Nuklearprogramm: Nordkorea rüstet Atomanlage aus - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nuklearprogramm Nordkorea rüstet Atomanlage aus

Nordkoreanische Techniker haben den Atomreaktor in Yongbyan mit frischen Brennstäben ausgestattet. Die Kritik an dem kommunistischen Staat wegen der Wiederaufnahme seines Atomprogramms wird indes schärfer - und sie kommt aus der ganzen Welt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wien/Seoul - "Wir haben gestern bemerkt, dass sie an dem Fünf-Megawatt-Reaktor in Yongbyang arbeiten", sagte IAEA-Sprecher Mark Gwozdecky gestern der Nachrichtenagentur Reuters. "Und wir haben bemerkt, dass sie frische Brennelemente in den Reaktor bringen." In der vergangenen Woche hatte Nordkorea die Versiegelung von rund 8000 verbrauchten Brennelementen in dem Atomreaktor nördlich von Pjöngjang gebrochen, die nach Angaben der IAEA eine "bedeutende Menge" waffenfähiges Plutonium enthalten. Die USA fordern von Nordkorea ein Ende seines Atomprogramms, durch das das kommunistische Land nach US-Angaben Dutzende Atombomben jährlich herstellen kann.

Nordkoreanische Techniker hätten inzwischen die meisten Siegel und Überwachungskameras an den vier Nuklearanlagen des Landes entfernt, sagte Gwozdecky. Die Kameras und Siegel sollten sicher stellen, dass sich Nordkorea an das Abkommen von 1994 hält und auf sein Atomprogramm verzichtet.

An der Wiederaufbereitungsanlage des Komplexes in Yongbyong hätten die nordkoreanischen Techniker allerdings bislang nicht gearbeitet, schränkte Gwozdecky ein. In der Anlage kann Plutonium von anderen Substanzen der Brennelemente getrennt werden. "Die Wiederaufbereitungsanlage hat überhaupt keinen zivilen Nutzen", sagte der Sprecher der in Wien ansässigen Behörde. Nordkorea hatte erklärt, der Reaktor werde zur Stromgewinnung benötigt, nachdem die USA, Südkorea, Japan und die EU wegen des Atomprogramms ihre Öllieferungen an das Land eingestellt hatten.

Aus Kreisen der Vereinten Nationen verlautete, das Führungsgremium der IAEA wolle am 6. Januar über das nordkoreanische Atomprogramm beraten. Das Gremium könne dann möglicherweise Nordkorea einen Dialog anbieten oder den Fall an den Uno-Sicherheitsrat weiterleiten, hieß es.

Russland: Drohungen sind nutzlos

Russland forderte Nordkorea zur Zusammenarbeit mit der IAEA auf, um den Streit um sein Atomprogramm zu lösen. Drohungen gegen Nordkorea seien unnütz, um die Gefahren zu beseitigen, die von dem Programm ausgingen, warnte der stellvertretende russische Außenminister Alexander Losjukow.

Alexander Jakowenko, ebenfalls Vize-Außenminister, rief Pjöngjang und auch Washington auf, das Problem umgehend zu bereinigen. "Wir erwarten von allen Parteien die Erfüllung aller Verpflichtungen, unter anderem der Rahmenvereinbarung zwischen Nordkorea und den USA aus dem Jahr 1994", sagte Jakowenko der Agentur Itar-Tass. Es müsse ein friedlicher und konstruktiver Dialog begonnen werden, um die Probleme zu lösen, die "bei vielen Staaten der Region tiefe Besorgnis hervorrufen".

Mit dem Abkommen hatten Washington und Pjöngjang 1994 vereinbart, dass Nordkorea sein Atomprogramm einstellt und dafür von den USA zwei neue Atomreaktoren und auch Brennstoff-Lieferungen erhält. Die USA hatten die Lieferungen wegen der Atompläne Pjöngjangs eingestellt. Im Oktober hatte Pjöngjang nach US-Angaben zugegeben, ein geheimes Programm zur Anreicherung von atomwaffentauglichem Uran zu betreiben.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte Nordkorea am Montag davor gewarnt, den Irak-Konflikt für sein eigenes Streben nach Massenvernichtungswaffen auszunutzen und erklärt, die USA seien fähig, gleichzeitig zwei Kriege zu führen und zu gewinnen.

US-Präsident George W. Bush hatte Nordkorea zusammen mit dem Irak und Iran als "Achse des Bösen" bezeichnet und den Ländern vorgeworfen, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen zu wollen.

Auch Kritik aus Japan

Der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi bezeichnete heute das jüngste Vorgehen Pjöngjangs als "provokativ". Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien hatte zuvor japanischen Medienberichten zufolge erklärt, Nordkorea habe rund 400 Brennstäbe in die Anlage eines 5-Megawatt-Versuchsreaktors in Yongbyon gebracht.

Wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press unter Berufung auf informierte Kreise in Seoul berichtete, erwägt der neu gewählte südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun, zur Lösung des Konflikts um Nordkoreas Atomwaffenprogramm Sondergesandte nach Pjöngjang, Tokio und Peking zu schicken. Mit Bush habe Roh bereits einen gegenseitigen Austausch von Gesandten vereinbart.

Mehr lesen über