Nuklear-Schwarzmarkt: Dealer auf der Flucht - DER SPIEGEL
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Nuklear-Schwarzmarkt Dealer auf der Flucht

Die Enthüllungen über illegal verbreitetes Nuklear-Know-how nehmen kein Ende. Im Iran soll eine Anlage zur Uran-Anreicherung auf einer Militärbasis entdeckt worden sein. Einer der mutmaßlichen Schwarzmarkt-Dealer ist derweil offenbar untergetaucht.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Für die Mitarbeiter der Internationalen Atomenergiebehörde der Vereinten Nationen (IAEA) war diese Woche eine Woche schlechter Nachrichten. Zuerst entdeckten IAEA-Inspekteure, so vermeldeten es mehrere Medien, eine Anlage zur Uran-Anreicherung in unmittelbarer Nähe einer iranischen Militärbasis. "No Comment" hieß es dazu in der IAEA-Zentrale in Wien.

Sollte sich diese Nachricht bestätigen, wäre das ein erstes hartes Indiz dafür, dass die islamische Republik Nukleartechnologie nicht nur für die zivile Nutzung, sondern möglicherweise auch für militärische Projekte verwendet.

Dann verbreitete sich auch noch die Meldung, der aus Sri Lanka stammende Buhary Syed Abu Tahir sei untergetaucht. Abu Tahir wird verdächtigt, Teil des Netzwerks von Nuklear-Schwarzhändlern um den pakistanischen Atomphysiker Abul Qadeer Khan zu sein. "Wir müssen auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein", sagte angesichts dieser neuesten Entwicklungen der IAEA-Sprecher Mark Gwozdecky gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Haben noch weitere Länder illegal Know-how erworben?

Immer weitere Kreise zieht die Anfang Februar ausgelöste Affäre um den umtriebigen Pakistani. Nachdem Libyen Ende vergangenen Jahres freiwillig sein Atomprogramm aufgegeben und alle seine Daten zur Verfügung gestellt hatte, war aufgeflogen, dass der Mann mindestens ein Jahrzehnt lang Nuklear-Know-How gegen Geld weitergegeben hat. Außer in Libyen fand man auf Khans Labore zurückführbare Unterlagen im Iran. Und auch Nordkorea soll von dem illegalen Wissenstransfer profitiert haben.

"Wir haben schon eine Menge über dieses Netzwerk erfahren können", erklärte Gwozdecky. Aber man befinde sich noch in einer frühen Phase der Untersuchungen. Dass noch andere Länder oder Personen von Khan und seinen Mitarbeitern geheimes Wissen erhalten haben, mochte er ausdrücklich nicht ausschließen: "Wir wären naiv, etwas anderes anzunehmen", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Experten fürchten, dass Saudi-Arabien oder auch die Terrorgruppe al-Qaida entsprechende Technologie erworben haben könnten.

Die iranische Regierung bestritt unterdessen erneut die Anschuldigungen, sie versuche eine Atombombe zu bauen. "Irans Aktivitäten im nuklearen Bereich sind vollkommen friedlich", erklärte Hamid Reza Asefi, ein Sprecher der iranischen Außenministeriums. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart habe der Iran ein militärisches Nuklearprogramm betrieben. Derzeit befinden sich IAEA-Inspekteure noch im Iran. Wie viele genau es sind, wollte IAEA-Sprecher Gwozdecky indes nicht sagen.

Baldige Verhandlungen mit Nordkorea

Insgesamt sind weltweit knapp unter 300 Waffenkontrolleure im Auftrag der IAEA unterwegs. Ihre Aufgabe ist es zu überprüfen, ob die Staaten, die den Nichtverbreitungsvertrag (NVV) unterzeichnet haben, die dort verankerten Auflagen einhalten. Der Iran ist einer dieser Staaten. Teheran unterzeichnete Ende vergangenen Jahres auf internationalen Druck hin sogar das Zusatzprotokoll des Vertrages, demzufolge Inspekteure auch unangemeldet Nuklearanlagen inspizieren dürfen.

Nordkorea dagegen hat seine Unterschrift unter den Vertrag nach Auseinandersetzungen mit den USA bereits 2002 zurückgezogen. Damals äußerten US-Beamte den Verdacht, der kommunistische Staat betreibe ein Uran-basiertes Nuklearprogramm. Pjöngjang beharrt darauf, lediglich ein als weniger brisant eingeschätztes Programm auf der Grundlage von Plutonium zu unterhalten.

In der kommenden Woche sollen die Verhandlungen der so genannten "Sechsergruppe" wieder aufgenommen werden, der außer Nordkorea die USA, Südkorea, Russland, China und Japan angehören. Ziel ist es, einen Einblick in Nordkoreas Nuklearforschung zu erhalten und den schwelenden Konflikt insbesondere zwischen Washington und Pjöngjang zu entschärfen. Die USA glauben, dass Nordkorea mittlerweile über mindestens eine oder zwei Atombomben verfügt. Eine mögliche Kompromisslösung könnte darin bestehen, dass Nordkorea US-Inspekteure ins Land lässt und im Gegenzug Sicherheitsgarantien und Wirtschaftshilfe erhält. Die erste Runde der Verhandlungen vor einem halben Jahr war gescheitert.

USA halten Malaysia für einen Umschlagplatz

Die malaysische Regierung bestellte unterdessen den US-Botschafter ein, um sich darüber zu beschweren, dass US-Präsident George W. Bush in einer Rede Malaysia als einen der mutmaßlichen Umschlagplätze des Nuklear-Schwarzmarktes genannt hatte. Die USA verlangen von Malaysia eine striktere Exportkontrolle, um der Weiterverbreitung von Nukleartechnologie entgegen zu treten. Nach Ansicht der USA hat eine malayische Firma Teile einer Zentrifuge für das libysche Atomprogramm produziert. Malaysia hält dagegen, dass die Firma, die pikanterweise vom Sohn des malaysischen Ministerpräsidenten mitkontrolliert wird, nicht wusste, dass die Teile Bestandteil dafür bestimmt gewesen seien.

Der Deal zwischen Libyen und der verdächtigten malayischen Firma wurde angeblich von dem aus Sri Lanka stammenden Buhary Syed Abu Tahir eingefädelt. Dieser soll Medienberichten zufolge untergetaucht sein.

Liebesgrüße aus Karatschi

Auch in Deutschland wurde im Zusammenhang mit der Enthüllung von Khans lukrativem Schwarzmarkt-Netzwerk mutmaßliche Händler und Zulieferer verdächtigt. Der Geschäftsführer einer Firma für Messtechnik in der Nähe von Marburg bestritt am Donnerstag, illegal Nukleartechnik nach Pakistan geliefert zu haben. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen", sagt er. Wie SPIEGEL ONLINE berichtete, ermittelt die Marburger Staatsanwaltschaft gegen den Mann wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Ein Haftbefehl wurde gegen Auflagen außer Kraft gesetzt.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf, der von den Machenschaften des Abdul Qadeer Khan lange nichts gewusst haben will, scheint sich von dem internationalen Skandal um den illegalen Wissenstransfer die Beziehungen seines Landes zu Nordkorea nicht eintrüben lassen zu wollen. Herzlich gratulierte er dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Il zu dessen 62. Geburtstag, wie die nordkoreanischen Medien diese Woche mitteilten. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten, so schrieb Musharraf in seinem Brief, würden "unablässig stärker".