Das Letzte, was Olga Diaz ertragen kann, ist Staub. Energisch wischt sie den längst blitzenden Parkettboden in dem frisch renovierten Schönheitssalon. Ihr Blick fällt durch die großen Fenster auf den Broadway. "Die Lage ist gut, es wird viel Fußverkehr geben", sagt sie.
Ein Jahr nach dem 11. September ist die Friseurin bereit für den Neustart. Ihr alter Salon lag in der Lobby des Marriott Hotels zwischen den Twin Towers. Am Fernseher in Florida sah sie zu, wie ihr Lebenswerk in der riesigen Staubwolke aufging.
Im April hat Diaz den Mietvertrag für die neuen Räume unterzeichnet, in wenigen Wochen ist die Einweihungsparty. Der Ground Zero ist in Sichtweite, aber das stört sie nicht. Sie wollte nicht weg aus dieser Gegend. "Ich bin eine Downtown-Frau", erklärt sie mit einem Akzent, der auch nach 38 Jahren noch ihre puertoricanische Herkunft verrät. Ihre Wohnung liegt in der eleganten Battery Park City, gleich auf der anderen Seite des Ground Zero.
An der Fassade des Ladens im zweiten Stock hängt noch das Schild der Vormieterin: "Anna's Nail Salon" hat die monatelange Schließung nicht überlebt. "Olga's Salon" steht bisher nur auf einem weißen DIN-A-Zettel am Fenster.
Die 54-jährige Unternehmerin ist stolz auf ihr neues Reich, das sie mit der Hilfe zweier Handwerker eigenhändig renoviert und eingerichtet hat. Verbittert allerdings klingt sie, wenn sie den Kampf mit den Behörden beschreibt, der ihr Leben seit dem 11. September bestimmt. "Sie behandeln mich nicht als Opfer, sondern als Kriminelle", sagt sie.
Die von den Politikern versprochene "unbürokratische Soforthilfe" erwies sich als nicht enden wollender Papierkrieg. Sie zählt die Behörden auf, bei denen sie vorstellig werden musste. Ihre Finger reichen nicht aus.
Die Small Business Administration verweigert ihr bis heute einen Kredit, angeblich, weil ihre Firma nicht existiert. "Ich muss beweisen, dass es mein Unternehmen gibt", sagt Diaz ungläubig. Sie zeigte ihre Steuererklärungen der vergangenen Jahre, doch die zählten nicht. Ihr Mietvertrag mit dem Marriott wurde ein Raub der Flammen.
Sie hat einige zehntausend Dollar aus anderen Regierungstöpfen bekommen, doch das Geld floss erst, nachdem sie einen neuen Mietvertrag vorweisen konnte. Versichert war sie nicht, ihre Police war einige Monate vor der Attacke abgelaufen. Die 70.000 Dollar, die sie bisher investiert hat, sind ihr eigenes Geld. "Gottseidank habe ich eine gute Bonität bei der Bank", sagt die Geschäftsfrau, die ihren Salon seit zwanzig Jahren führt.
Es ist auch nicht das erste Mal, dass Diaz nach einer Katastrophe wieder aufbauen muss. Als 1993 eine Bombe das World Trade Center erschütterte, lag ihr Salon noch im 44. Stock des Südturms. Danach wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, und ihre Kunden mussten fortan jedes Mal ein Bild am Eingang machen lassen, wenn sie zum Friseur wollten. Das Geschäft brach ein. Im 44. Stock war sie nach dem Bombenanschlag die einzige Mieterin, alle anderen waren ausgezogen. Sie blieb bis 1995 - so lange ihr Vertrag lief.
1996 zog sie ins Marriott, aus Sicherheitsgründen in die Lobby. Doch gegen die Attacke aus der Luft half auch das nicht. "Ich habe alles verloren", sagt Diaz, und es wirkt nicht theatralisch. Zwei Dutzend ihrer langjährigen Kunden sind in den Türmen umgekommen. Auch in ihre Wohnung in Battery Park City konnte sie monatelang nicht zurück. Sie lebte in ihrem Haus in Jersey City.
Nach dem ersten Schock begann sie jedoch, ihr provisorisches Leben zu genießen. "Olga auf Rädern" nannte sie sich jetzt: Sie machte Hausbesuche mit der U-Bahn. Ihre Stammkunden halfen in der Not. Sie ließen sich häufiger ihre Haare machen und verwiesen Bekannte an Diaz. "Es war wie eine große Familie", sagt sie. Manchmal kamen die Kunden auch zu ihr nach Hause. Die Haare wusch sie dann im Küchenwaschbecken, den Kopf vornüber. "So wie früher. Ist auch besser fürs Haar", sagt sie und lacht. "Wir haben einen Wein geöffnet, es war gemütlich."
Nach sechs Monaten, als sie auf Ladensuche den Broadway ablief, sah sie das Schild "For Rent" an dem verstaubten "Anna's Nail Salon". Als sie ihn besichtigte, war er nur kurz gefegt worden. "Es sah fürchterlich aus", erinnert sie sich. "Aber ich wusste sofort: Den will ich."
Inzwischen ist auch das letzte Staubkörnchen entfernt, die lange blinden Fensterscheiben streifenfrei. Ein Stammkunde, der zufällig reinschaut, kann seine Begeisterung nicht verbergen: "Wow!"