Österreich: Der Fall des Soldaten P.
Soldat starb nach Hitzemarsch Österreichische Rekruten beklagen unmenschliche Behandlung
Es sollte nur ein kurzer Marsch werden am 3. August, gut sieben Kilometer. Die Rekruten aus der Radetzkykaserne im niederösterreichischen Ort Horn, seit einem Monat im Dienst des österreichischen Bundesheers, rückten in der prallen Mittagssonne aus. Das Land erlebte gerade eine Hitzewelle, in Horn lagen die Temperaturen bei 35 Grad.
Der 19-jährige Soldat Toni P., der als sportlich und fit beschrieben wird, klagte an jenem Tag über Schwindel und Übelkeit. Trotzdem sollte er mitmarschieren. Nach etwa vier Kilometern brach er zusammen. Ein Kamerad spritze ihm Wasser ins Gesicht, woraufhin P. ihn einem Bericht der Wochenzeitung "Falter" zufolge verwirrt und schon nahezu bewusstlos fragte: "Warum spuckst du mich an?"
Anstatt einen Rettungswagen zu rufen, fuhren Soldaten ihren Kameraden P. zurück in die Kaserne. Auf dem Weg dorthin verlor er das Bewusstsein. Ein Notarzt ließ den jungen Mann sofort ins Krankenhaus einweisen. Doch die Ärzte kämpften vergeblich um sein Leben. Am frühen Abend war P. tot.
"Die behandeln uns wie Dreck"
Der Fall erinnert an den Tod eines deutschen Offiziersanwärters im niedersächsischen Munster, der im Juli ebenfalls bei einem Marsch bewusstlos zusammengebrochen und zehn Tage später gestorben war. Im österreichischen Fall steht der Vorwurf im Raum, der Soldat sei zuvor von seinen Ausbildern schikaniert worden.
Zunächst habe er, wie österreichische Zeitungen melden, zehn Tage Ausgangsverbot gehabt, weil er sich statt am 3. Juli mit einer Woche Verspätung zum Dienst meldete. Doch Rekruten aus seinem Umfeld melden sich nun zu Wort mit dem Vorwurf, P. sei unabhängig von dieser Disziplinarstrafe drangsaliert worden.
Weil das Verteidigungsministerium in Wien ihnen untersagt hat, mit Journalisten zu reden, legen sie Wert darauf, anonym zu bleiben. "Die Vorgesetzten haben P. von vornherein schlecht behandelt. Sie haben ihn als Simulanten betrachtet und ihm nicht abgenommen, dass es ihm wirklich nicht gut ging", sagt ein Soldat dem SPIEGEL.
"Die schikanieren uns und behandeln uns wie Dreck. Wenn wir sagen, dass wir nicht mehr können, brüllen sie uns an, dass jemand, der noch sprechen kann, auch noch fähig ist zu marschieren." Die Behandlung sei "unmenschlich", die Ansprache "nicht mehr zeitgemäß" und "geradezu unfassbar".
"Dumme Schwuchtel" und "depperter Versager"
Ein anderer Wehrdienstleistender erzählt, er habe beim Militär keinen "zärtlichen Ton" erwartet, aber das, was er jetzt erlebe, grenze an "Psychoterror": "Mal wird jemand als 'dumme Schwuchtel' bezeichnet, mal als 'depperter Versager'. Das geht den ganzen Tag so."
Einer Richtlinie zufolge hätten die Vorgesetzten ab einer Temperatur von mehr als 28 Grad den Marsch absagen können. "Aber die wollten uns fertigmachen und ließen uns trotzdem laufen, weil es keine Dienstvorschrift gibt, die Märsche bei großer Hitze ausdrücklich verbietet." Der Wehrdienst, das habe er nach einem Monat nun festgestellt, sei "schwachsinnig" und "sinnlose Beschäftigungstherapie".
Kommission soll Todesursache "restlos" und "transparent" aufklären
Nach der Obduktion hieß es zunächst, P. sei an einem Herzstillstand infolge einer Überhitzung des Körpers gestorben. Später korrigierte die Staatsanwaltschaft in Krems an der Donau, die Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen unbekannt führt, diese Aussage. Eine zweite Prüfung habe ergeben, dass der junge Mann unter einer "extrem seltenen akuten Infektion" gelitten habe.
Eine vom Verteidigungsministerium beauftragte Kommission soll die Todesursache nun "restlos" und "transparent" aufklären, wie Minister Hans Peter Doskozil es formuliert. Eine weitere Sonderkommission soll sämtliche Ausbildungsvorschriften überprüfen und eine "zeitgemäße Anpassung erarbeiten", wie es der Chef dieser Kommission, Generalleutnant Günter Höfler, dem "Kurier" sagt.
Oberst Michael Bauer, Sprecher des Verteidigungsministeriums, will von einem "unangemessenen Ton" im Bundesheer nichts wissen. "Wir haben jedes Jahr insgesamt 18.000 Wehrdiener, da gibt es immer einige, denen der Dienst nicht gefällt, und andere, für die ist es die beste Zeit ihres Lebens." Der Ton beim Militär sei nun mal rauer. Man dürfe deshalb nicht "das ganze System in Frage stellen", aber ebenso dürfe das natürlich nicht bedeuten, dass Rekruten schikaniert werden dürften. "Jeder, der das erlebt, kann sich in seiner Einheit oder anonym bei der parlamentarischen Bundesheerkommission beschweren."
"I hack dir die Finger ab, du Kanak"
Die hat bereits in Vergangenheit viele Fälle von Beschimpfungen und Schikanen dokumentiert. So ist ein Rekrut einmal von seinem Vorgesetzten mit den Worten "Wo is mei Neger?" gesucht worden. Ein anderes Mal sagte ein Unteroffizier zu einem Rekruten: "I hack dir die Finger ab, du Kanak."
In der Kompanie von P. habe ein Ausbilder die Rekruten beim Strammstehen mit den Worten angefahren: "Was macht ihr da mit euren Händen, wollt ihr, dass ich meine Eier in eure Hände lege, damit ihr sie streicheln könnt?" Ein weiteres Mal, berichtet der "Falter", soll er gesagt haben: "So, jetzt geht's wichsen, damit ihr den Kopf freikriegt!"
Die Wehrdienstleistenden aus Horn hoffen, dass der Tod ihres Kameraden Veränderungen bringen wird. "Vielleicht die Abschaffung der Wehrpflicht", wie einer sagt - eine Forderung, die in der Politik kaum Widerhall findet.
Im Januar 2013 hatte es eine erste österreichweite Volksbefragung dazu gegeben. Es war ein klares Votum: 59,7 Prozent waren für eine Beibehaltung der Wehrpflicht, 40,3 Prozent für eine Abschaffung.