Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,
seit rund zwei Wochen ist Donald Trump nun Präsident der Vereinigten Staaten, und es tut körperlich weh, die Erkenntnisse dieser ersten Tage hinzuschreiben: Der Präsident der USA ist ein pathologischer Lügner. Der Präsident der USA ist ein Rassist. Er versucht den Staatsstreich von oben, er will die illiberale Demokratie oder Übleres etablieren, er will die Gewaltenteilung aushöhlen.
Mit seinem Regierungsstil, den Dekreten, den Ernennungen und Entlassungen spaltet er Washington und den Rest des Landes. Wie Trumps innerer Zirkel aussieht und funktioniert, wie groß die Verunsicherung bei den Regierungsbeamten ist, all das beschreibt unsere Titelgeschichte. Sie beleuchtet auch die Rolle Stephen Bannons - jenes ehemaligen Chefs der rechten Nachrichtenplattform Breitbart News, der nun Trumps Mephisto ist, sein Chefideologe, der Strippenzieher im Weißen Haus. Bannon liebt übrigens Kriege sehr, und er hält Kriege für durchaus nützlich.
Trump, Bannon
Foto: Mandel Ngan / AFPFür die Titelgeschichte traf Washington-Korrespondent Gordon Repinski Regierungsbeamte, die über ihre Sorgen und Gewissensbisse redeten. "Sie überlegen, ob es richtiger wäre, aus der Regierung auszuscheiden oder von innen Widerstand zu leisten", sagt Repinski. Mein Kollege Peter Müller sprach in London mit Ted Malloch, der als Trumps Favorit für den Posten des EU-Botschafters gilt: ein Mann, der den Brexit lobt und den Kollaps des Euro prognostiziert.
Die Bedrohung wird sich nicht selbst beseitigen. Die deutsche Wirtschaft ist der Gegner der amerikanischen Handelspolitik, die deutsche Demokratie ist der weltanschauliche Gegner Donald Trumps, und mitten in Deutschland helfen ihm Rechtsextreme. Es ist an der Zeit, für das, was Bedeutung hat, einzustehen: Demokratie und Freiheit, den Westen und seine Bündnisse. Ausgerechnet Deutschland, die wirtschaftlich und politisch dominierende Demokratie Europas, wird die Allianz gegen Trump aufbauen müssen - da es ansonsten diese Allianz nicht geben wird. Sie wird aber nötig sein.
Das Titelbild dieser Ausgabe hat der Künstler Edel Rodriguez für uns gefertigt. Edel war neun Jahre alt, 1980, als er mit seiner Mutter aus Kuba in die USA kam, zwei Flüchtlinge, wie so viele andere. "Ich erinnere mich gut daran, wie sich Kinder fühlen, die ihre Heimat verlassen", sagte er am Freitagabend der "Washington Post", die über unser Titelbild berichtete ("This Der Spiegel Trump cover is stunning"). Meist zeichnet Edel Rodriguez den Präsidenten Trump ohne Augen, da ist nur dieser wütend aufgerissene Mund, und da sind die Haare. "Ich will nicht in einer Diktatur leben", sagt Edel Rodriguez, "wenn ich das wollte, würde ich in Kuba leben, da ist es wärmer."
Was erwartet Sie außerdem im kommenden SPIEGEL? Mein Kollege Martin Doerry hat sich mit der durchaus trostlosen Lage der Germanistik befasst. "Die Studienbedingungen waren in den Siebzigerjahren besser als heute", sagt Doerry, heute gehe es um Massenabfertigung. Mein Kollege Matthias Schulz beschreibt einen fantastischen Schiffsfriedhof im Nildelta: Thonis. 700 Anker und 72 Schiffe liegen dort versunken im Schlick.
Im Video: SPIEGEL-Redakteur Matthias Schulz über den antiken Hafen Thonis
Philipp Oehmke hat Dave Eggers getroffen, und Wolfgang Höbel hat T.C. Boyle befragt. Beide Schriftsteller reden über das Thema, das die Welt bewegt, natürlich: Trumps Amerika. "Die Welt muss zittern", sagt Boyle.
Wie stark ist der "Islamische Staat " noch? Welche Macht hat er in Europa, und welche ist ihm in seiner Heimat geblieben? Im Irak dürfte sich diese Frage in Mossul klären, seit drei Jahren regiert von den Terroristen. Nach Monaten heftiger Kämpfe hat die irakische Armee einen Teil der Stadt befreit, "doch sie ist zerrissener denn je", sagt unser Reporter Jonathan Stock, der zusammen mit dem Fotografen Christian Werner vergangene Woche in Mossul unterwegs war. Als in der Nähe eine Granate einschlug, suchten Stock und Werner Schutz im Keller eines Hauses, das einem Geschäftsmann gehört. Der Übersetzer riet, nicht allzu lange zu bleiben, denn bei dem Mann handle es sich um einen ehemaligen Offizier Saddam Husseins, und eben diese Leute hätten den Aufstieg des IS ermöglicht.
Im Video: Irakische Eliteeinheit in Mossul - "Wir haben den IS zerstört"
Die Nachrichten der Nacht
- EU-Treffen auf Malta: Merkels Gipfelzauber ist dahin
- Küste vor Libyen: Helfer retten 1300 Menschen aus dem Meer
- Bundesliga: HSV siegt gegen Leverkusen
Gewinner der Woche...
Martin Schulz
Foto: HANNIBAL HANSCHKE/ REUTERS...ist Martin Schulz. Nein, man kann noch nicht sagen, ob der Trend nachhaltig sein wird, dazu ist es zu früh. Der Trend kann durchaus kippen, Schulz kann Fehler machen, und auch die Neugierde der Wähler und Wählerinnen kann nachlassen, all das ist möglich. Das politisch Aufregende ist allerdings, dass man es eben gerade nicht weiß. Monatelang lag die SPD bei knapp über 20 Prozent, einbetoniert, Sigmar Gabriel und seine Partei konnten tun, was sie wollten. Nun ist Schulz der Kandidat, und auf einmal liegt die SPD bei 28 Prozent. Und möglich ist eben auch, dass das so weiter geht. Im SPIEGEL-Gespräch fragten meine Kollegen Horand Knaup, Markus Feldenkirchen und ich den Kandidaten nach Donald Trump. Schulz sagte: "Solch eine Niedertracht! Solch ein Einreißen aller Grenzen, die man als Grundkonsens in der Demokratie braucht! Das verschlägt mir den Atem."
Ihnen eine erkenntnisreiche und unterhaltsame Lektüre und ein schönes Wochenende, herzlich Ihr
Klaus Brinkbäumer