Nordisrael: Ein Leben im Bunker - DER SPIEGEL
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Nordisrael Ein Leben im Bunker

Wer gehen kann, der hat den Norden Israels bereits verlassen. Wer im Zielgebiet der Hisbollah-Raketen bleibt, haust in Geisterstädten. In Bunkern, zwischen stetem Alarm und zehrender Langeweile. Die Einwohner wissen, dass dies noch sehr lange dauern kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Naharia - Katjuscha hin, Katjuscha her, unten ist es Hamwa Shoshan einfach zu heiß. Schwül und feucht hängt der Geruch von zu vielen Menschen in dem 14 Quadratmeter großen Kellerraum gleich an der Strandpromenade von Naharia. Matratzen liegen an den weiß getünchten Wänden. Zwei Ventilatoren kämpfen erfolglos gegen den Gestank. Hamwa Shoshan kann den Raum einfach nicht mehr sehen, sagt sie. Ja, Angst hat sie schon. Trotzdem hockt sie lieber mit Freundin Rachel vorm Eingang.

Viel zu sehen gibt es nicht vor dem Bunker mit der Registriernummer 516. Die sonst belebte Strandpromenade von Naharia, eine von Deutschen gegründete Siedlung mit 56.000 Einwohnern und im Sommer von reichlich Badetouristen besucht, ist ausgestorben. Nur die Neonröhren summen vor sich hin. Wer konnte, hat den nur neun Kilometer vom Libanon entfernten Ort verlassen. Spätestens, seit hier vor einer Woche um sieben Uhr Morgens die ersten Katjuscha-Geschosse einschlugen.

Die pensionierte Lehrerin Hamwa und Rachel müssen bleiben. Hamwas Mann arbeitet in einem Plastikwerk in Haifa. Dort sähen die Chefs nicht ein, dass ein paar Raketen den Produktionsablauf stören sollen, sagt sie. Sonst würde sie gehen. Bei Rachel ist es ihre 92-jährige Mutter Elisabeth. Sie kann nicht aufstehen. "Außerdem glaubt sie, sie habe schon viele Kriege überlebt", sagt Rachel und lacht laut, "sie fühlt sich immun." Bomben gehören in Naharia eben auch irgendwie zur Routine.

Merkwürdig ist die Stimmung unter denen, die nicht fort sind. Zu gut kennen sie die Bomben. Immer wieder gab es solche Angriffe, auch in den letzten Jahren - ganz abgesehen vom Krieg 1982. Zu gewöhnt an Gewalt sind die meisten Israelis, dass sie Angst zeigen würden. Sie hassen das Leben unter Beschuss aber so sehr, dass sie in brutalster Rhetorik die Ausrottung der Hisbollah fordern würden. Der Premier Ehud Olmert müsse nun bis "zum Ende" gehen, sagt auch Hamwa.

Irgendwo dazwischen gesellt sich Situationskomik. Ausgiebig können Frauen wie Hamwa und Rachel ratschen, warum im Bunker kein Klimaanlage und Fernseher installiert sind. Beide wissen, dass die Krise lange gehen kann. "Tage, Wochen oder gar Monate", prophezeit Rachel, "es hängt davon ab, wann wir die Hisbollah endlich ausgelöscht haben". Eine Alternative dazu gibt es im Polit-Schnack vor dem Schutzbunker nicht. Man habe sich das Treiben lange genug angesehen.

Rachel meint, sie sei mit den Nerven am Ende. In der Nacht könne sie nicht schlafen. Die Stunden zwischen Mitternacht und dem Morgengrauen verbringt sie nicht im Bunker. "Das ist nichts für mich", sagt sie. Lieber verbarrikadiert sie sich mit ihrem Hund in ihrer Toilette im Keller. Dass zwei Blöcke weiter ein anderes Wohnhaus getroffen wurde, bringt sie nicht in den Schutzraum. Am Tage langweile sie sich zu Tode: Ihr kleiner Shop muss geschlossen bleiben, das Fernsehen bringt nur Krieg.

