Nordirland: Renaissance der Gewalt - DER SPIEGEL
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Nordirland Renaissance der Gewalt

Der Graben zwischen katholischen Republikanern und protestantischen Unionisten ist noch immer tief. Kurz vor Beginn der berüchtigten "Marching Season" fühlen sich die Radikalen auf beiden Seiten gestärkt. Der Friedensprozess ist deshalb in Gefahr - doch er wird mangels Alternativen weitergehen.
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London – Molotow-Cocktails, brennende Barrikaden und vermummte Streetfighter - für solche Bilder ist Belfast bekannt und berüchtigt. Doch nachdem es in den letzten Jahren kaum mehr zu Straßenschlachten zwischen katholischen Republikanern und protestantischen Unionisten gekommen war, regiert in der Hauptstadt Nordirlands seit zehn Tagen wieder die Gewalt. Es sind zumeist Jugendliche, die in den warmen Sommernächten in Nord-Belfast mit Steinen, Brandbomben oder gar Schusswaffen aufeinander losgehen - wenn sie nicht gemeinsam die Polizei und die britischen Soldaten attackieren.

Obwohl 1998 bei einer Volksabstimmung mehr als 70 Prozent für das Belfaster Abkommen votierten, mit dem der Friedensprozess vertraglich fixiert wurde, ist die Versöhnung zwischen Katholiken und Protestanten an der Basis noch nicht weit gekommen. Weiterhin werden in Belfast die streng nach Religionszugehörigkeit getrennten Stadtviertel von Milizen beherrscht, die tief in Schmuggel, Rauschgift- und Waffenhandel verstrickt sind. Nach wie vor kommt es auch zu Feme-Morden rivalisierender Paramilitärs. Und noch immer lockt der Macho-Mythos des bewaffneten Kampfs junge Männer. "Es liegt Romantik und Glamour in diesen Aktionen", weiß Anthony McIntyre, der sich mit 16 der Irish Republican Army (IRA) anschloss und in den terroristischen Untergrund ging.

Der Beginn eines langen heißen Sommers

Heute sieht der Ex-Terrorist McIntyre die Renaissance der Gewalt auf den Straßen Belfasts mit Sorge. Zumal eindeutige Indizien dafür vorliegen, dass die Unruheprovinz erst den Beginn eines langen heißen Sommers erlebt: Bei den Wahlen zum Unterhaus gingen Anfang Juni die radikalen Parteien auf beiden Seiten als Gewinner hervor. So konnte Sinn Fein, der politische Arm der IRA, die Zahl ihrer Sitze auf vier verdoppeln. Bei den Protestanten konnte die Democratic Unionist Party (DUP) des notorischen Sturkopfes Ian Paisley von zwei auf fünf Sitze zulegen, während die moderate Ulster Unionist Party (UUP) des Belfaster Regierungschefs David Trimble vier ihrer bislang neun Sitze verlor. Durch die Wahlen sehen sich die Hardliner auf beiden Seiten bestätigt.

Was weiterhin die Lage kompliziert: Sinn Fein und die IRA haben zwar im Belfaster Abkommen auf den Anschluss Nordirlands an die Republik Irland verzichtet, aber trotz gegenteiliger Verpflichtung noch keine einzige Waffe aus ihren gut gefüllten Arsenalen abgeliefert oder zerstört. Um Gerry Adams und seine Republikaner unter Druck zu setzen, hat Trimble schon im Mai seinen Rücktritt als First Minister der Allparteienregierung in Belfast angedroht, falls die IRA bis zum 1. Juli bei der Entwaffnung nicht endlich auch Taten vorweist. Doch abgesehen von gelegentlichen Inspektionen der Waffendepots durch unabhängige Kontrolleure haben sich die Republikaner in dieser für die Protestanten entscheidenden Frage noch keinen Zentimeter bewegt.

Sinn Fein pokert bis zur letzten Minute

Die Sinn-Fein-Politiker werten ihrerseits Trimbles Drohung als schlichte Erpressung und werden das Ultimatum einfach verstreichen lassen. Der riskant taktierende Friedensnobelpreisträger hat schließlich das gleiche Spiel schon einmal betrieben. Um seinem Rücktritt zuvorzukommen, hatte damals der Londoner Nordirland-Minister Peter Mandelson die Belfaster Regierung temporär suspendiert.

Jetzt weisen Experten in London zudem darauf hin, dass die nordirische Regierung auch ohne First Minister Trimble noch bis zum 12. August im Amt bleiben kann. Die Sinn-Fein-Führung, die vorzugsweise bis zur letzten Minute pokert, hat also noch ein paar Wochen Zeit, ein kleines Zugeständnis anzubieten. Ansonsten begründen die Republikaner ihr Zögern bei der Entwaffnung damit, dass die Reform der fast ausschließlich protestantischen nordirischen Polizei und der Abzug der britischen Truppen bisher auch kaum vorangekommen sind.

Die Polizei und die 13.500 in Ulster stationierten britischen Soldaten erwartet eine neue Bewährungsprobe, wenn am 8. Juli die traditionelle "Marching Season" beginnt, bei der die protestantischen Orden siegreicher Schlachten vor über 300 Jahren gedenken. Die Ewiggestrigen werden dann wieder versuchen, durch katholische Gebiete zu marschieren - was die Katholiken und die Polizei zu verhindern suchen werden. Neue Straßenschlachten sind garantiert.

Neid auf die boomende Republik Irland

Die Engländer, Schotten und Waliser sind schon lange des endlosen Bruderkriegs überdrüssig, der in den letzten 25 Jahren über 3600 Menschen das Leben kostete. Die BBC und die britischen Zeitungen berichten nur noch spärlich über das kontinuierliche Auf und Ab des Friedensprozesses, und auch für Premierminister Tony Blair ist das Vermitteln zwischen den verbohrten Parteien nur eine lästige Pflichtaufgabe.

Selbst die meisten Nordiren wollen längst Frieden, Stabilität und Wohlstand. Die unter Mangel an Investitionen und Arbeitslosigkeit leidenden Bewohner der Unruheprovinz blicken neidvoll auf die benachbarte Republik, die dank eines imposanten Booms mittlerweile das Vereinigte Königreich in punkto Lebensstandard zumindest eingeholt hat.

Was zum Glück die Popularität der Radikalen auf beiden Seiten und ihrer fossilen Führer in Grenzen halten wird: Sie haben keinerlei Alternative zum Friedensprozess anzubieten. Alles, was sie können, ist die Ängste in ihren Communities zu schüren und die tiefverwurzelte Irrationalität des scheinbar ewigen Konflikts weiter auszubeuten. Das wissen manche Aktivisten offenbar auch selbst. "Diejenigen, die verstehen, brauchen keine Erklärung", heißt ein berühmtes Grafitto an der von Katholiken bewohnten Falls Road in Belfast. "Und denen, die nicht verstehen, lässt es sich nicht erklären."