Maastricht: Wahlkampf in Wilders' Heimat
Niederlande im Wahlkampf In Wilders' Herzland
Es riecht modrig im Weinkeller von Schloss Neercanne bei Maastricht, aber die Unterschriften auf der beigen Mergelsteinwand sehen frisch aus wie am ersten Tag. Helmut Kohl, François Mitterrand, Giulio Andreotti, Felipe González - sie alle haben sich mit Kohlestift verewigt am 9. Dezember 1991.
Zwischen eingemauerten Weinflaschen aus dem 19. Jahrhundert und im Schein Hunderter Kerzen debattierten die Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft über die Zukunft ihres Bündnisses. In der Nacht darauf beschlossen sie hier in Maastricht, die Europäische Union zu erschaffen. Und den Euro. Und die berüchtigten Maastricht-Kriterien, die manche Staaten bis heute ständig missachten.
"Die Politiker waren damals voller Hoffnung. Sie dachten, der Euro würde Europa einigen", sagt Camille Oostwegel, der Herr des Schlosshotels. "Aber die Menschen von heute haben dieses große Ziel vergessen." Nirgends wird das so deutlich wie hier an der Geburtsstätte des Euro. Denn die Provinz Limburg, deren Hauptstadt Maastricht ist, sie ist mittlerweile die Bastion von Geert Wilders: dem Feind der EU.
Geert Wilders
Foto: Michael Probst/ AP
Schon bei den vergangenen Europawahlen erkoren die Limburger die so genannte "Partij voor de Vrijheid" (PVV) des islamfeindlichen Rechtspopulisten mit knapp 21 Prozent der Stimmen zur stärksten Kraft. Auch wegen des Konflikts mit der Türkei könnte Wilders bei den niederländischen Wahlen am kommenden Mittwoch sogar 25 und 30 Prozent in seiner Heimatprovinz im Südosten der Niederlande abräumen: ausgerechnet der Mann, der propagiert, die Grenzen dicht zu machen, den Euro abzuschaffen, die Union zu verlassen.
Eigentlich müsste die Wiege des Euro eine Vorzeigeregion des vereinten Europa sein. Limburg ist ein schmaler Streifen am Rande der Niederlande, eingeklemmt zwischen Deutschland und Belgien, aber mitten in Europa. Wer über den Freitagsmarkt in Maastrichts schmucker Altstadt läuft, hört Flaneure Deutsch, Französisch und Flämisch sprechen. Aachen und Lüttich sind nur eine gute halbe Autostunde entfernt. Aber wenn man Besucher oder Händler nach ihrer Meinung zur EU fragt, winken die meisten wortlos ab.
"Der Enthusiasmus für Europa ist weg"
"Es ist paradox", sagt Provinzgouverneur Theo Bovens. "Die Menschen hier finden es selbstverständlich, dass die Grenzen offen sind. Aber zugleich sind 40 bis 50 Prozent der Limburger europaskeptisch. Und die PVV ist hier eine große politische Kraft." Bovens, 57, Christdemokrat, Nickelbrille und Schnauzbart, residiert im Provinzhaus: einem massiven Backsteinbau auf einer Insel in der Maas. Hier wurde 1992 der Maastricht-Vertrag feierlich unterzeichnet. 25 Jahre danach sagt Bovens: "Der Enthusiasmus für Europa ist weg. Viele Bürger sehen in ihrem Alltagsleben keine Vorteile."
Hans-Dietrich Genscher (l.) und Theo Waigel (r.) unterzeichnen 1992 den Maastricht-Vertrag
Foto: epa/ picture alliance / dpa
So pendeln zurzeit nur etwa 13.000 der 1,1 Millionen Limburger zur Arbeit nach Deutschland oder Belgien. Das sind weniger Grenzgänger als vor 40 Jahren. Bovens zufolge liegt das vor allem an den unterschiedlichen nationalen Sozialversicherungs-, Steuer- und Gesundheitssystemen: "Wenn Europa diese administrativen Grenzen nicht abbaut, kriegt es ein Problem."
Auch bei der Bahn sind die Grenzen noch immer allgegenwärtig. Wer etwa von der 120.000-Einwohner-Stadt Maastricht mit dem Zug in die 240.000-Einwohner-Stadt Aachen reisen will, muss auf dem Weg zweimal umsteigen; die knapp 40 Kilometer kurze Fahrt dauert über eine Stunde. Die seit Ewigkeiten geplante Direktverbindung sollte eigentlich 2014 starten, aber sie verzögert und verzögert sich.
