Nepal nach dem Massaker: War es ein Mordkomplott? - DER SPIEGEL
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Nepal nach dem Massaker War es ein Mordkomplott?

Die Lage in Nepal ist wenige Tage nach dem Königsmord weiter angespannt. Das Rätselraten über die Hintergründe geht indes weiter. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Nepal-Experte Karl-Heinz Krämer die Auswirkungen des Massakers auf die politische Situation in dem kleinen Himalajastaat.
Von Marion Kraske
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Katmandu/Hamburg - Nach der brutalen Ermordung der Königsfamilie versucht der neue König Gyanendra Bir Bikram Shah die Lage im Land zu stabilisieren. Der Umgang mit dem Massaker legt jedoch nahe, dass "da etwas vertuscht werden soll", sagt Karl-Heinz Krämer vom Südasien-Institut der Universität Heidelberg. Es gebe kaum Informationen darüber, wer außer der Königsfamilie an dem Abendessen im Palast teilnahm, in dem sich die Massenerschießung ereignete. Für "unglaubwürdig" hält der Nepal-Forscher die zunächst von Gyanendra verbreitete Version, wonach das Unglück ein Unfall war. Mit ihr habe man lediglich versuchen wollen, das Volk zu beruhigen.

Gerade die widersprüchlichen Aussagen über die Bluttat und die mangelnde Aufklärung sind es jedoch, die die Nepalesen weiterhin auf die Straßen treiben. Viele von ihnen glauben nicht an die offizielle Version, wonach der bisherige Kronprinz Dipendra der Täter war. Um Unruhen zu vermeiden, erließ der neue König auch in der vergangenen Nacht eine Ausgangssperre. Dabei nahm die Polizei mehr als 500 Menschen fest, 25 weitere wurden verletzt, als Sicherheitskräfte eine Demonstration auseinander trieben.

Gyanendra - Gegner der konstitutionellen Monarchie ?

Gyanendra hatte den Thron am Montag bestiegen, nachdem Dipendra im Koma seinen schweren Verletzungen erlegen war und die Thronfolge damit an ihn überging. Der neue Monarch genießt nach Angaben des Nepal-Experten in der Bevölkerung jedoch bislang keinen Rückhalt - im Gegenteil. Das Volk steht ihm äußerst skeptisch gegenüber. Er werde erst versuchen müssen, das Vertrauen der Nepalesen zu gewinnen, beschreibt Krämer den schwierigen Start Gyanendras. Während der bisherige König Birendra als fortschrittlicher Monarch die seit etwa zehn Jahren bestehende Demokratie im Lande vorbildlich respektierte, gilt sein Bruder eher als konservativ. "Politisch ist Gyanendra bislang allerdings kaum ist Erscheinung getreten", so Krämer. Bei der Einführung der Demokratie 1990 soll sich der heute 54-Jährige jedoch nicht besonders erfreut über das Ende der absoluten Monarchie gezeigt haben.

Was findet die Kommission heraus ?

Massaker wie das vom Wochenende finden sich in der nepalesischen Geschichte immer wieder, berichtet der Asien-Experte. Dass sich eine solche Tat innerhalb der Königsfamilie abspielt, sei jedoch äußerst "ungewöhnlich". Entscheidend für die weitere Entwicklung im Land dürfte daher auch der Bericht der Kommission sein, die das Massaker untersuchen soll. Insgesamt kamen dabei nach offiziellen Berichten zehn Menschen ums Leben - neben dem König und seiner Gattin auch die beiden Söhne des Herrscherpaares sowie der jüngere Bruder des Königs. Inoffizielle Quellen sprechen gar von mehr als 80 Toten.

König Gyanendra befindet sich in einer Zwickmühle. Denn nach Einschätzung von Krämer gibt es nur zwei mögliche Erklärungen für die Tragödie. Sollte die Kommission tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass der ebenfalls verstorbene und in der Bevölkerung äußerst beliebte Thronfolger Dipendra seine Familie umbrachte, weil seine Eltern seine zukünftige Braut nicht akzeptierten, wird das laut Krämer zu weiteren Unruhen in der Bevölkerung führen. "Die Öffentlichkeit wird das nicht wahrhaben wollen", sagt der Nepal-Kenner voraus.

Zieht Gyanendra die Strippen im Hintergrund?

Nicht auszuschließen ist aber auch, dass das Massaker das Ergebnis eines Komplotts ist, an dem Gyanendra selbst oder sein Sohn Paras beteiligt waren. Entsprechende Gerüchte machen inzwischen in der Hauptstadt Katmandu die Runde. Dabei wird auch darauf verwiesen, dass Vater und Sohn nicht bei dem Abendessen im Kreise der Königsfamilie anwesend waren.

Auch ohne diese Vorwürfe stößt Paras in der Bevölkerung auf heftige Ablehnung - machte er doch bislang weniger politisch denn als Verkehrsrowdy von sich reden. Bei einem Autounfall soll er gar einen Menschen getötet haben - ohne dass gegen ihn ermittelt wurde. Wohlweislich verzichtet Gyanendra noch darauf, Paras als künftigen Thronfolger zu benennen, um in der ohnehin angespannten Lage keine neuen Unruhen zu provozieren. Da mit dem Massaker nahezu die ganze Linie der Familie Shah ausgelöscht wurde, bleiben nur Gyanendra und Paras als Nutznießer der Tat. Ein mögliches Motiv also?

"Sollte sich das bewahrheiten, wäre die Legitimation für Gyanendras Herrschaft dahin und die Monarchie Nepals wäre am Ende", sagt Krämer - und mit ihr ein zentraler Stabilitätsfaktor des Landes. Denn die junge Demokratie hat sich, so der Nepal-Experte, in den vergangenen zehn Jahren nicht zum Besten entwickelt. Korruptionen seien auch auf höchster Ebene an der Tagesordnung. Zudem war die politische Großwetterlage mit mehr als zehn Regierungen äußerst instabil. "Die Monarchie", erklärt Krämer, war dagegen der Fels in der Brandung, "das Symbol der Einheit". Zerfällt sie, sieht der Himalajastaat unruhigen Zeiten entgegen.