Nervosität im Irak Sprich oder stirb
Bagdad - Nun versuchen es die USA mit einem Zusammenspiel von der Verlockung einer baldigen Machtübergabe und Härte - oder Zuckerbrot und Peitsche: In der Nacht zum Freitag zerstörten amerikanische Soldaten in Bagdad ein Gebäude der früheren Republikanischen Garde des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein, in dem sie militante Gegner der Besatzungstruppen vermuteten. Bei Razzien in Saddams Heimatstadt Tikrit und in Mossul nahmen US-Truppen Dutzende mutmaßliche Guerillakämpfer gefangen.
Irakische Bauern werfen den US-Streitkräften vor, deren Soldaten hätten ihnen mit Zerstörung ihrer Häuser gedroht, wenn sie den USA keine Informationen über irakische Widerständler gäben. Die US-Armee wies die Vorwürfe zurück.
Sieben Bauern berichteten der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag über das Vorgehen der amerikanischen Soldaten: "Sie kamen hierher und forderten uns auf, ihnen zu helfen, Widerstandskämpfer zu fangen. Sonst würden ihre Flugzeuge unsere Häuser zerstören und wir würden festgenommen", sagte Achmed Mohammad. Die Bauern zeigten bei ihren Vorwürfen auf Schrapnell-Stücke in ihren Feldern, die von Mörserangriffen der US-Truppen auf vermutete Widerständler stammten.
Ein Sprecher des US-Militärs wies die Vorwürfe zurück, dass US-Truppen Bauern mit Drohungen zur Kooperation gegen Widerständler bewegen wollten. "In dieser Gegend sind einige Leute dem früheren Regime gegenüber sehr loyal", sagte Oberstleutnant George Krivo. "Nur weil sie das sagen, ist es nicht wahr." Die Bauern sollten sich bei den zuständigen Stellen beschweren. "Wenn es wahr wäre, würden wir uns der Sache annehmen."
Bei einem Hubschrauberangriff in der Nähe von Tikrit wurden sieben Iraker getötet, die nach US-Angaben offenbar einen Anschlag auf einen Stützpunkt der Besatzungstruppen planten. Ein Iraker sei verletzt worden, ein weiterer mutmaßlicher Saddam-Anhänger, teilte eine US-Sprecherin mit. In der Region seien mehr als 600 Granaten und Raketen sichergestellt worden.
Die Angriffe waren nach Armeeangaben Teil der Operation "Iron Hammer" (Eiserner Hammer) gegen irakische Freischärler, die 156 US-Soldaten getötet haben, seit Bush am 1. Mai das Ende der Hauptkampfhandlungen erklärte.
Bei Balad, 70 Kilometer nördlich von Bagdad, erschossen Bewaffnete am Freitag einen amerikanischen Geschäftsmann und verletzten einen zweiten. Die beiden waren in einem Autokonvoi unterwegs. Beim Versuch, eine im Nordwesten von Bagdad am Straßenrand platzierte Bombe zu entschärfen, wurden Augenzeugen zufolge drei US-Soldaten verletzt. Die Amerikaner sperrten die Straße und riefen die Anwohner über Lautsprecher dazu auf, die Fahndung nach den Tätern zu unterstützen. Auf Flugblättern wurde für Hinweise auf Aufständische eine Belohnung von 10.000 Dollar in Aussicht gestellt.
Vor seiner Ankunft in Japan bekräftigte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dass die Besatzungstruppen den Widerstand brechen würden. "Es gibt keine Entscheidung, früh abzuziehen", sagte Rumsfeld bei einem Zwischenstopp auf der US-Pazifikinsel Guam. Wenige Stunden vor seinem Treffen in Tokio mit dem japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi nannte Rumsfeld die Lage im Irak als nicht überraschend.
Für die Angriffe machte er erneut Terroristen und Anhänger Saddams verantwortlich. Diese wollten den USA eine Lehre erteilen. "Aber die Frage ist: Wer wird den anderen überleben. Und die Antwort ist: Wir werden sie überleben", sagte Rumsfeld.
Ein Sprecher des irakischen Übergangsrates nahm die Pläne für einen strategischen Kurswechsel der USA mit Zurückhaltung auf. "Wir haben unsere eigenen Vorstellungen", sagte der kurdische Vertreter Mahmud Othman am Freitag in Bagdad zur Ankündigung Bushs, die Übergabe der politischen Verantwortung an die Iraker zu beschleunigen. In Bagdad kehrte am Freitag der amerikanische Zivilverwalter Paul Bremer von Krisengesprächen in Washington zurück. "Wir werden Bremer zuhören, und er wird uns zuhören", sagte Othman.