Wilders nutzt den Verdruss. Immer wieder macht der Politiker aus Limburgs zweitgrößter Stadt Venlo die "Eliten in Den Haag und Brüssel" verantwortlich für alle möglichen Probleme. Das kommt an bei den Frustrierten: in dieser Region ganz besonders, wenn Wilders im lokalen Dialekt spricht. Denn Limburg war schon immer Außenseiter der Niederlande: das Gegenteil der Randstad, dem dominierenden, protestantisch geprägten, liberalen, hochmodernen Ballungsgebiet rund um Amsterdam, Den Haag und Rotterdam. Limburg ist katholisch und konservativ, gilt als provinziell und rückständig.
Maastricht: Wahlkampf in Wilders' Heimat
Etwa fünf Jahrzehnte hat die Region gebraucht, um sich von der Schließung der Kohlezechen zu erholen. Mittlerweile hat sie den Strukturwandel geschafft. Autozulieferer, Chemiebetriebe und Universitäten haben sich angesiedelt, die Arbeitslosigkeit ist eine der niedrigsten im ganzen Land. Aber noch immer ziehen viele junge, gut ausgebildete Menschen weg in die Großstädte des Westens. Und bei denen, die bleiben, hat der Umbruch Narben hinterlassen. "Viele Limburger sind noch immer verunsichert und bangen um ihre Arbeit", sagt Mathieu Segers, der Dekan des University College Maastricht. "Sie fürchten, ihre Identität zu verlieren."
Theo Timmermans fühlt sich entwurzelt. "Früher gab es bei uns im Viertel mehr Zusammenhalt" sagt der 76-jährige Rentner und kratzt sich über die weißen Bartstoppeln. "Jetzt sind überall die Ausländer da." Timmermans steht vor einem Gemeindezentrum im Norden von Venlo, hier trifft er sich jeden Tag mit anderen Männern zum Schwatzen. Seit Jahrzehnten lebt er in diesem alten Arbeiterkiez, nur ein paar Gehminuten entfernt vom Reihenhaus, in dem Wilders aufwuchs. Timmermans' Leben war nicht aufregend, aber er hat es gemocht. Er ist Taxi gefahren, hat die Sozialdemokraten gewählt, und ab und an ist er Fußball gucken gegangen zum RKSV Venlo.
Verdruss, Enttäuschung und Neid
Den kleinen Klub aus dem Viertel gibt es nicht mehr. 2012 wurde das lokale Sportzentrum geschlossen. Wenig später mussten Timmermans und seine Frau aus ihrer Wohnung ausziehen, weil der Häuserblock renoviert wurde. In ihrer jetzigen Unterkunft müssten sie 600 Euro statt 400 Euro Miete zahlen, sagt Timmermans, und in seinem alten Haus würden nun vor allem Türken leben.
"Wenn die Migranten kommen, kriegen die sofort die neuen, guten Wohnungen." So sieht es Albert Drissen, 79 Jahre alt. Er ist im elektrischen Seniorenmobil zum Treffen gerollt. "Für die Ausländer tun die Politiker in Den Haag alles, aber für uns tun sie nichts." Genau dieses Bild einer dreigeteilten Gesellschaft impft Wilders seinen Zuhörern seit Jahren ein: Die Elite ganz oben verköstige die Migranten ganz unten. Und dafür bezahlen müsse der "normale Niederländer" in der Mittelklasse.
Die Wahrheit ist komplizierter. Beweise für die angebliche Bevorzugung der Fremden am Wohnungsmarkt hat Drissen keine. Und auf Nachfrage räumt er ein, dass er selbst von den Behörden 300 Euro Mietzuschuss bekommt sowie eine Pflegekraft, die ihn mit seinem kaputten Knie ständig betreut. Trotzdem ist er überzeugt: Unter einem Premier Wilders würde alles wieder gut, so wie früher. "Er setzt sich ein für uns Ältere. Und er sorgt dafür, dass weniger Migranten kommen. Meinetwegen können sie gerne alle Grenzen dicht machen." Keine zwei Kilometer Luftlinie weiter östlich beginnt Deutschland.
Doch die Schlagbäume werden so schnell nicht wieder aufgebaut. Denn Wilders hat kaum eine Chance, die Macht zu übernehmen. Seine Umfragewerte haben bis zum Ausbruch des Türkei-Konflikts geschwächelt; die Bilder steinewerfender Demonstranten vor dem türkischen Konsulat in Rotterdam könnten ihm nun noch mal Zulauf bringen. Doch selbst wenn es am Mittwoch extrem gut für ihn läuft, wird er kaum mehr als ein Viertel der Stimmen holen. Alle anderen großen Parteien haben eine Koalition mit ihm ausgeschlossen.
In der Opposition wird Wilders erst recht weiterhetzen: gegen Den Haag und gegen Brüssel, in Maastricht, Venlo und überall dort, wo viele Menschen nicht wissen, was sie von der EU haben.