Fachfrauen, wenn es um Katjuschas geht

Zwischendurch knallt es plötzlich dumpf. Rachel und Hamwa springen kurz auf, gehen in Richtung Treppe nach unten. Dann aber drehen sie sich wieder um. "Die war weit weg", sagt Rachel fachmännisch, "mindestens drei Kilometer". Als erstes tippt sie die Nummer ihrer Tochter ein. Die sitzt mit den Kindern in Tel Aviv, ist geflüchtet. "Es soll sich doch niemand Sorgen machen", sagt Rachel lächelnd. Sie flötet ins Handy, als ihre kleine Enkelin abhebt. Alles sei okay, nur ein bisschen schwül sei es.

Eigentlich soll jeder in Naharia den ganzen Tag im Bunker bleiben. Über 70 Raketen sind schon eingeschlagen. Auf einer Karte der Stadt in einem Militärbunker ist nur noch wenig Platz zwischen den roten Markierungsnadeln. Die Soldaten, eilig nach der Eskalation in den Norden befehligt, können nicht viel tun. "Wir fahren Patrouillen, machen Durchsagen, sorgen für Sicherheit", sagt der Unteroffizier. Warnen können sie nicht. Nur hinfahren, wenn die Raketen eingeschlagen sind.

Der Unteroffizier war schnell am Tatort, als gestern um 19.15 Uhr eine Rakete mitten im Zentrum von Naharia einschlug. Gerade eben hatte der 37-jährige Andrei Zelinksi seine beiden Töchter zurück in den Bunker geschickt. Er selber wollte schnell nach Hause laufen, neue Kleidung holen. Das Geschoss, völlig ungezielt irgendwo hinter den Bergen nahe Naharias abgefeuert, traf ihn direkt. Er war sofort tot. Das zweite Opfer aus Naharia. 70 weitere Menschen wurden verletzt. Seit Beginn der Kämpfe mit der Hisbollah sind in Israel weit über 800 Raketen eingeschlagen. Bei den Raketenangriffen wurden bislang 13 Menschen getötet.

Die mediale Verbreitung solcher Fälle ist gut organisiert. Keine Stunden waren vergangen, da flimmerten schon die ersten Fotos des Familienvaters über die israelischen TV-Mattscheiben. Seine Familie steht für Interviews bereit. Israel wird angegriffen, das soll jeder wissen. In Haifa organisiert das Pressebüro der israelischen Regierung Touren für Journalisten, ausdrücklich inklusive zweier Einschlagsorte von Raketen und einem Mittagessen. Wer den Weg in den Norden nicht wagt, kann Augenzeugen per Handy kontaktieren. Listen dafür gibt es jeden Tag im Internet.

Unterhaltungsprogramm unter der Erde

Auch im Krankenhaus ist man bestens vorbereitet. Die englischsprachige PR-Dame Judy hat eine ganze Liste mit Patienten, die in verschiedenen Sprachen Auskunft geben können. Ebenso gern führt sie durch den unterirdischen Trakt der Klinik, der 2003 gebaut wurde. "Wir wissen seit langem, dass wir von der Hisbollah abgegriffen werden können", sagt Judy, "als es passierte, war es erst etwas hektisch, doch wir hatten alles im Griff."

Es ist die israelische Routine mit dem Krieg, die manchmal fast amüsant ist. Per Auto trafen am Mittwoch zwanzig Jugendliche aus Jerusalem ein. "Die Kinder in den Bunkern drehen doch durch, wir kümmern uns um sie", sagt einer der Jugendlichen. Im Büro von Galia Mor, eigentlich Kulturbeauftragte der Stadt, liegen Listen mit weiteren Aktivitäten unter der Erde. Yoga, Meditation, Puppenspiel, ein Zauberer und Malkurse werden angeboten, damit die Zeit im Bunker schneller vergeht.

Im Bunker 516 an der Strandpromenade ist das Entertainment-Programm noch nicht angekommen. Gegen Mitternacht kommt plötzlich ein Polizeiwagen vorbei. Lächelnd bittet einer der Uniformierten die Damen, doch bitte wieder in den Bunker zu gehen. Es gebe eine Warnung vor noch mehr Bomben für diese Nacht. Rachel und Hamwa fordern der Aufforderung, wenn auch unwillig. "Wenn sie weg sind, gehe ich heim", sagt Hamwa augenzwinkernd, "mein Bett ist einfach besser als die Matratze."

Kurz darauf schlagen noch weitere Raketen in Naharia ein. Insgesamt waren es gestern nach Armeeangaben 16.