Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,
Ressortleiter und Chefredakteure treffen sich jeden Tag hier im SPIEGEL zu einer Sitzung, die wir "Lage" nennen. Der Begriff stammt aus Militär und Politik: "kleine Lage", "große Lage", "Lagebesprechung". Nein, keine Sorge, wir bilden uns nicht ein, Generäle oder Kabinettsmitglieder zu sein, wir haben den Begriff von unseren Altvorderen geerbt und mögen ihn deswegen gern. Eine Kollegin oder ein Kollege trägt bei diesen Sitzungen die neuesten Nachrichten vor, wir nennen das "Lage halten". Ein Redakteur aus dem Deutschlandressort war am Mittwochmorgen dran, er begann mit den Worten: "Die Lage ist schlecht." Er meinte die Lage der Welt, den Kampf um Aleppo, die Ausfälle von Trump, den Vormarsch der Taliban in Afghanistan, die Beschimpfungen in Dresden. Wir sprachen über das Gefühl, dass alles ins Rutschen zu geraten scheint, wir sprachen auch über unsere eigene Rolle. Wir können, da wir eben keine Generäle und Kabinettsmitglieder sind, das Rutschen nicht direkt aufhalten, aber wir können die Gründe aufzeigen, die das Rutschen verursachen - wir können die Lage schildern. Es gibt den Satz, Journalismus sei ein "Rohentwurf der Geschichtsschreibung". Unsere neue Titelgeschichte "Der Weltmachtkampf" über den Krieg in Syrien ist mehr als nur ein Rohentwurf. Sie analysiert die Motive der Akteure und beschreibt, dass auch dieser Weltkonflikt, wie alle Weltkonflikte, aus einer brandgefährlichen Mischung aus Handeln und Nichthandeln entsteht: Hier die Akteure Assad und Putin, dort ein Zauderer namens Obama.
SPIEGEL-Redakteur Christoph Reuter spricht in diesem Film über die globalen Auswirkungen des Syrienkonflikts.
Kleine Lage
Die Lage der Welt ist schlecht, das nimmt uns mit, aber wir kennen diese Momente, da tritt die Welt zurück, da wird das Kleine groß. Es wird schrecklich groß. Es raubt einem den Nerv, es kann nicht wahr sein, es ist so so unnötig, und woher soll man denn die Zeit nun auch dafür noch nehmen? Es geht hier natürlich um Haushaltsgeräte. Kaputte Haushaltsgeräte. Zwei Männer aus unserer Redaktion widmen sich im neuen Heft heldenhaft diesem Thema. Unser Kolumnist Alexander Osang schildert seinen aussichtslosen Kampf um die Wiederherstellung der häuslichen Geschirrspülmaschine. Mein Kollege Martin Müller hat einen Verbraucheraktivisten gesprochen, der der Industrie vorwirft, technische Geräte bewusst schlecht zu verarbeiten, damit sie schnell kaputtgehen. Der Rat des Aktivisten führt dazu, dass wir die Schuld leider nicht ganz auf die Hersteller abschieben können: Wir dürften, sagt er, nicht sparen an Waschmaschinen: "Wer billig kauft, kauft teuer."
Sepp Eisenriegler, Geschäftsführer des Reparatur- und Servicezentrums Wien, erklärt in diesem Film anhand eines TV-Netzteils, warum die Produktion billiger Elektrogeräte ein Nachteil für die ganze Welt ist - und führt vor, wie er Geräte haltbar macht.
Aussortierte Haushaltsgeräte
Foto: Christian Charisius/ dpaDunkel und hell
Die Lage ist schlecht - die große, die kleine -, wir berichten im neuen Heft über Polizeibeamte, die Sympathien für rechte Populisten hegen, über Tierquälerei in Ställen von Bauernfunktionären, über den Kampf um Kunduz, über Liebespaare, die den Tod als Mittel der Trennung wählen, aber wir blicken auch auf das Helle und Schöne: Haruki Murakami, Favorit für den Literaturnobelpreis, erzählt in einem seiner seltenen Interviews über die Freuden des Schriftstellerberufs: "Wenn ich schreibe, kann ich meine Träume einfangen." Und mein Kollege Thomas Hüetlin hat den Pop-Art-Maler David Hockney in dessen Haus getroffen und dort erlebt, wie der Künstler kleine und große Krisen übersteht: "Keep calm and carry on smoking." Ruhig bleiben, weiter rauchen.
Verlierer des Tages...
und nicht nur des Tages, das ist der deutsche Fußballer Sergej Evljuskin. Über ihn gibt es im neuen SPIEGEL ein Porträt, das beschreibt, wie es kommen konnte, dass eines der größten Talente nun in der vierten Liga kickt, während seine Mitspieler von früher - Boateng, Özil, Höwedes - inzwischen Weltmeister sind. Anders als im Märchen, das ist die Moral dieser wahren Geschichte, sind es eben leider oft die guten Seiten eines Menschen, die dafür sorgen, dass die Dinge schiefgehen. "Sergej wollte niemandem wehtun", sagt sein ehemaliger Trainer.
Sergej Evljuskin
Foto: imagoIhnen ein schönes Wochenende und eine anregende Lektüre unseres neuen Hefts,
Ihre
Susanne Beyer