seien drei Konvois organisiert worden, mit denen Deutsche das Land in Richtung Syrien verlassen hätten, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes gestern. Für die kommenden Tage seien weitere Konvois geplant. Es sei schwer abzuschätzen, wie viele Deutsche momentan den Libanon verlassen wollten, sagte die Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Vor den Angriffen hätten sich rund 1100 Deutsche im Land befunden, etwa 500 von ihnen mit doppelter Staatsangehörigkeit.

EU verlangt Sicherheitsgarantien

Die Europäische Union forderte von Israel Sicherheitsgarantien, damit EU-Bürger aus dem Süden nach Beirut gelangen könnten, ohne dabei in Angriffe zu geraten. Der finnische Außenminister Erkki Tuomioja, dessen Land in diesem Halbjahr den Vorsitz im Rat der EU-Regierungen führt, steht nach eigenen Worten gemeinsam mit anderen Kollegen deshalb in Kontakt mit der israelischen Regierung, um "klare Garantien" zu erhalten, dass diese Menschen nicht in Gefahr seien.

Seit Freitagabend gilt eine offizielle Reisewarnung für den Libanon. Deutsche in schiitischen Stadtvierteln im Süden Beiruts sollten prüfen, ob sie bei Verwandten oder Bekannten in sicheren Wohngebieten Zuflucht suchen könnten, heißt es darin. Deutschen in anderen Gebieten des Landes werde empfohlen, an ihrem Aufenthaltsort zu bleiben und Reisen zu vermeiden. Es werde davon abgeraten, sich in der Nähe von Flughäfen, Kraftwerken, Verkehrsknoten oder Stützpunkten der Hisbollah aufzuhalten. In Israel rät das Auswärtige Amt vor Reisen in den gesamten Norden einschließlich der Stadt Haifa und der Umgebung des See Genezareth ab.

Israel hatte eine Offensive im Libanon gestartet, nachdem die radikal-islamische Hisbollah am Mittwoch zwei israelische Soldaten verschleppt hatte. Beim schwersten Raketenangriff der Hisbollah seit mehr als zehn Jahren wurden gestern in der israelischen Hafenstadt Haifa mindestens acht Menschen getötet.

Die israelische Armee verstärkte heute den Artilleriebeschuss von Zielen im Südlibanon. Israelische Rundfunksender berichteten, das Artilleriefeuer solle Raketen-Abschussrampen der Hisbollah aus dem Grenzbereich verdrängen. Dabei konzentriere sich die Armee auf getarnte Rampen in libanesischen Dörfern, hieß es. Gestern hatte Israel Flugblätter über Dörfern im Süden des Landes abgeworfen und die Einwohner zur Flucht aufgefordert. Im Libanon halten sich auch etwa 25.000 US-Amerikaner und 40.000 Kanadier auf.

hen/dpa/AP/Reuters

Mehr lesen über