Nahost: Neue Krawalle am Tempelberg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nahost Neue Krawalle am Tempelberg

Schon morgen kommen Israelis und Palästinenser möglicherweise zu einem Nahost-Gipfeltreffen zusammen. Am Jerusalemer Tempelberg gab es unterdessen neue Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und jungen Palästinensern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jerusalem - Ein Großaufgebot von Polizisten stellte sich Palästinensern in den Weg, die zum Freitagsgebet in der Al-Aqsa-Moschee wollten. Alle Männer unter 45 Jahren wurden an den Absperrungen zurückgewiesen. Dabei gingen Polizisten mit dem Schlagstock gegen junge Palästinenser vor, die dennoch versuchten, auf den Tempelberg zu gelangen. Die Polizisten wurden mit Steinen und Flaschen beworfen. Mindestens zwei Palästinenser wurden bei den Zusammenstößen verletzt.

"Sie erlauben mir nicht, in die Moschee zu gehen und zu beten", sagte der 29 Jahre alte Abu Abdullah Sahir. "Nach allem, was schon geschehen ist, macht mich das sehr wütend." Nach seinen Luftangriffen auf Palästinenser-Gebiete hatte Israel die Sicherheitskräfte in Jerusalem massiv verstärkt, um auf arabische Proteste nach dem moslemischen Freitagsgebet vorbereitet zu sein. Tausende Polizisten seien am Morgen nach Jerusalem und vor allem in die Altstadt verlegt worden, teilte die Polizei mit. Außerdem beginnt am Abend ein jüdischer Feiertag, das so genannte Laubhüttenfest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert.

Arafat: "Aggression gegen unser Volk"

Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern war am Donnerstag eskaliert. Israelische Kampfhubschrauber griffen Gebäude der palästinensischen Sicherheitskräfte in Ramallah im Westjordanland und in Gaza-Stadt an. Israel sprach von einer Vergeltungsaktion für die Ermordung zweier israelischer Reservisten durch eine aufgebrachte Menschenmenge in Ramallah. Ministerpräsident Ehud Barak wies palästinensische Vorwürfe, Israel führe Krieg gegen die Palästinenser, als Unsinn und Propaganda zurück.

Die Bemühungen um eine politische Lösung dauerten an. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Schimon Peres kündigte im US-Nachrichtensender CNN an, es gebe möglicherweise schon am Samstag in Kairo einen neuen Nahost-Gipfel. Palästinenser-Präsident Jassir Arafat sagte jedoch nach Angaben von Diplomaten bei einem Gespräch mit dem britischen Außenminister Robin Cook in Gaza-Stadt, vor einem Gipfeltreffen mit Barak müsse die "Aggression gegen unser Volk" beendet werden. Arafat habe sich der Idee eines Gipfeltreffens gegenüber aber aufgeschlossen gezeigt.

Arafat habe die Festnahme der Palästinenser angeordnet, die an der Ermordung der israelischen Soldaten in Ramallah beteiligt gewesen seien, berichtete Cook. Wenn es in den kommenden 24 Stunden keinen "großen Zwischenfall" gebe, sei ein Treffen zwischen Arafat und Barak möglich. Ägyptens Staatsoberhaupt Husni Mubarak hatte sich zuvor bereit erklärt, ein Gipfeltreffen der beiden mit US-Präsident Bill Clinton auszurichten, sofern Israel seine militärischen Angriffe gegen die Palästinenser beende.

Barak nahm am Freitagmorgen mit Oppositionschef Ariel Scharon Gespräche über die Bildung einer Notstandsregierung auf. Scharon gilt als entschiedener Gegner der von Barak betriebenen Nahost-Friedenspolitik und hat bisher einen Eintritt in Baraks Regierung abgelehnt. Sein Besuch auf dem Tempelberg am 28. September war der Auslöser der palästinensischen Proteste. Bei Zusammenstößen zwischen israelischen Sicherheitskräften und Palästinensern wurden seither mindestens 97 Menschen getötet, die meisten Palästinenser und arabische Israelis.

Mehr lesen über